Bunte Innenwelten
"Der ist doch schizophren!"
Justin lebt mit Schizophrenie & Depression. Im Interview erzählt er, wie sich seine Erkrankungen bereits im Jugendalter bemerkbar machten, wie sich Paranoia, Stimmen & Halluzinationen für ihn anfühlen und was ihm heute im Umgang damit hilft. Er spricht außerdem über Suizidgedanken, Einsamkeit, seine Familie & darüber, warum ein gutes und selbstbestimmtes Leben trotz einer schweren psychischen Erkrankung möglich ist.

Julia:
Wenn die Menschen, die das lesen, deine Geschichte erzählt bekommen: Wo würdest du anfangen?
Justin:
Ich würde mit der Diagnose im elften Lebensjahr anfangen. Ich hatte vorher schon viel Gewalt erfahren und war immer ein komisches Kind. Mit elf oder zwölf Jahren kam dann eine erste Lebenskrise auf mich zu. Ich merkte, dass ich in der Schule nicht ankam, in der Familie lief es nicht gut und auch in Freundschaften gab es Probleme. Da rutschte ich in meine erste depressive Phase und wurde von einem Arzt behandelt.
Nach ungefähr zwei Jahren fiel dem Arzt auf, dass Symptome hinzukamen, die nicht nur für eine Depression sprachen. Mit 13 Jahren bekam ich dann die Diagnosen frühe Schizophrenie und Depression.
Julia:
Was bedeutet frühe Schizophrenie?
Justin:
Schizophrenie beginnt normalerweise erst im Erwachsenenalter. Die meisten Menschen bekommen schizophrene Symptome ungefähr um das 20. Lebensjahr herum, also am Ende der Pubertät. In seltenen Fällen, vor allem bei genetisch bedingter Schizophrenie, kann sie aber schon viel früher anfangen.
Julia:
Ist die Schizophrenie bei dir genetisch bedingt?
Justin:
Es ist beides. Einerseits ist sie genetisch bedingt – von der Seite meines Opas. Seine beiden Brüder sind an den Folgen der Schizophrenie gestorben. Andererseits ist sie durch meine Kindheit auch traumabedingt.
Julia:
War die Erkrankung bei deinen Großeltern bekannt?
Justin:
Bei meinem Opa war das bekannt. Zu der Zeit, als seine Brüder starben, stand die Diagnose natürlich noch nicht fest. Im Zuge meiner Diagnose wurde dann nach Verwandten gesucht, die ein ähnliches Verhalten gezeigt hatten.
Julia:
Dann hat man gewissermaßen eine Antwort darauf bekommen, warum die beiden aus dem Leben getreten sind.
Justin:
Ja. Ich habe mit meinem Opa darüber gesprochen. Es hat ihn nicht stark überrascht. Er hatte keinen Namen dafür, wusste aber, dass da etwas war, dass es kein Zufall war und seine Brüder eine Erkrankung hatten.
Julia:
Hast du das damals mitbekommen?
Justin:
Nein. Mein Opa war selbst erst neun Jahre alt. Seine beiden älteren Brüder entwickelten durch die Folgen der Erkrankung und den damit verbundenen Stress ein starkes Alkoholproblem. Beide sprangen später aus derselben Klinik in den Tod.
Julia:
Schizophrenie ist eine sehr facettenreiche Erkrankung. Wie würdest du jemandem erklären, was sie überhaupt ist?
Justin:
Schizophrenie kann sich durch Hunderte Symptome auszeichnen. Zu den häufigsten gehören Paranoia, paranoides Denken und allgemein auch wahnhaftes Denken. Man verliert etwas den Bezug zur Realität. In schlimmeren Fällen und Situationen kann es zu einem fast vollständigen Realitätsverlust kommen.
Julia:
Welche Symptome hast du mit elf Jahren gezeigt?
Justin:
Angefangen hat es mit Paranoia. Ich sprach meine Mutter mehrfach darauf an, dass ich fest davon überzeugt war, die Lehrer an meiner Schule hätten etwas gegen mich. Ich glaubte, sie würden gemeinsam mit den Schülern planen, wie ich gemobbt werden sollte, um mich von der Schule zu vertreiben. Ich wurde damals tatsächlich gemobbt. Im Nachhinein klingt dieser Gedanke natürlich völlig irrational. Wahrscheinlich gab es einfach einige Lehrer, die das Mobbing nicht besonders interessierte. Aber das waren die ersten Anzeichen dafür, dass das kein gewöhnlicher Gedanke eines Elfjährigen war. Im Laufe der Jahre kamen auch Halluzinationen hinzu.
Julia:
Warst du davon vollkommen überzeugt? Gab es Stimmen in deinem Kopf, wie man es im Zusammenhang mit Schizophrenie oft hört?
Justin:
Die Stimmen treten bei mir zum Glück nur in Stresssituationen auf. Es ist ein bisschen so, als hätte man Zuschauer, die alle ihren Senf dazugeben wollen. Es gibt Menschen, die ausschließlich positive Stimmen hören und dadurch kaum Probleme im Alltag haben. In meinem Fall sind sie eher abwertend. Sie sind nicht gefährlich und haben noch nie versucht, mich oder andere Menschen in Gefahr zu bringen. Stimmen, die Menschen in Gefahr bringen wollen, sind auch extrem selten. Meine Stimmen sagen mir eher, dass ich nichts wert sei, etwas verdient hätte oder mich ohnehin jemand hasse.
