Bunte Innenwelten
Wenn Essen zur Antwort auf Gefühle wird 

Maria ist 19 Jahre alt und hat bereits mehrere Therapie- und Klinikerfahrungen hinter sich. Im Gespräch erzählt sie, wie früh ihre psychische Belastung begann, wie Essen zu einem Ventil wurde und was sie sich heute für ihr Leben wünscht.

 

Julia:
Du bist mit 19 Jahren noch ziemlich jung, hast aber bereits einige Therapie- und Klinikerfahrungen hinter dir. Wo beginnt deine Geschichte aus deiner Sicht?

Maria:
Allgemeine Symptome hatte ich rückblickend schon immer beziehungsweise bereits in der frühen Kindheit, so ab dem Alter von neun Jahren. Wenn ich mich heute daran erinnere, waren da krasse Vergleiche oder düstere Gedanken wie: „Wie viel Sinn macht es eigentlich, dass ich hier bin?“, bis hin zu Isolation, sozialen Ängsten und allem, was noch dazugehört.

Julia:
Mit 9 schon?

Maria:
Ja.

Julia:
Mit 9 hast du dich schon gefragt, ob das Sinn macht, dass du hier auf der Welt bist?

Maria:
Ja.

Julia:
Krass.

Maria:
Im Religionsunterricht hatten wir einmal das Thema Leben und Tod beziehungsweise Leben nach dem Tod. Da habe ich mich gemeldet und gemeint: „Wenn wir dann sowieso alle in ein paar – hoffentlich vielen – Jahren sterben, ist es ja eigentlich egal, was wir jetzt machen. Dann sind wir ja irgendwann unbedeutend.“ Mein Lehrer war mit der Frage komplett überfordert, weil man sich mit neun Jahren eine solche Frage eigentlich nicht stellt, und sagte: „Ja, irgendwie schon.“ Daran kann ich mich erinnern. Ab diesem Alter kam irgendwann auch der Gedanke dazu, ich könnte mich nach dem Duschen oder Baden mit einem Handtuch erhängen.

Julia:
Ist denn nach dieser Aussage jemand aus der Schule noch einmal mit dir ins Gespräch gegangen?

Maria:
Damals in der Schule niemand.

Julia:
Und wie ging es dann weiter?

Maria:
Der nächste große Schritt kam mit 13. Ich war mit meiner Mutter auf einer Mutter-Kind-Kur – weniger wegen psychischer Aspekte, sondern aus gesundheitlichen Gründen ihrerseits. Ich war als Begleitkind dabei. Es waren damals sechs sehr schöne Wochen. Danach kam ich zurück in die Schule, in der ich eigentlich von Anfang an gemobbt wurde, und verletzte mich zum ersten Mal selbst.

Julia:
Mit 13 dann?

Maria:
Ja, nach der Kur. Ich war damals seit ungefähr zwei oder drei Monaten 13.

Julia:
Wie kam es dazu?

Maria:
Das hört sich so shady an, aber damals wusste ich es einfach nicht besser. Kurz nachdem wir auf Kur gefahren waren, ging an unserer Schule ein Elternbrief herum. Darin wurden die Eltern dazu aufgerufen, mit ihren Kindern zu reden und genauer hinzuschauen, weil an der Schule leider Selbstverletzung beziehungsweise Ritzen als Trend herumging. Meine Eltern fragten mich beim Abendessen: „Machst du das?“ Ich sagte: „Nein, so etwas würde ich niemals tun. Wer tut sich denn freiwillig weh?“ Als ich zurückkam, sah ich bei anderen Leuten, dass sie es machten, und dachte: „Ich kann ja auch einmal ausprobieren, ob es hilft.“ Dann hat es irgendwie geholfen. Ich habe aber relativ schnell gemerkt: „Ich will eigentlich nicht, dass es hilft.“

Ich hatte großes Glück im Unglück. Meine Mutter war mit einer Frau befreundet, die eine eigene Therapiepraxis hatte. Irgendwann ging ich zu ihr und sagte: „Du hast doch eine Praxis. Nehmen wir einmal an, ich würde jemanden kennen, der sich selbst verletzt, das aber einerseits nicht und andererseits doch möchte. Hättest du einen Platz für diese Person?“ Sie war natürlich nicht dumm und sah, dass ich mich verletzt hatte. Ich hatte es sehr auffällig auf meiner Handoberfläche gemacht und immer behauptet, es sei die Katze gewesen. Recht schnell bekam ich einen Ersttermin bei einer ihrer Angestellten. So kam ich in meine erste ambulante Therapie.

Julia:
Welche Frage bei mir aufkommt: Wogegen sollte es helfen? Du hast gesagt, du wolltest ausprobieren, ob es vielleicht hilft. Wogegen hat es dir damals geholfen?

Maria:
Gegen alles ein bisschen. Zu diesem Zeitpunkt wurde ich seit sechs Jahren in der Schule gemobbt. Ich hatte das Gefühl: „Ich verdiene es, dass sie mich fertigmachen, aber irgendwie reicht es noch nicht. Also muss ich mich selbst bestrafen.“ Niemand empfindet freiwillig gern Schmerzen, also erschien mir das als ein optimaler Weg dazu. Im vorherigen Schuljahr stand außerdem die Frage im Raum, ob ich sitzen bleibe. Ich hatte einen Vier-Komma-irgendwas-Schnitt, was für meine Verhältnisse schlecht war, weil ich vorher immer ungefähr auf Zwei-Komma-irgendwas stand. Der Druck von außen wurde immer größer, und wenn ich eine Vier, eine Fünf oder sogar eine Sechs mit nach Hause brachte, folgte öfter eine Bestrafung. Es wurde von mir erwartet, besser zu sein. Ich war aber nicht besser und wurde auch nicht besser. Also dachte ich: „Ich bin schlecht. Warum sollte ich gute Gefühle verdienen?“

Julia:
Du hast gesagt, dass du dort viele Jahre gemobbt wurdest. Weswegen wurdest du gemobbt? Ging es damals schon um dein Gewicht?

Maria:
Ich hatte seit dem Kindergarten eine Brille, aber vorher war sie nie ein Thema gewesen. Ab der ersten Klasse wurde ich ironischerweise von meinem besten Kindergartenfreund wegen der Brille gemobbt. Dann wurde ich wegen meines Übergewichts gemobbt. Danach wurden immer neue Dinge gefunden: welche Kleidung ich gern trug oder dass ich eine Phase hatte, in der ich gern Tarnfarben und Camouflage trug. Darüber wurden blöde Jokes gemacht. Als ich anfing, mich selbst zu verletzen, hieß es irgendwann, ich solle mich wenigstens tot ritzen.