Man diskutiert gewissermaßen mit sich selbst und vertieft sich in Gedanken, die jeder Mensch kennt. Bei mir werden sie auf hundert geschaltet. Irgendwann wirken sie so real wie die Gegenstände im Raum. Dann gibt es keine klare Abgrenzung mehr.
Julia:
Viele Menschen halten solche Stimmen für eine Einbildung. Für Betroffene ist es aber tatsächlich so, dass sie diese Stimmen hören. Das kann sich jemand ohne Schizophrenie wahrscheinlich kaum vorstellen.
Justin:
Viele stellen es sich wie einen leichten Drogentrip vor und glauben, man könne trotzdem herausfiltern, was echt ist und was nicht. Das ist nicht der Fall. Ich erkläre es gern mit einem Beispiel: Wenn du wandern gehst und plötzlich ein Bär vor dir steht, fragst du dich nicht zuerst, ob der Bär echt ist, ob es logisch ist, dass dort Bären leben, oder ob du dir das nur einbildest. Im ersten Moment ist da ein Bär und du bist in Gefahr. Vielleicht kannst du es später, wenn der Schock vorbei ist, rationalisieren und sagen: Hier gibt es keine Bären, das kann nicht passiert sein.
In dem Moment, in dem Stimmen mit dir sprechen, sind diese Stimmen echt. Wenn du Halluzinationen hast, sind es Dinge, die gerade passieren. Du kannst sie nicht einfach ignorieren, genauso wenig wie du ein Auto ignorieren kannst, das auf dich zufährt. Darin liegt eine große Schwierigkeit, aus paranoid-halluzinatorischen Zuständen herauszukommen.
Julia:
Kann man den Umgang damit üben?
Justin:
Es gibt Techniken, mit denen man das üben kann. Es ist allerdings schwierig, diese Übungen anzuwenden, während man mitten in einer Halluzination steckt. Es gibt Atemübungen, die helfen, die Herzfrequenz wieder zu senken, und Übungen gegen Stress, damit solche Situationen möglichst gar nicht erst entstehen.
Die Schwierigkeit bei Schizophrenie ist, dass es sehr viele unterschiedliche Krankheitsbilder gibt. Man kann hundert Menschen mit Schizophrenie zusammenbringen, und niemand wird genau dasselbe Krankheitsbild und dieselben Erfahrungen haben. Deshalb ist es schwer, allgemein anwendbare Techniken zu finden, die allen helfen. Es braucht meist eine langjährige Zusammenarbeit mit Psychiatern und Therapeuten, natürlich auch in Verbindung mit Medikamenten. Die sind gerade bei Schizophrenie sehr wichtig.
Julia:
Hast du Medikamente bekommen?
Justin:
Ja. In schlimmeren Phasen hatte ich ein Antipsychotikum. Ich kann leider nicht mehr sagen, wie es hieß, weil ich in meinem Leben schon viele Medikamente genommen habe. Wie jedes Medikament hatte es Nebenwirkungen, aber die Symptome wurden dadurch wirklich gut eingedämmt. In ruhigeren Phasen, in denen mich die Schizophrenie in Ruhe lässt, nehme ich dieses Medikament nicht, sondern mein normales Antidepressivum.
Julia:
Ist es tatsächlich so einfach, ein Medikament nicht dauerhaft einzunehmen? Viele Menschen können gerade deshalb recht gut leben, weil sie es nehmen. Sobald sie es absetzen, werden die Symptome wieder stärker.
Justin:
Das stimmt für viele Menschen, vor allem bei einer stärkeren Schizophrenie. Ich bin glücklicherweise ein etwas leichterer Fall. Bei mir verläuft die Erkrankung, wie bei vielen, in Wellen. In ruhigen Phasen kann ich auf das Antipsychotikum verzichten, habe aber für den Notfall immer welches da und stehe ständig mit meinem Arzt in Kontakt.
Sobald ich merke, dass häufiger schlimme paranoide Gedanken oder ungewöhnliche Situationen auftreten, bin ich schnell und ehrlich mit meinem Arzt. Dann sage ich, dass etwas nicht stimmt und ich das Medikament wahrscheinlich eine Zeit lang nehmen sollte, bis es mir wieder besser geht.
Julia:
Dann lassen sich diese Wellen wohl am besten eindämmen, indem man auf seine psychische Gesundheit achtet: Was verursacht Stress, wie lässt er sich vermeiden und welche Strategien helfen bei der Regulation? Gestaltest du dein Leben so, dass du gut auf dich achtest?
Justin:
Auf jeden Fall. Stress lässt sich aber nicht immer verhindern. Wir alle haben stressige Situationen im Leben. Außerdem ist Stress nicht bei allen Menschen der einzige Auslöser. Bei manchen treten die Wellen willkürlich auf. Diese Menschen nehmen ihre Medikamente dann durchgehend, weil sie nicht abschätzen können, wann die nächste Welle beginnt.
Ich kann meine Anzeichen inzwischen besser einschätzen, weil ich sehr viel Therapie gemacht und intensiv mit meinem Arzt daran gearbeitet habe. Bei der Prävention ist es besonders wichtig, mit dem Arzt zusammenzuarbeiten. Wenn man merkt, dass der Arzt einen nicht ernst nimmt, sollte man sich einen anderen suchen. Unbehandelt wird die Erkrankung mit der Zeit schlimmer. Behandelt kann man aber sehr gut mit ihr leben. Schizophrenie ist meiner Ansicht nach nicht gefährlich, wenn man mit ihr umgehen kann.
Julia:
Würdest du diese Wellen als psychotische Phasen oder Psychosen bezeichnen?
Justin:
Ja, ich würde sie als Psychosen bezeichnen. Paranoide Gedanken können sich verstärken. Manche Menschen glauben dann zum Beispiel, sie würden ferngesteuert und hätten keine aktive Kontrolle mehr darüber, wie ihr Körper funktioniert. Andere glauben, dass alle Menschen ihre Gedanken lesen können. Das versetzt sie in ständige Angst, denn es sagt viel über einen Menschen aus, wenn jeder weiß, was er denkt.
Andere glauben, sie würden von der Regierung mit Kameras oder Maschinen überwacht oder hätten kleine Geräte in ihrem Körper, mit denen sie ständig kontrolliert werden. Die Rationalität, mit der man normalerweise fragen würde, warum ausgerechnet ein gewöhnlicher Bürger überwacht werden sollte, verlässt einen. Man weiß vielleicht nicht, warum man überwacht wird, ist sich aber sicher, dass es geschieht. Es gibt auch Menschen, die glauben, ihre Freunde und Familienmitglieder seien durch Doppelgänger ersetzt worden. Solche Psychosen können Monate, bei manchen sogar Jahre anhalten.
Julia:
Eine Psychose ist keine eigenständige Diagnose, sondern eher ein Symptom. Wie hängen die Begriffe Schizophrenie und Psychose zusammen?
Justin:
Die Bezeichnung Symptom finde ich passend. Eine Psychose ist kein eigenes Krankheitsbild, so wie eine laufende Nase kein Krankheitsbild ist. Bei verschiedenen Erkrankungen – etwa einer bipolaren Störung oder Schizophrenie – kann eine Psychose als Extremzustand auftreten. Psychosen können auch durch andere Dinge ausgelöst werden, haben aber meistens eine psychische Erkrankung als Grundlage.
Julia:
Psychosen treten also nicht nur bei Schizophrenie auf. Es gibt zum Beispiel auch Depressionen mit psychotischen Symptomen. Deshalb kann man nicht sagen, dass eine psychotische Person automatisch Schizophrenie hat.
Justin:
Auf jeden Fall. Psychosen können beispielsweise auch durch Drogen ausgelöst werden. Sie sind eine mögliche Reaktion des Gehirns. Nicht jede Psychose hat etwas mit Schizophrenie zu tun. Ich würde sogar sagen, dass relativ wenige Psychosen ausschließlich aus einer Schizophrenie heraus entstehen.
Julia:
Bei dir wurde anfangs eine Depression diagnostiziert. Woran erkannten die Ärzte, dass es sich nicht nur um eine Depression mit psychotischen Symptomen, sondern um Schizophrenie handelte?
Justin:
Schizophrenie zeichnet sich nicht nur durch Paranoia und Halluzinationen aus. Das wären sogenannte Positivsymptome, wobei das Wort „positiv“ in diesem Zusammenhang missverständlich ist.
Julia:
Was sind Positivsymptome?
Justin:
„Positiv“ bedeutet hier nur, dass etwas hinzukommt. Negativsymptome nehmen dagegen etwas weg, wie man es auch von Depressionen kennt: Lust, Schlaf oder Emotionen können einem genommen werden. Bei Positivsymptomen kommt etwas hinzu, das das Gehirn normalerweise nicht erzeugt – zum Beispiel Paranoia, der Glaube an gottgleiche Kräfte oder daran, überwacht zu werden, sowie Halluzinationen.
Positiv- und Negativsymptome müssen nicht immer gemeinsam auftreten. Manche Menschen haben unglaublich viel Energie und kaum Negativsymptome. Die Diagnose hängt auch nicht einfach von einer bestimmten Anzahl an Symptomen ab. Starke Halluzinationen können beispielsweise schwerer wiegen als mehrere Negativsymptome, die eher auf eine Depression hindeuten. Es ist von Fall zu Fall schwierig zu unterscheiden, ob eine Psychose, Schizophrenie, eine Depression mit psychotischen Symptomen oder eine andere Erkrankung vorliegt. Das muss ein Experte beurteilen.
Julia:
Viele Menschen glauben, Schizophrenie bedeute, mehrere Persönlichkeiten zu haben. Das ist aber ein anderes Krankheitsbild. Hast du eine Ahnung, warum beides so oft verwechselt wird?