Julia:
Kinder sind grausam auf jeden Fall.

Maria:
Ich habe über meine Sexualität geredet, darüber, dass ich nicht hetero bin, und es wurde sich darüber lustig gemacht. Es wurde eigentlich immer etwas gefunden.

Chris:
Du hast diese Gedanken schon sehr lange. Hattest du die Möglichkeit, dich an jemanden zu wenden? Hast du es getan, und wenn ja, wie ist es verlaufen?

Maria:
Nicht wirklich. Wegen des Mobbings standen meine Mom beziehungsweise auch eine mit uns befreundete Familie intensiv mit unserem damaligen Rektor in Kontakt. Er sagte aber sinngemäß: „Wir können nichts machen.“ Die Lehrer haben immer zugeschaut. Meine Mutter bemühte sich auch um ein Gespräch mit der Mutter des Mobbers. Sie war jedoch eher uneinsichtig und sagte: „Kinder sind nun einmal so.“ Deshalb gab es wenig Hilfe.

Chris:
Die Menschen haben also versucht, die äußeren Umstände zu mildern. Hat sich auch jemand um dich und deine Emotionen gekümmert?

Maria:
Die Kinder dieser befreundeten Familie wurden von dem Typen auch ein wenig fertiggemacht, aber nicht so stark wie ich. Ich war öfter bei der Familie und wir haben darüber geredet. Die Mutter versuchte auch, mich aus diesen Situationen herauszuholen. Anstatt mit ihm im Bus zu fahren, bot sie mir an: „Ich fahre meine Kinder mit dem Auto zur Schule. Möchtest du mitfahren?“ So war jemand da, der versucht hat, etwas für mich zu tun.

Chris:
Das klingt trotzdem so, als hättest du wenig Raum gehabt, über die Erlebnisse und darüber zu sprechen, wie es dir damit ging. Die Belastung hat sich offenbar immer weiter aufgestaut.

Maria:
Am Anfang, ungefähr bis zur zweiten Klasse, habe ich es noch versucht. Ab der dritten Klasse habe ich gemerkt: „Mist, es bringt nichts.“

Julia:
Da hört niemand zu.

Maria:
Es wurde ein wenig zugehört, aber es hat sich nie etwas geändert. Der Typ bekam weder eine Verwarnung noch einen Verweis oder andere Konsequenzen. Dann dachte ich: „Ich komme von der Schule nach Hause und vergesse sie einfach.“ Wenn ich am nächsten Tag mit Bauchschmerzen in die Schule ging, ließ ich mich früh abholen. Ich sprach aber nicht darüber, weil ich mich dann erneut damit hätte auseinandersetzen müssen und es ohnehin nichts mehr gebracht hätte.

Julia:
Würdest du sagen, dass dein Essverhalten damals schon damit zusammenhing? Hast du versucht, die negativen und angestauten Gefühle, die keinen Raum bekamen, durch Essen zu kompensieren? Wie kam es zu der Binge-Eating-Störung? Ich könnte mir vorstellen, dass sie damals bereits begonnen hat.

Maria:
Rückblickend definitiv. Damals äußerte es sich noch etwas kindlicher. Ich versuchte, Süßigkeiten in mein Zimmer zu schmuggeln, und aß dort heimlich etwas. Es fühlte sich gut an – welches Kind mag keine Gummibärchen?

Julia:
Wie alt warst du da?

Maria:
Das begann bereits ungefähr im Alter von sieben, acht oder neun Jahren.

Julia:
Nur kurz zur Einordnung: Vorhin waren wir bereits bei deinem 13. Lebensjahr. Das alles geschah also noch davor. Ich finde es krass, dass ein sieben-, acht- oder neunjähriges Kind so etwas im Stillen miterleben muss. Das sollte nicht so sein. An alle, die das lesen oder hören: Hört euren Kindern zu.

Unser heutiges Thema ist die Binge-Eating-Störung. Der Begriff Essstörung ist vielen bekannt. Die meisten denken dabei an Anorexie, also Magersucht, oder an Bulimie. Binge-Eating geht nach meinem Gefühl oft etwas unter. Was ist Binge-Eating überhaupt? Kannst du es erklären?

Maria:
Bei Binge-Eating verzichtet man nicht auf Essen und versucht auch nicht, möglichst wenig zu essen. Stattdessen hat man ein Gefühl oder erlebt eine Situation, die einen überfordert. Man braucht ein Ventil dafür, sieht Essen und denkt nicht mehr nach. Der Körper übernimmt, und es passiert einfach. Manche Menschen können sich anschließend gar nicht mehr daran erinnern, dass sie gegessen haben. Sie bemerken es erst an übermäßigen Bauchschmerzen, einem starken Völlegefühl oder den leeren Packungen, die herumliegen. Dann fragen sie sich: „Mist, wann habe ich angefangen zu essen? Warum habe ich gegessen?“ Es ist ein Moment des Kontrollverlusts. Ich verliere die Kontrolle über meinen Körper und esse einfach.

Julia:
Als du das gerade erzählt hast, habe ich mich sehr ertappt gefühlt. Meine Psychiaterin sagte mir vor ungefähr einem Jahr, dass ich wahrscheinlich ebenfalls eine Binge-Eating-Störung habe. Ich hatte ihr erzählt, dass ich nachts Essanfälle bekomme. Bis dahin dachte ich, mein Körper hole sich nachts zurück, was er tagsüber nicht bekommen hat. Als sie mir dann vieles von dem erklärte, was du gerade beschrieben hast, dachte ich: „Ja, das kenne ich.“

Ich bin noch sehr uninformiert und finde unser Gespräch deshalb sehr spannend. Vielleicht können wir später noch näher darauf eingehen, dass wir wahrscheinlich beide betroffen sind und ich diesen Weg trotz meiner fast zehn Jahre mehr an Lebenserfahrung noch gar nicht gegangen bin, während du ihn bereits gegangen bist. Wie fühlt sich die Binge-Eating-Störung für dich konkret an? Durch welche Symptome und Verhaltensweisen äußert sie sich bei dir?