Justin:
Ich glaube, das liegt an der Popkultur. Filme, Serien und Bücher haben „Schizophrenie“ vermutlich irgendwann als spannenderes Wort benutzt und nach dem Prinzip gearbeitet: Verrückt ist verrückt. So hat sich die Verwechslung in den Köpfen festgesetzt, obwohl eine multiple Persönlichkeitsstörung nicht einmal zu den Symptomen der Schizophrenie gehört. Es sind völlig unterschiedliche Krankheitsbilder, ungefähr wie eine kaputte Lunge und ein gebrochenes Bein.
Julia:
Bei einer multiplen Persönlichkeitsstörung gibt es tatsächlich unterschiedliche Persönlichkeiten. Bei Schizophrenie bleibst du du selbst. Die Stimmen in deinem Kopf sind keine anderen Persönlichkeiten. Vielleicht entsteht die Verwechslung dadurch, dass Menschen an „mehrere Personen im Kopf“ denken.
Justin:
Das kann sein. Es macht aber einen großen Unterschied, ob man Zuschauer hat oder weitere Personen mit sich auf der Bühne. Auch Persönlichkeitsstörungen und Schizophrenie sind völlig verschiedene Dinge. Schizophrenie ist bei vielen Betroffenen genetisch veranlagt. Viele Menschen können sie ihr ganzes Leben lang in sich tragen, ohne es zu merken, weil es nie ein Ereignis gab, das sie ausgelöst hat.
Julia:
Wie viele Menschen sind von Schizophrenie betroffen? Oft heißt es, die Erkrankung sei sehr selten.
Justin:
Im Großen und Ganzen ist sie selten, aber nicht so selten, wie viele denken. Statistisch hat ungefähr ein Prozent der deutschen Bevölkerung eine ärztlich bestätigte Schizophrenie. Die Dunkelziffer könnte noch größer sein. Das wären etwa 800.000 Menschen beziehungsweise einer von hundert.
Julia:
Wenn man sagt, jeder Hundertste sei betroffen, wirkt das schon anders.
Justin:
Auf jeden Fall. Man sieht es den Menschen natürlich nicht an. Man stellt sich oft nur Extremfälle vor: Menschen, die nackt auf der Straße herumlaufen und zusammenhanglose Dinge sagen. So sieht Schizophrenie aber nicht bei allen aus. Solche Fälle sind sehr selten.
Julia:
Wie oft hattest du das Gefühl, als „verrückt“ angesehen zu werden, wenn andere von deiner Diagnose erfuhren?
Justin:
In meiner Jugend war das häufiger so. Seit ich selbst offen damit umgehe und den Menschen erkläre, wer ich bin, welche Symptome ich habe und was manchmal damit einhergeht, werde ich mit relativ offenen Armen angenommen.
Julia:
Dann erzähl doch einmal: Wer bist du und was sind deine Symptome?
Justin:
Ich bin Justin und werde demnächst 30. Meine Symptome sind vor allem paranoide Schübe, die sich auf andere Menschen beziehen. Wenn mir beispielsweise mehrere Menschen plötzlich nicht mehr antworten, kommen Gedanken auf wie: Irgendetwas stimmt nicht. Sie planen etwas gegen mich. Es kann kein Zufall sein, dass drei Menschen gleichzeitig nicht mehr antworten.
Außerdem hatte ich auditive und visuelle Halluzinationen. Manche davon waren im Nachhinein eher lustig, andere erschreckend.
Julia:
Hast du dafür Beispiele?
Justin:
Eine Halluzination, die sich besonders eingeprägt hat, hatte ich noch im Haus meiner Mutter. Nachts ging ich von der Toilette zurück in mein Zimmer. Im Gang lag ein großer Hund. In meinem müden Zustand nahm ich zunächst gar nicht wahr, dass etwas nicht stimmte. Ich stieg über den Hund, weil er mitten im Gang lag. Erst als ich den Fuß über ihm absetzte, wurde mir klar, dass wir keinen Hund besaßen und nie einen besessen hatten. Er konnte nicht echt sein.
Das war ein richtiger Schreckmoment. Ich sprintete in mein Zimmer und machte das Licht an. Da war der Hund schon wieder verschwunden. Die Halluzination ist danach nie wieder aufgetaucht, obwohl sich Halluzinationen bei vielen Menschen mit Schizophrenie wiederholen.
Julia:
An dieser Erzählung wird deutlich, wie real sich der Hund für dich angefühlt hat. Während du erzählt hast, habe ich selbst überlegt, ob er wirklich da war.
Justin:
In dem Moment rätselt man nicht, ob es Schwachsinn ist und man gar keinen Hund hat. Man reagiert, als läge dort tatsächlich ein fremder Hund.
Meine häufigste Halluzination nenne ich den „Seemann“. Das ist ein sehr großer Mann, dessen Gesicht ich nie sehe. Er steht entweder um eine Ecke oder in einem Türrahmen und ist so groß, dass der Rahmen sein Gesicht verdeckt. Er trägt einen langen gelben Regenmantel, wie man ihn von Seeleuten kennt. Er macht nichts, sondern steht nur im Hausgang oder in einer Ecke. Meistens nehme ich ihn aus dem Augenwinkel wahr. Sobald ich die Augen auf ihn richte, beginnt das Herzrasen. Auch wenn es schon öfter passiert ist, habe ich in diesem Moment Angst, dass sich jemand in meiner Wohnung befindet.