Maria:
Wie fühlt es sich an? Schrecklich. Wenn ich Essanfälle habe, achte ich darauf, dass niemand sie mitbekommt und dass ich allein bin. Wenn jemand in der Nähe ist, versuche ich es so aussehen zu lassen, als würde ich unter Freunden zwischendurch etwas snacken. Verlässt die Person kurz den Raum, esse ich schnell etwas mehr und schneller. Wenn ich allein bin, denke ich: „Was ist da? Was sehe ich? Was kann ich greifen? Was macht wenig Aufwand?“

Was sich dabei immer anbietet, sind Snacks, Süßigkeiten und Ähnliches. Man hat eine Packung, reißt sie auf und isst. Das ist deutlich ungesünder als vieles andere und sättigt nicht langfristig. Der Körper bekommt nichts wirklich Gutes, und danach muss man trotzdem noch etwas essen – mit dem Wissen: „Ich habe vorhin eigentlich schon nicht gegessen, sondern gefressen“, so könnte man es bei mir nennen. Das erschwert die normalen Essenszeiten deutlich.

Julia:
Wenn dieser Schalter kippt und die Kontrolle weg ist, hast du keinen Handlungsspielraum mehr. Falls jemand vorschlägt, man könne sich in diesem Moment einfach etwas Gesundes zubereiten, möchte ich festhalten: Das ist keine gute Idee. Es gibt kein Zeitfenster mehr dafür. Es muss sofort passieren, und du hast keine Kontrolle darüber. Richtig?

Maria:
Ja und nein. Bei mir war es sehr lange genauso. Seitdem ich ein Bewusstsein dafür entwickelt habe, kommt manchmal der Gedanke: „Das, was ich jetzt mache, ist ungesund. Gäbe es eine schnelle Alternative zu dem, was ich vorhabe?“ Das gelingt seltener, als ich es mir wünschen würde. Es endet zwar immer noch im gleichen problematischen Verhalten, aber statt Gummibärchen sind es dann beispielsweise ein Apfel und drei Mandarinen.

Julia:
Das war auch einer der Tipps, die ich bekommen habe: immer etwas dabeizuhaben, etwa Gurken oder Tomaten. Wenn man weiß, dass man diese Problematik hat, ist es ein erster Schritt, sich darauf vorzubereiten. Wie gut funktioniert das bei dir?

Maria:
Nicht gut. Es funktioniert je nach Situation, Lage und Zustand unterschiedlich. Wenn ich etwas stabiler bin, funktioniert es ein wenig besser. Wenn ich in einem Loch stecke und gerade am Boden bin, gelingt dieser Blick von außen auf die Situation überhaupt nicht.

Julia:
Wie schwer fällt es dir, dir so etwas auch einmal zu erlauben? Wenn es einem sehr schlecht geht, ist es doch eigentlich nicht verwerflich, etwas Soulfood zu essen und zu sagen: „Mir geht es nicht gut. Ich erlaube mir jetzt diesen Snack, damit ich mich besser fühle.“ Es ist ein zweischneidiges Schwert, aber Menschen ohne diese Erkrankung erlauben sich so etwas wahrscheinlich ganz selbstverständlich. Wie geht es dir damit? Kannst du dir das erlauben oder fühlst du dich permanent schlecht dabei?

Maria:
Beides ein wenig. Ich denke dann: „Ich habe heute schon eine normale Mahlzeit gegessen. Jetzt auch noch das – ist das wirklich okay?“ Beim Thema Essen spielt bei mir immer Scham eine Rolle. Das macht es zusätzlich schwer.

Oft denke ich aber auch: „Ich kann die Packung jetzt aufmachen und sie über den Abend hinweg mit einem guten Gefühl essen.“ Ich schaue beispielsweise einen Film oder bin mit Freunden zusammen, wir chillen und öffnen die Packung. Dann kann ich es, soweit das möglich ist, in einem positiven Rahmen und mit einem positiven Gefühl essen. Oder ich verbiete es mir, bin später allein, irgendein Knackpunkt bringt die Situation zum Kippen und ich esse alles allein und unkontrolliert. Es ist tagesabhängig, wie gut das Erlauben funktioniert und wie meine Gedanken mitspielen.

Chris:
Wie du von den Schuldgefühlen erzählst, klingt es fast so, als wären sie nur hinderlich und als hättest du viel weniger Probleme, wenn du dir das Essen erlauben könntest. Würdest du das auch so sehen?

Maria:
Ja. Die Schuldgefühle und die Scham sind Symptome der langjährigen Erkrankung. Sie sind inzwischen einfach da.

Chris:
Das klingt wirklich tragisch. Gibt es einen Unterschied zwischen dem, was du während eines Essanfalls denkst, und dem, was du danach über den Anfall und über dich selbst denkst?

Maria:
Während des Essanfalls denke ich gar nichts. Danach kommt zunächst die Erkenntnis: „Wie viel habe ich jetzt gegessen?“ Ich nehme zwar bewusst wahr, dass ich gerade in einem Anfall bin. Manchmal kann ich auch ein wenig steuern, was ich dabei zu mir nehme – aber nicht, wie viel. Anschließend kommt die Erkenntnis: „Was ist genau passiert? Was habe ich gegessen?“ Danach folgen Schuld und Scham. Ein häufiger Gedanke ist: „Musste das sein? Müsste ich nicht eigentlich stärker sein als der Impuls dieses Anfalls?“

Julia:
Könntest du einmal versuchen, die Gedanken auszusprechen, die du in einer solchen Situation hast? Nehmen wir an, du hast gerade sehr viel gegessen und dann kommt der Moment, in dem du bemerkst: „Fuck, jetzt ist es wieder passiert.“ Kannst du frei aussprechen, was ab diesem Moment in deinem Kopf vorgeht?

Maria:
„Wie viel habe ich wovon gegessen? Wie viele Kalorien waren das?“ Je nach Uhrzeit und danach, wie der Tag mit kontrolliertem Essen bisher gelaufen ist: „Wie viel esse ich heute noch? Ich muss das ausgleichen. Esse ich heute überhaupt noch etwas? Wenn ich etwas esse, wie viel? Wie schnell bekomme ich alles aufgeräumt – also Beweismittel wie die Verpackungen?“

Chris:
Dieses „Wie bekomme ich das aufgeräumt?“ zeigt ein starkes Schamgefühl. Ich wäre gar nicht darauf gekommen, dass die Packungen ein Thema sein können. Obwohl ich selbst die Scham kenne, waren sie für mich bisher nicht das Problem.

Julia:
Ich schäme mich immer sehr, weil ich es irgendwann wegräumen muss. Gott sei Dank habe ich den Luxus, allein zu leben. Alles sammelt sich auf meinem Nachttisch. Irgendwann kommt der Moment, in dem ich es aufräumen muss. Meistens steht dort auch ein Teller. Ich lege alle Verpackungen auf diesen Teller und trage ihn hinüber. Selbst wenn ich allein bin, schäme ich mich dabei sehr. Manchmal habe ich Besuch oder du bist bei mir, Chris. Ich versuche, es zu überspielen, fühle mich währenddessen aber sehr schlecht. Ich denke: „Das ist doch krank. Das ist nicht normal.“

Maria:
„Wie reagiert mein Umfeld, wenn es das mitbekommt? Was kommt auf mich zu? Was muss ich mir anhören? Wie mache ich wieder gut, dass es passiert ist?“

Julia:
Du hast gesagt, dass du hinterher oft sehr kritisch mit dir selbst bist. Welche Gedanken hast du dann?

Maria:
Ich denke, dass ich eigentlich weiter sein und die Situation hätte bewältigen müssen. Dass ich in diesem Moment hätte merken müssen, was passiert, und hätte aufhören sollen. Dass ich schwächer bin, als ich eigentlich bin. Rational ist mir bewusst, dass es dabei nicht darum geht, stark oder schwach zu sein. In dem Moment ist es jedoch sehr schwer, das zu trennen.

Oft läuft es so: „Mist, es ist wieder passiert. Ein Essanfall. Ich muss mich jetzt selbst verletzen.“ Das ist nicht die Regel, sondern eine Ausnahme. Für die Fälle, in denen die Selbstverletzung nach einem Essanfall eine Rolle spielt, ist wichtig zu wissen: Seit meinem elften Lebensjahr esse ich kein Fleisch und auch keine Produkte mit Gelatine. Es gab aber schon zwei oder drei Anfälle, in denen ich etwas mit kleinen Mengen Fleisch oder Gelatine gegessen habe. Dann kam die zusätzliche Scham dazu: Ich habe wegen meiner Erkrankung meine Prinzipien nicht beachtet oder für diesen Moment über Bord geworfen. Das macht mich anschließend sehr fertig.

Julia:
Würdest du sagen, dass dahinter eine erlernte Strategie aus deinen jungen Jahren steckt? Damals hast du Selbstverletzung als einen Weg betrachtet, dich zu bestrafen. Ist dieser Mechanismus geblieben, sodass du dich durch Selbstverletzung bestrafen möchtest, wenn du deine Prinzipien über Bord geworfen hast?

Maria:
Ja.

Julia:
Das ist unglaublich. Das ist so krass, was so ein Gehirn einfach macht.

Chris:
Das wollte ich auch fragen. Ich fand es gut, dass du gesagt hast, dass dir rational bewusst ist, dass so etwas passieren kann. Bei all diesen Gedanken, die letztlich nur sagen: „Das hätte nicht passieren dürfen“, habe ich mich gefragt, ob es auch einen Anteil gibt, der freundlich und verständnisvoll reagiert – so, wie du es wahrscheinlich bei einer anderen Person tun würdest, die dir davon erzählt. Wie stark und wie gut erreichbar ist dieser Anteil?

Julia:
Ich fand es ebenfalls gut, dass zwischen all den negativen Gedanken auch Gedanken aufkommen wie: „Ich bin nicht so scheiße. Das kann passieren.“ Es ist gut, dass es sie gibt. Erschreckend ist nur, dass danach der Sprung zur Selbstverletzung kommt.

Chris:
Im besten Fall könnte es eigentlich vorbei sein, nachdem man sich das klargemacht hat. Dass es nicht so ist, ist sehr schade.

Julia:
Warum kommt es trotzdem zur Selbstverletzung, obwohl du bereits positive Gedanken dazu hattest?

Maria:
In 99 Prozent der Fälle tritt die Selbstverletzung nur dann auf, wenn meine Prinzipien ins Spiel kommen und ich meinem vegetarischen Lebensstil in diesem Moment nicht treu geblieben bin. In den seltenen anderen Fällen geht es um die Scham und darum, einen Ausgleich für die unangenehmen Schamgefühle zu finden. Dann brauche ich einen anderen Impuls. Das ist total beschissen: Ich habe mich schlecht gefühlt und Essen als Ventil genutzt. Danach fühle ich mich schlecht, weil ich Essen als Ventil genutzt habe, und suche mir das nächste ungesunde Ventil – die Selbstverletzung.

Julia:
Fühlst du dich danach besser oder noch schlechter?

Maria:
Es kommt weniger darauf an, wie es passiert, sondern darauf, wann es passiert. Früher kam es bei mir täglich oder wöchentlich zur Selbstverletzung. Mittlerweile liegen meistens mehrere Monate dazwischen. Wenn ich vor einer Woche einen Rückfall hatte und aufgrund eines Essanfalls einen weiteren Rückfall erlebe, empfinde ich es für mich nicht als so schlimm, wie wenn der letzte Rückfall fünf Monate zurückliegt. Der Zeitraum seit dem letzten Mal spielt also eine Rolle. Jeder weitere Tag, an dem es nicht passiert ist, ist ein größerer Meilenstein als der vorherige.

Julia:
Ich kann das nachvollziehen, auch wenn es absolut ungesund ist und wir es nicht unterstützen sollten. Wenn du dich nach der Selbstverletzung schlecht fühlst: Wohin führt das? Möchtest du dich dann für die Selbstverletzung noch mehr bestrafen? Wie schaffst du es, aus diesem Kreislauf herauszukommen? Er muss schließlich irgendwann enden, sonst würden wir heute nicht hier sitzen.

Maria:
Nehmen wir das Szenario: Ich hatte einen Essanfall, brauche einen Ausgleich dafür und verletze mich selbst. Dann werde ich häufig von den Gefühlen überrannt, für die ich bereits zweimal ein Ventil gesucht habe. Es kommt zu einem vollständigen Ausbruch. Ich sitze einfach da und heule zehn Minuten lang – wirklich unkontrolliert, nicht nur ein leichtes Weinen. Nach einer gewissen Zeit schaltet es wie auf Knopfdruck um: „Es geht jetzt wieder.“ Vielleicht ist das eine Art Schutzmechanismus des Gehirns. Ich bin dann einfach leer und empfinde in Bezug auf die Situation gar nichts mehr.