Julia:
Du hast gerade mehrfach in die Nische dort gesehen. Ist er im Moment da?
Justin:
Nein. Aber das wäre die perfekte Nische, in der er auftauchen würde. Solche Halluzinationen dringen schon in das eigene Leben ein. Es klingt wie aus einem Horrorfilm oder wie ein Geist. Außerhalb der Halluzination finde ich es oft eher witzig als erschreckend, weil ich dann weiß, dass es nicht echt war. In der Situation selbst ist es erschreckend – so wie jeder Mensch erschrecken würde, wenn plötzlich ein Fremder in der Wohnung steht.
Julia:
Was war das Beunruhigendste, das du gehört oder gesehen hast?
Justin:
Als ich ungefähr 14 oder 15 war, hörte ich in der Wohnung meiner Mutter fünf oder sechs Tage lang jede Nacht Kinder lachen und schreien – direkt vor meinem Fenster. In der Umgebung lebten eigentlich nur ältere Menschen, die früh schlafen gingen. Es war vielleicht nicht die gruseligste Halluzination, aber sie sorgte dafür, dass ich fast eine Woche kaum ein Auge zubekam. Das war bisher die Halluzination, die meinen Alltag am stärksten beeinträchtigt hat.
Julia:
Wie lange ist es her, dass du zuletzt etwas gesehen oder gehört hast?
Justin:
Eine Weile. Die paranoiden Gedanken kommen immer wieder, aber Halluzinationen sind zum Glück selten. Es ist vielleicht ein halbes bis ein Jahr her.
Julia:
Kannst du dich erinnern, was damals passiert ist?
Justin:
Ich habe im Sommer nachts meine Partnerin Tiana abgeholt. Auf dem Weg sah ich einige typische Schattengestalten, die sich gewissermaßen vor mir versteckten. Es wirkte, als wollten Menschen außerhalb meines Blickfeldes bleiben und würden sich jedes Mal hinter Mauern verstecken, sobald ich hinsah. Das dauerte ungefähr fünf Minuten.
Julia:
Wie gehst du mit einem solchen Vorfall um, wenn du gerade kein Antipsychotikum einnimmst?
Justin:
Einzelne Vorfälle führen meistens nicht dazu, dass ich wieder Medikamente nehme. Das erwäge ich eher, wenn mehrere Dinge kurz hintereinander passieren oder andere mich darauf ansprechen, dass etwas ungewöhnlich wirkt. Einzelne Vorfälle werden wahrscheinlich mein Leben lang vorkommen. Solange sie mein Leben nicht stark beeinträchtigen oder durcheinanderbringen, beginne ich nicht sofort wieder mit den Medikamenten.
Julia:
Wie hast du dich in der konkreten Situation mit den Schatten gefühlt, und was hast du getan?
Justin:
Ich war ängstlich und gestresst. Ich nahm meine Kopfhörer heraus, weil ich mich ohne mein Gehör nicht mehr sicher genug fühlte. Auf den letzten fünf Minuten ging ich vorsichtiger und schneller zu einem Ort, an dem mehr Menschen waren. Das holt mich meistens wieder zurück. Ich war nicht vor Angst gelähmt, sondern dachte eher: Das gefällt mir gerade gar nicht, also gehe ich schneller.
Julia:
Hast du diesen Umgang in der Therapie gelernt? Was hat dir dort besonders geholfen?
Justin:
Nach einer Halluzination fühlte ich mich früher oft etwas verloren. In der Therapie lernte ich, mich anschließend hinzusetzen, mir fünf Minuten zu geben und über die Situation nachzudenken. Ich sage mir: Das war nicht echt. Es kann mir nicht wehtun. Es hat keine Macht über mich. Diese kurze Erkenntnis hilft, sich wieder zu festigen und nicht in dem Gefühl zu versinken: Was war das, und was soll ich jetzt tun?
Julia:
Hast du auch gelernt, was du vorbeugend tun kannst, um in einer solchen Situation besser zurechtzukommen?
Justin:
Wie bei vielen psychischen Erkrankungen geht es darum, die eigenen Trigger zu erkennen: Was macht die Symptome schlimmer, und wie kann ich es verhindern oder besser damit umgehen? Bei mir sind es vor allem Stress und lange Phasen des Alleinseins. Dann arbeitet mein Gehirn entweder zu viel oder aus Langeweile zu wenig und beginnt, die Symptome hochzufahren. Ich bin gern allein und brauche meine eigene Zeit, achte aber darauf, immer wieder Kontakt zu anderen Menschen herzustellen. Außerdem versuche ich, möglichst stressarm durchs Leben zu gehen.
Julia:
Sind das deine wichtigsten Strategien?
Justin:
Ja. Bei anderen Menschen können völlig andere Dinge eine Rolle spielen. Am meisten hilft es, herauszufinden, was die Erkrankung verschlimmert, und daran zu arbeiten. Stress lässt sich nicht immer vermeiden, aber man kann lernen, damit umzugehen.
Julia:
Du hast mir einmal erzählt, dass du viel mit Wissen kompensierst. Ist das ebenfalls eine Strategie von dir?