Julia:
Das klingt stark nach einer Emotionsregulation, die leider zu spät stattfindet. Sehr viele Gefühle bauen sich auf. Irgendwann kommt der Punkt, an dem du loslässt und alles herauskommt. Dann ist dieses Weinen oder Heulen da. Ich glaube, dass alles, was zuvor zu destruktiven Verhaltensweisen geführt hat, in diesem Moment Raum bekommt. Es wäre wichtig, früher Raum dafür zu schaffen und das einzuüben. Damit könnte man möglicherweise viel vermeiden, aber das sagt sich leicht. Das weiß jeder, der selbst betroffen ist. Deshalb verurteilen wir das an dieser Stelle nicht. Ich wollte nur festhalten, dass darin wahrscheinlich der Knackpunkt liegt.

Chris:
Ist es dir inzwischen möglich, diesen Verlauf früher zu erkennen? Ich vermute, dass er nicht jedes Mal gleich ist und du bereits Erfahrungen damit gesammelt hast. Bei einer Panikattacke ist es beispielsweise auch so, dass sie nicht von null auf hundert geht – man bekommt nur die ersten 70 oder 80 Prozent nicht mit. Ist das in deinem Fall auch so? Hast du Skills gefunden, mit denen du die Anspannung ohne schädliche Folgen senken und aus der Situation herauskommen kannst? Hast du bereits Erfahrungen damit gesammelt, was dir hilft?

Julia:
Bevor wir zu den Skills und einer gesünderen Regulation kommen, interessiert mich noch der Knackpunkt, über den wir gesprochen haben. Viele Emotionen stauen sich an. Um welche Emotionen handelt es sich bei dir?

Maria:
Es kann vieles sein. Ich streite mit jemandem und fühle mich danach sehr schlecht. Oder ich erlebe keine direkte Auseinandersetzung, sondern ein Gespräch, in dem mir die andere Person lauter Vorwürfe macht. Dann frage ich mich: „Bin ich ein schlechter Mensch?“

Es kann auch Stress sein. Über Wochen, Monate oder manchmal nur über Tage hinweg mache ich mir ständig ein wenig bis mittelmäßig viel Stress. Irgendwann erkenne ich das gesamte Ausmaß und bin damit völlig überfordert. Auch emotionale Ausnahmesituationen wie Todesfälle können ein Auslöser sein. Sie führten früher oft zu den krassesten Situationen mit Essanfällen und Kontrollverlust. Je nach Tag können aber auch Kleinigkeiten reichen: Etwas kippt um oder geht kaputt, und ich bin mit der Situation vollständig überfordert.

Manchmal schaffe ich meinen Emotionen bereits ein wenig Raum und fange an zu weinen. Oder ich gehe genervt aus dem Raum und knalle die Tür, was ein wenig hilft. Trotzdem kommt es danach mitunter zu einem Essanfall.

Julia:
Wie spielt Einsamkeit damit rein?

Maria:
Das Gefühl von Einsamkeit eher weniger, weil ich mich in solchen überfordernden Situationen selten einsam fühle. Das Alleinsein begünstigt die Anfälle allerdings, weil sie in Anwesenheit anderer Menschen normalerweise nicht unkontrolliert passieren.

Julia:
Bevor wir zu den Skills kommen: Wie oft hast du Momente, in denen du – in Anführungszeichen – stark bleiben musst? Wie viele solcher Situationen bewältigst du ungefähr, damit es nicht zu einem Essanfall kommt?

Maria:
Das ist völlig unterschiedlich. Früher kam es deutlich häufiger vor als heute. Oft ging es schon los, wenn ich nach der Schule nach Hause kam. Inzwischen ist es nicht mehr ganz so häufig, aber immer noch oft – ungefähr alle zwei oder drei Tage.

Julia:
Das heißt, ungefähr alle zwei oder drei Tage kommt es zu einer solchen Situation?

Maria:
Ja.

Julia:
Es ist zumindest beruhigend, dass das nicht zwanzigmal am Tag passiert. Solche häufigeren Phasen kennst du aber ebenfalls?

Maria:
Ja.

Chris:
Die Frage zur Früherkennung hast du bereits beantwortet. Hast du Skills gefunden, die dir helfen, die Anspannung oder deine Emotionen ohne schädliche Folgen zu regulieren?

Maria:
Langfristig, was die Essanfälle angeht, eher weniger. Dabei versuche ich eher, die Menge zu reduzieren und auf gesündere Alternativen auszuweichen, die für den Körper langfristig nicht ganz so beschissen sind.

Was die Selbstverletzung angeht, die manchmal nach einem Essanfall oder auch unabhängig davon ein Thema ist, habe ich deutlich mehr Skills. Dazu gehören eine Wärmesalbe namens Finalgon, ein Metallball, Stressbälle, Akupressurringe und Armbänder. Je nachdem, wie stark die Anspannung ist, helfen mir Dinge, die mich ablenken: von leichter Ablenkung wie einer Serie oder etwas Kreativem bis zu einer Beschäftigung, auf die ich mich zu 200 Prozent konzentrieren muss, damit ich keinen anderen Gedanken mehr fassen kann.

Julia:
Häufig steht eine Diagnose nicht allein, sondern es kommen weitere Diagnosen hinzu. Bei dir spielt auch eine Depression eine Rolle. Wie beeinflussen sich die Depression und die Binge-Eating-Störung gegenseitig? Welcher Zusammenhang besteht für dich?

Maria:
Durch die Depression werden meine selbstabwertenden Gedanken stark verstärkt. Das fördert wiederum die Essstörung beziehungsweise die Essanfälle. Nach einem Anfall wird die Selbstabwertung noch stärker. Hinzu kommt dieses perspektivlose Denken: „Ich werde das nie in den Griff bekommen. Es wird sich nie ändern.“ Vielleicht ist da auch der Gedanke: „Ich bin es mir selbst nicht wert, etwas zu ändern“, obwohl ich es eigentlich ändern möchte. Dieses Gefühl, für mich selbst keinen Wert zu haben, spielt eine große Rolle. Für die Essstörung sind das optimale Bedingungen: Warum sollte ich zu einem gesünderen Verhalten greifen? Warum sollte ich Verhaltensweisen ändern, die ich nicht mag und die mir schaden?

Julia:
Du bist jetzt 19 und hast schon sehr früh therapeutische Hilfe bekommen. Wann war dein erster Klinikaufenthalt, und wie kam es dazu?

Maria:
Bei meinem ersten Klinikaufenthalt war ich ungefähr 13 oder 14 Jahre alt. Damals war ich regulär in ambulanter Therapie. Irgendwann fragte meine Therapeutin: „Hast du schon einmal darüber nachgedacht, für ein paar Wochen in eine Klinik zu gehen?“ Ich sagte: „Nein, aber ich könnte es ausprobieren.“ Daraufhin wurde ein geplanter sechswöchiger Aufenthalt ziemlich schnell eingeleitet. Ich kam in eine Kinder- und Jugendpsychiatrie auf eine offene Station, die nebenbei auch ein wenig als Rehaklinik genutzt wurde.

Julia:
Das klingt fast so, als wäre der Aufenthalt auch eine Flucht aus dem Schulmobbing und der gesamten Situation gewesen. Würdest du das so sehen?

Maria:
Ja. Ich hatte keine Bauchschmerzen mehr, sobald es hieß: „Mathebuch heraus.“ In der Klinik gibt es keine gewöhnliche Klasse, sondern einige Schülerinnen und Schüler sitzen zusammen und bearbeiten jeweils ihre Fächer. Dort hat mir das Lernen zum ersten Mal seit Langem wieder Spaß gemacht. Ich fing sogar völlig unerwartet an, in meiner Freizeit zu lernen, was vorher undenkbar gewesen wäre. Ich kam außerdem aus dem Stress zu Hause heraus und hatte die Möglichkeit, meine typischen schädigenden Verhaltensweisen zu unterbrechen.

Julia:
Welche typischen Verhaltensweisen hattest du aufgrund der Essstörung, die sich vom Verhalten nicht betroffener Menschen unterschieden? Was fühlte sich für dich damals normal an?

Maria:
Ich hatte kaum noch die Möglichkeit, meinem Essverhalten nachzugehen. Wir konnten nur selten etwas kaufen, weil Ausflüge von der Station meist nur am Wochenende stattfanden. Danach wurde kontrolliert, wie viel und was wir gekauft hatten. Alles kam in einen Raum der Betreuer. Wenn man etwas davon haben wollte, musste man danach fragen.

Ich konnte also nicht einfach sagen: „Mir geht es schlecht, ich greife jetzt danach.“ Stattdessen musste ich zu den Betreuern gehen und fragen, ob ich etwas haben durfte. Weil Essen auf der Station ein Thema war, fragten sie nach dem Grund. So merkte man schnell: „Habe ich gerade einen entspannten Moment, in dem ein Snack dazu passen würde? Oder dient das Essen gerade als Ventil?“ Dann wurde darüber gesprochen. Essanfälle wurden dadurch praktisch vollständig unterbrochen, und ich musste mich in diesem Moment mit weniger Dingen gleichzeitig auseinandersetzen.

Julia:
Für jemanden mit Binge-Eating-Störung wäre es in diesem Moment normal gewesen, die Sachen einfach zu essen. Das wurde dadurch unterbrochen. Hat dir diese Maßnahme Kontrolle über die Situation gegeben? Oder hast du sie eher als Kontrolle von außen erlebt, die dich daran gehindert hat, so zu leben, wie du es in diesem Moment wolltest? Würdest du die Maßnahme eher positiv oder negativ bewerten?

Maria:
Sie war positiv. Ich würde auch sagen, dass es mir Kontrolle über die Situation gegeben hat, die Kontrolle darüber abzugeben.

Julia:
Konntest du während des Klinikaufenthalts noch andere Verhaltensweisen ablegen, die sich für dich im Alltag normal angefühlt, dich aber eigentlich belastet hatten? Wurden auch bestimmte Gedanken weniger?

Maria:
Meine Selbstabwertung wurde geringer, weil ich als Mensch akzeptiert, respektiert und gesehen wurde. Ich musste mich nicht mehr verstellen oder verstecken, auch wenn das ein wenig gedauert hat. Plötzlich hatte ich Menschen, die mir von Montag bis Sonntag rund um die Uhr zuhörten.

Die Klinik war außerdem mein erster Kontakt mit Skills. Danach konnte ich zwar noch nicht besonders gut mit ihnen umgehen und war in diesem Bereich unbeholfen, aber ich hatte auf einmal welche. Es war krass zu sehen: Anstatt mich selbst zu verletzen, kann ich zu einem Metallball greifen, ihn in meiner Hand bewegen und drücken – und plötzlich sinkt mein Puls ein wenig.

Julia:
Als wir dir die Fragen im Vorfeld geschickt haben, ist dir aufgefallen, dass wir auch über Verhaltensweisen sprechen sollten, die von der Binge-Eating-Störung gesteuert werden, sich für Betroffene aber normal anfühlen. Hast du Beispiele dafür, was ein Mensch mit Essstörung im Unterschied zu einem nicht betroffenen Menschen denkt?

Maria:
Sehr viel dreht sich um die Frage: „Was könnten die anderen Leute über mich denken?“ Wenn ich schwimmen gehe und Schwimmkleidung trage, sieht man mehr von meinem Körper als in meiner Alltagskleidung. Schwimmhosen sind oft kurz, während ich meine Beine sonst hinter langen Hosen verstecke. Bei dieser körperbetonten Kleidung denke ich: „Was denken die Leute? Was ist, wenn sie mich, meinen Körper oder meinen Namen judgen?“

Beim gemeinsamen Essen frage ich mich: „Was bestelle ich? Worauf habe ich Lust? Was ist aber nicht zu viel, damit die anderen nicht denken, ich sei verfressen?“ Oder darf ich es noch böser ausdrücken?

Julia:
Wir sind schonungslos ehrlich. Ich denke manchmal: „Ja, klar. Die Fette haut sich jetzt wieder das fette Schnitzel und die Pommes rein.“ Ich glaube, das sind Horrorgedanken in unseren Köpfen, die andere Menschen überhaupt nicht haben. Unsere Essstörung redet sie uns ein. Ich treffe damit wahrscheinlich einen wunden Punkt.

Maria:
Ja, das trifft es ganz gut.

Julia:
Habe ich mir gedacht.

Maria:
Es ist mir dauerhaft unangenehm, vor anderen Menschen zu essen. Deshalb esse ich nur, wenn die anderen ebenfalls etwas essen. Wenn ich als einzige Person esse, hat das Gegenüber mehr Zeit, darüber nachzudenken, dass ich verfressen sei. In Restaurants ist es besonders schwer, weil dort fremde Menschen sind. Was ist, wenn sie etwas denken oder im schlimmsten Fall an mir vorbeigehen und einen bösen Kommentar abgeben?