Justin:
Auf jeden Fall. Die größte Angst ist oft die Angst vor dem Unbekannten. Deshalb befasse ich mich intensiv mit Themen, die mir Angst machen. Verständnis sorgt meiner Meinung nach dafür, dass man weniger Angst hat. Wenn ich nichts über psychische Erkrankungen wüsste – nicht, warum mein Gehirn das macht, welche Symptome auf mich zukommen oder wie die Medikamente wirken –, wäre das wie eine mysteriöse Krankheit und viel beängstigender.
Wenn ich die bekannten Fakten kenne, kann ich mich besser auf meine Ängste einstellen. Das lässt sich auf viele Ängste im Leben übertragen: Je mehr man sich mit ihnen befasst, desto eher kann man sie irgendwann überwinden oder einordnen.
Julia:
Kannst du eine konkrete Situation nennen, mit der du heute besser umgehen kannst als früher?
Justin:
Ich kann heute besser mit der Paranoia umgehen, dass meine Freunde plötzlich nicht mehr mit mir sprechen wollen oder etwas gegen mich planen. Inzwischen vertraue ich mir selbst genug, um zu sagen: Ich weiß doch, wie diese Menschen über mich denken, dass sie mich mögen und mit mir zu tun haben wollen.
Die Gedanken sind manchmal weiterhin da und stark. Trotzdem hilft es mir, mir wie ein Mantra vorzusagen: Das wird vorbeigehen, und danach werde ich wieder erkennen, dass es nicht stimmt.
Julia:
Kommt dieses Mantra inzwischen automatisch, oder musst du aktiv etwas dafür tun?
Justin:
Der Gedanke, dass ich es anwenden sollte, kommt inzwischen recht automatisch. Die Entscheidung, es aufrechtzuerhalten, bleibt aber eine bewusste Entscheidung. In dunklen Phasen, wenn auch die Depression stark ist und ich keinen Kontakt zu anderen Menschen möchte, kann es passieren, dass ich mich dagegen entscheide und mich in den Gedanken fallen lasse: Dann ist es eben so, dann mag mich keiner. Aber der Gedanke daran, dass mich die Menschen mögen, kommt mittlerweile automatisch.
Julia:
Wenn man sich mit der Erkrankung auseinandersetzt, kann man also durchaus lernen, mit manchen Dingen besser umzugehen?
Justin:
Auf jeden Fall. Mit Schizophrenie kann man gut leben, wenn man sie behandeln lässt und ein unterstützendes Umfeld hat, das einem durch schwierige Phasen hilft. Dadurch werden nach meiner Erfahrung auch die Symptome deutlich besser. Ich glaube, der größte Feind eines Menschen mit Schizophrenie ist Einsamkeit – niemanden zu haben, der dabei hilft, aus diesem Sumpf falscher Annahmen wieder herauszukommen. Deshalb: Suche Nähe, nimm Therapie und Medikamente in Anspruch und bleib an der Sache. Dann lässt sich die Erkrankung gut bewältigen.
Julia:
Wie hat das Wissen um deine Erkrankung deinen Alltag in den vergangenen Jahren verändert?
Justin:
Die Symptome können sehr störend sein. Einige Negativsymptome haben mir auch im Arbeitsleben nicht geholfen. Deshalb führe ich momentan ein weitgehend arbeitsfreies Leben. Auch damit muss man klarkommen und seinen eigenen Weg finden. Zwischenmenschlich bin ich – abgesehen davon, dass manche Menschen mich für einen komischen Typen halten – relativ gut weggekommen.
Julia:
Wie denkst du heute über deine Zukunft? Hat sich deine Sicht darauf durch die Diagnose verändert?
Justin:
Die ersten Jahre waren von Hilflosigkeit geprägt. Eine solche Diagnose verändert das Leben stark und löst einen großen Schock aus. Davon habe ich in den ersten Jahren viel gespürt.
Julia:
Was hat sich seitdem verändert?
Justin:
Meine Partnerschaft, die inzwischen fast elf Jahre besteht, hat viel verändert. Ich habe meine Unterstützung von meiner toxischen Familie weg und hin zu einer nicht toxischen Freundesgruppe verlagert. Dazu kamen Therapeuten und Ärzte, bei denen ich spürte, dass sie wirklich wollten, dass es mir gut geht. Dadurch veränderte sich meine Hoffnungslosigkeit. Ich erkannte, dass die Lage vielleicht gar nicht so hoffnungslos ist und ich trotz allem ein gutes und schönes Leben führen kann.
Julia:
Bist du auch im Hinblick auf einen möglichen Kinderwunsch optimistisch? Wir haben darüber gesprochen, dass Schizophrenie genetisch weitergegeben werden kann.
Justin:
Im Moment möchte ich keine Kinder. Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich wegen der Schizophrenie ein schlechter Vater wäre. Aber die Angst, meinen Kindern die Erkrankung zu vererben, ist natürlich ein Faktor. Es ist ein Hin und Her: Möchte man das Risiko eingehen? So geht es wahrscheinlich vielen Menschen mit unterschiedlichen genetischen Erkrankungen oder mit der allgemeinen Angst davor, dass ein Kind nicht körperlich und geistig unbeschadet zur Welt kommt. Für mich ist es eine weitere Sache, die ich beachten muss.