Beim Einkaufen vermeide ich gern die Snackabteilung. Andere Kundinnen und Kunden könnten mich judgen. Die Person an der Kasse könnte abfällig über mich denken oder etwas Abfälliges sagen. Es besteht ständig die Angst, auf meinen Körper reduziert zu werden. Dadurch nehme ich mir viele Dinge, die ich machen könnte und gern machen würde – beispielsweise eine sportliche Aktivität, die ich mich nicht traue: „Mist, ich bin dick. Das könnte doof aussehen. Ich gehöre hier gar nicht hin.“

In einer Klinik oder Therapie hörte ich dazu einen meiner Lieblingssprüche. Ich sagte: „Weil ich übergewichtig bin, habe ich Angst, ins Fitnessstudio zu gehen. Ich möchte sehr gern hingehen, fürchte aber, wegen meines Körpers verurteilt zu werden.“ Darauf kam sinngemäß die Antwort: „Das wäre so, als würde ein Arzt dich anschreien, weil du mit einer Grippe zu ihm kommst, um eine Krankmeldung zu bekommen.“

Julia:
Ich glaube, dass du damit nicht allein bist. Diesen Gedanken haben viele. Ich hatte ihn auch.

Chris:
Man braucht nicht die volle Essstörungserfahrung, um solche Gedanken zu haben.

Julia:
Ich glaube, der Unterschied liegt darin, dass diese Gedanken mit einer Essstörung viel drängender sind.

Chris:
Viel stärker.

Julia:
Und viel häufiger. Wenn man einzelne Situationen aus deinen Erzählungen herausgreift, wird deutlich: Irgendwann richtet sich der gesamte Alltag nach diesen Gedanken – was man tut und was man vermeidet –, weil man nicht wegen seines äußeren Erscheinungsbildes verurteilt werden möchte. Gab es eine Phase in deinem Leben, in der fast jeder Gedanke damit zusammenhing?

Maria:
An einzelnen Tagen ist es teilweise noch immer so. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke: Ich lief bei 32 oder 33 Grad im Schatten mit einem Winterhoodie herum, weil man meine Körperfigur sehen könnte. Das ist teilweise unlogisch, denn die Körperstatur sieht man auch durch einen Pullover. Der Pullover oder Hoodie kam jedoch aus der Herrenabteilung, war anders geschnitten und gern ein oder zwei Nummern größer. Dadurch sah man nicht alles von meiner Körperstatur, und ich konnte mich stark verstecken. Gleichzeitig litt ich unter diesem Verstecken. Es gab Tage mit 35 Grad und Sportunterricht in der prallen Sonne, an denen ich trotzdem meine Jacke mitnahm.

Julia:
Das ist traurig. Mir hat damals ein Gedanke geholfen, von dem ich nicht mehr weiß, ob ihn mir jemand mitgegeben hat. Er hat sich eingebrannt und war ein echter Gamechanger: Ich ziehe an, worin ich mich wohlfühle, und riskiere keinen Kreislaufkollaps, weil meine Kleidung viel zu warm ist. Wenn ich deshalb blöde Blicke oder Kommentare ernte, kann ich sehr schnell aussortieren, mit welchen Menschen ich nichts zu tun haben möchte. Die Menschen, die normal mit mir umgehen, obwohl ich so bin, wie ich bin, sind es wert. Man möchte anderen gefallen und gut ankommen. Aber eigentlich muss man als man selbst ankommen. Wenn die anderen einen dann nicht mögen, warum sollte man solche Menschen im eigenen Leben haben wollen?

Bei mir ging es damals um Selbstverletzungsnarben an den Beinen. Auch dabei sagen Leute: „Du musst sie verstecken. Du darfst sie nicht zeigen.“ Ich denke, das lässt sich mit dem Gewicht vergleichen. Menschen, die so etwas verlangen, sind einfach unterbelichtet – tut mir leid, dass ich das so sagen muss. Wenn man nicht dem gesellschaftlichen Normbild ohne Narben, Überoder Untergewicht entspricht, wenn man nicht in dieses Modelmaße-Scheißdrecks-Gesellschaftsbild passt, verlangen manche Leute, dass man sich versteckt.

Warum denkt man es nicht um und sagt: „Nein, ich verstecke mich nicht. Wer das scheiße findet, muss gar nicht erst mit mir reden. Dann weiß ich, mit wem ich keinen Kontakt möchte, weil mir diese Person und ihre Haltung nicht guttun.“ Dieser Gedanke hat mir geholfen, nach außen mehr ich selbst zu sein. Was denkst du darüber?

Maria:
Mittlerweile kann ich das eher so sehen als früher. Damals war die Situation, auf deinen Satz bezogen: Ich versteckte mich, weil mir die Menschen oft genug gezeigt hatten, dass sie es nicht wert waren. Ich wollte ihnen weniger Angriffsfläche und nicht das ganze Ausmaß von mir zeigen. Das begann schleichend, indem ich beispielsweise in der Herrenabteilung einkaufte. Das mache ich heute noch sehr gern, weil es dort teilweise coolere Prints gibt und ich den Schnitt angenehmer finde – nicht mehr unbedingt, um mich aktiv zu verstecken. Natürlich spielt das wahrscheinlich noch mit hinein, aber nicht mehr so stark wie früher.

Heute fordere ich mich mit kleinen Expositionen heraus. Ich kaufe bewusst ein Kleidungsstück, das weniger oversized sitzt, oder eines, bei dem man meine Schultern sieht.

Julia:
Dass Kleidung aus der Herrenabteilung oft besser sitzt, liegt meiner Meinung nach auch an einem Problem in der Modebranche und an den Schnitten von Frauenkleidung.

Maria:
Geh einmal zu New Yorker: In der Frauenabteilung findest du kaum etwas über Größe M.

Julia:
Ich wollte mir dort kürzlich eine kurze Hose kaufen. Es gab nur XXS, XS, S, M und L. Von den Proportionen her war L meiner Meinung nach aber keine L, sondern eher eine S. Ich weiß nicht, wer dann überhaupt XXS tragen kann.

Chris:
Kinder, ja.

Julia:
Wahrscheinlich Kinder. Das wäre die einzige plausible Antwort.