Julia:
Wie gingen deine Eltern mit dir um, als du als Kind die Diagnose bekamst?
Justin:
Der Umgang war schon vorher schlecht. Ich komme aus einem gewalttätigen Elternhaus, vor allem durch meinen Stiefvater. Nach meiner Diagnose war er zum Glück nicht mehr in meinem Leben. Meine Mutter gehört leider zu den Menschen, die wenig an psychische Erkrankungen glauben. Das habe ich nie verstanden, weil sie mich überhaupt erst zum Arzt gebracht hatte, den Aussagen des Arztes dann aber nicht glaubte.
Das hat über die Jahre, auch im Zusammenhang mit den Depressionen, viel Schaden in der Beziehung zwischen meiner Mutter und mir verursacht. Ich fühlte mich in meiner Herkunftsfamilie extrem missverstanden. Inzwischen habe ich mir aber eine eigene Gruppe von Menschen gesucht, die mich so akzeptiert und unterstützt, wie ich bin.
Julia:
Warst du auch einmal in einer Klinik?
Justin:
Weil ich ständig zumindest in ärztlicher Behandlung war – wenn auch nicht immer in Therapie –, konnte ich stationäre Aufenthalte bisher vermeiden. Ich war eine Zeit lang in einer Tagesklinik und habe verschiedene Maßnahmen durchlaufen. Im Moment plane ich einen Reha-Aufenthalt.
Julia:
Gibt es dafür einen konkreten Grund?
Justin:
Weniger die Schizophrenie, denn die habe ich im Moment relativ gut im Griff. Die Reha möchte ich eher wegen der Depressionen machen. Psychotherapeutische Behandlung hilft aber grundsätzlich.
Julia:
Du hast von aufdringlichen Gedanken und Stimmen gesprochen. Kannst du an einer konkreten Situation beschreiben, was du hörst, was andere nicht mitbekommen?
Justin:
Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich viel Kontakt mit anderen Menschen. Über den Tag mussten sie dann zur Arbeit oder hatten etwas anderes zu tun. Da ich momentan arbeitslos bin, saß ich zu Hause, während mir mehrere Menschen nicht mehr antworteten. In den ersten zehn Minuten ist das kein Problem. Dann kommt langsam die Angst: Warum? Was ist los? Schließlich setzen im Hintergrund die Stimmen ein.
Julia:
Was sagen sie in diesem Moment?
Justin:
„Die mögen dich nicht. Die können dich nicht leiden. Sie schreiben nur mit dir, weil sie müssen. Sie tun alle nur so. Insgeheim wollen sie, dass es dir schlechter geht. Keiner von ihnen möchte dir helfen.“
Julia:
Das ist sehr belastend. Viele Menschen kennen vielleicht ähnliche Gedanken, bleiben aber Herr ihrer Gedanken. Du bist in diesem Moment zunächst nicht Herr dieser Stimmen – bis deine erlernten Strategien greifen.
Justin:
Meistens dauert es etwa 30 Minuten. Dann antwortet die erste Person und ich denke: Ach, okay, Fehlalarm. Man hasst mich doch nicht. Es ist schwierig, mit sich selbst im Reinen zu sein, wenn man nicht die einzige Meinung im eigenen Kopf hört, sondern ein ganzes Publikum hineinredet.
Julia:
Viele Menschen glauben, Menschen mit Schizophrenie seien gefährlich. Die Erkrankung kann allerdings vor allem für die betroffene Person gefährlich sein. Was waren die gefährlichsten Gedanken, die du hattest?
Justin:
Mir ist wichtig, dass Menschen mit Schizophrenie viel häufiger Opfer von Gewalt oder Gefahr sind, als dass sie selbst zur Gefahr werden. In den Medien werden wir noch immer oft als gewalttätig und verrückt dargestellt. Solche Fälle gibt es natürlich, aber die gibt es auch bei Menschen ohne psychische Erkrankung.
Die gefährlichsten Gedanken waren bei mir Suizidgedanken: Wäre es nicht viel einfacher, wenn alles vorbei wäre? Dann müsste ich mir nie wieder Sorgen darüber machen, ob mich andere mögen, ob die Welt gegen mich ist oder jemand aktiv versucht, mich kleinzuhalten. Solche Gedanken kamen in den schlimmsten Situationen meines Lebens auf. Darauf, was ich konkret getan hätte, möchte ich nicht eingehen. Zum Glück ist es lange her, dass ich an diesem Punkt war.
Julia:
Es macht wahrscheinlich einen Unterschied, ob jemand Suizidgedanken hat oder ob eine Stimme diese Gedanken zusätzlich verstärkt.
Justin:
Ja, denn die wenigsten Menschen werden dabei auch noch angefeuert.
Julia:
Wenn wir unsere Gedanken oder Köpfe tauschen könnten: Würde ich damit völlig überfordert sein? Wie schaffst du es, damit zu leben?
Justin:
Ich bin zum Glück ein leichterer Fall. Trotzdem wäre es für dich vermutlich sehr gewöhnungsbedürftig. Ich habe viel Arbeit geleistet, um heute so gut damit zurechtzukommen. Außerdem trainiere ich den Umgang gewissermaßen seit meiner Kindheit. Deshalb bin ich fast froh, dass die Erkrankung bei mir früher begann.
Das Grausame an der Schizophrenie ist, dass sie meistens erst im Erwachsenenalter ausbricht – in einer Lebensphase, in der man viel Fokus, Energie und einen klaren Verstand braucht, um das eigene Leben zu ordnen. Dann legt sich plötzlich ein Schalter um: Man hat paranoide Gedanken und sieht Dinge, die nicht da sind. Das wäre für jeden Menschen schwierig.
Julia:
Gerade deshalb braucht es wohl mehr Verständnis.
Justin:
Auf jeden Fall. Menschen mit Schizophrenie sind manchmal Gefangene im eigenen Kopf und haben Schwierigkeiten, herauszufinden, was echt ist und was nicht. Die beinahe dämonische Darstellung der Erkrankung in den Medien ist dabei nicht hilfreich.
Julia:
Was sollten Menschen und besonders Angehörige deiner Meinung nach über Schizophrenie verstehen?
Justin:
Ich wünsche mir einen besseren Umgang mit uns. Wir sind in den meisten Fällen keine Pflegefälle, sondern normale Menschen, die zeitweise Probleme damit haben, die Realität so wahrzunehmen, wie sie ist. Uns kann geholfen werden. Wir müssen nicht weggesperrt werden, damit wir für uns oder andere keine Gefahr darstellen. Wichtig ist, dass Menschen Diagnosen und Hilfe bekommen. Ein gutes, normales Leben ist möglich.
Ich wünsche mir, dass Schizophrenie künftig nicht mehr als dämonische, gefährliche und verrückte Erkrankung gilt, sondern als etwas, das vorkommen kann und das sich zwar nicht unbedingt heilen, aber behandeln lässt.
Julia:
Was kann jemand tun, der einem Menschen begegnet, der psychotisch wirkt? Ich habe gelernt, dass man in diesem Moment nicht in den Wahn einsteigen sollte.
Justin:
Wenn man einen fremden Menschen auf der Straße sieht, der eindeutig nicht ganz bei sich ist, kommt zuerst der Selbstschutz. Man sollte keinen Helden spielen, besonders wenn man allein unterwegs ist. In den allermeisten Fällen wird die Person nicht gefährlich sein, aber man kann es vorher nie sicher wissen.
Ich würde medizinische Hilfe oder Fachleute rufen. Notärzte können meistens gut damit umgehen. Dann kann der Person geholfen werden, aus dem momentanen Zustand herauszukommen. Man sollte ihren Wahn nicht bestätigen und zugleich auf die eigene Wirkung achten. Die Person ist wahrscheinlich schon extrem verängstigt und paranoid. Es hilft nicht, ihr ins Gesicht zu lachen, denn das kann ihren Glauben verstärken. Bleibt man ruhig, vermittelt man, dass die Situation in Ordnung ist. Im Notfall sollte man Hilfe rufen.
Julia:
Also die Gefühle ernst nehmen, ohne dem Wahn zuzustimmen?
Justin:
Genau. Man kann sagen: „Ich weiß, dass du gerade Angst hast. Ich weiß, dass du wütend bist und es dir nicht gut geht. Was können wir jetzt tun, damit du dich zunächst beruhigst? Danach kannst du mir davon erzählen.“
Julia:
Was sollte man auf keinen Fall sagen?
Justin:
Man sollte nicht abwertend reagieren und sagen: „Das ist Schwachsinn. Das glaubst du nur.“ Für die betroffene Person wird man dadurch zu jemandem, dem sie nicht vertrauen kann – vielleicht sogar zu jemandem, der nur mitspielt, um sie weiter im Dunkeln zu lassen. Man sollte empathisch fragen: „Warum denkst du das gerade? Gibt es Anhaltspunkte dafür?“ Gleichzeitig sollte man nicht sagen: „Ich glaube, du hast recht.“ Das würde alles nur verschlimmern.
Julia:
Man könnte also sagen: „Ich weiß, dass du diesen Schatten gerade wahrnimmst. Ich selbst sehe ihn nicht, aber ich merke, dass er dir große Angst macht. Ich bin mit deiner Angst für dich da. Du musst die Situation nicht allein aushalten.“
Justin:
Genau. Man kann der Person sagen, dass man für sie da ist und sie beschützen würde, und ihr empathisch helfen, das Geschehen im Kopf zu ordnen.
Julia:
Gibt es noch etwas, das du abschließend sagen möchtest?
Justin:
Meine abschließenden Gedanken gelten allen Menschen, nicht nur Menschen mit Schizophrenie oder Depressionen: Achte auf dich und deinen psychischen Zustand. Lass Probleme nicht zu lange schleifen, denn dadurch werden viele Erkrankungen schlimmer. Suche dir Hilfe und Menschen, die für dich da sind. Wenn es nötig ist, geh in eine Reha oder Therapie. Therapie hilft nicht nur Menschen, die schwer erkrankt sind. Sie kann jedem helfen, auch wenn es nur um einen kurzen Lebensabschnitt geht. Es ist immer gut, sich Hilfe zu suchen und sich auch auf andere verlassen zu können.
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