Maria:
Aber würde man einem Kind so etwas anziehen? Natürlich nicht.

Julia:
Das ist krank. Das Problem liegt auch in der Modebranche. Dort wird vermittelt: „Um dich weiblich kleiden zu können, musst du die entsprechende Figur haben. Wenn du sie nicht hast, bist du hier nicht richtig.“

Maria:
H&M ist dabei der absolute Endgegner. Dort ist auch die Männerkleidung etwas kleiner geschnitten als üblich, wenn auch nicht so extrem. Es gibt zwar eine reguläre Abteilung mit Größen von XS bis 2XL, aber daneben auch Bereiche, in denen ungefähr bei L Schluss ist.

Julia:
Die Modebranche ist auf jeden Fall ein Teil des Problems, zumal Fast Fashion bei uns sehr verbreitet ist. Manchmal hängen abweichende Größen wohl auch mit den Produktionsländern zusammen. Menschen in Bangladesch sind beispielsweise im Durchschnitt kleiner. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass der deutsche Markt offenbar akzeptiert, dass solche Größen hier angeboten und bevorzugt werden, obwohl die Unternehmen auch Kleidung produzieren, die eher unseren üblichen Größen entspricht. Insgesamt kann die Modewelt Essstörungen begünstigen – unabhängig davon, ob es sich um Anorexie, Bulimie oder eine atypische Essstörung wie Binge-Eating handelt.

Kommen wir zu deinem ersten Klinikaufenthalt zurück. Was hast du dort über dich und deine Essstörung gelernt?

Maria:
Über meine Essstörung damals noch etwas weniger, weil ich die Diagnose noch nicht hatte. Aber ich erkannte: „Ich bin in einem Umfeld, das mir guttut.“ Ich konnte meinen Tag ohne Anfälle, extreme Gedanken oder Gedankenkreisen erleben. Plötzlich hatte ich Freude an Bewegung und Sport und nahm auf gesunde Weise ab. Das hatte ich vorher nicht erlebt. Es war ein Wendepunkt: Es ist für mich nicht unmöglich, aber in meinem damaligen Alltag war es nicht zu schaffen. Wie ich bereits gesagt habe, lernte ich außerdem, dass es andere Möglichkeiten als Selbstverletzung oder Essanfälle gibt. Auf einmal hatte ich Skills zur Verfügung. Eine sehr liebe Betreuerin merkte, dass ich mit Skills überhaupt nichts anfangen konnte. Zum Abschied stellte sie mir eine kleine Blechdose mit verschiedenen Dingen zusammen, damit ich zu Hause nicht völlig aufgeschmissen war und herausfinden konnte, was mir hilft.

Die krasseste Erkenntnis war: „Ich bin gar nicht so scheiße, wie mein Umfeld mir ständig erzählt. Ich bin etwas wert. Ich bin es wert, gesehen und gut behandelt zu werden. Ich muss mich nicht verstellen oder verstecken.“

Julia:
Hast du dann in dem Klinikaufenthalt deine Diagnose bekommen oder kam das erst später?

Maria:
Nein, die Diagnose kam erst beim zweiten Aufenthalt. Die Verhaltensweisen waren aber bereits vorhanden. Weil man das Problem damals noch nicht beim Namen nennen konnte, wurden Dinge wie eine Ernährungsberatung angesprochen, die mir vielleicht helfen könnten.

Julia:
Wie hilfreich kann eine Ernährungsberatung bei einer Essstörung sein? Wie schätzt du das ein?

Maria:
Ich habe mich damals in diesen Stunden oft geschämt und musste mich wirklich dazu überwinden, hinzugehen.

Julia:
Es gab also eine Ernährungsberatung innerhalb der Klinik?

Maria:
Ja, vereinzelt. Es war kein großes Thema, sondern eher ein Nebenthema. Die Beraterin arbeitete eigentlich mit Erwachsenen, und ich war ein Ausnahmefall. Ich fühlte mich dort sehr unwohl. Obwohl ich wusste, dass die Frau das beruflich macht, war die Vorstellung schrecklich, sie könnte etwas Böses über mich denken. Rückblickend hat es meiner Meinung nach einiges erschwert, dass man mein Verhalten damals nicht benennen konnte. Es hieß nur: „Da ist ein gestörtes Verhalten. Ende.“ Hätte man bereits gewusst, dass es sich um eine Essstörung handelt oder sich eine solche entwickelt, hätte man vieles anders machen können.

Chris:
Du hast erzählt, dass es einen weiteren Klinikaufenthalt gab. Wie kam es dazu?

Maria:
Ich hatte damals einen Erziehungsbeistand. Irgendwann sagte ich ihm: „Ich glaube, eine Therapie wäre wieder sinnvoll.“ Er antwortete: „Das habe ich mir auch schon oft gedacht. Viel länger hätte ich nicht mehr zugesehen.“ So kam ich in die Therapie. Ich stellte sie jedoch an die zweite Stelle, weil mir gesellschaftliches Funktionieren wichtiger erschien.

Irgendwann sagte meine Therapeutin: „Ganz ehrlich, ich sehe dich in einer Klinik. Es gibt einiges, woran ich mit dir arbeiten kann. Bei vielem würde ich aktuell aber nicht zu dir durchkommen. Eine Klinik könnte dir wahrscheinlich effektiver helfen.“ Als sie das sagte, war ich sofort einverstanden. Ich füllte die Unterlagen aus, wartete ungefähr drei oder vier Monate und kam dann in die Klinik.

Ich ging von einem Aufenthalt von vier bis maximal sechs Wochen aus. Tatsächlich wurden es fünf Monate, weil ein Thema nach dem anderen aufkam. In dieser Klinik bekam ich zum ersten Mal die Diagnose Binge-Eating-Störung auf dem Papier. Ich hatte erwartet, dass dort an meiner Depression und bestenfalls auch an meiner sozialen Phobie gearbeitet würde. Vielleicht würde ich noch etwas über meine bereits bekannten Diagnosen lernen, gestärkt herauskommen und plötzlich alles schaffen. Bestenfalls wäre ich mir selbst gegenüber auch weniger kritisch.

Dann vergingen die erste, die zweite und die dritte Woche. Plötzlich hieß es: „Du hast eine Binge-Eating-Störung.“ Das war für mich ein krasser Moment. Ich war seit Jahren in Therapie und bereits in einer Klinik gewesen. Hätte ich nicht längst alle Diagnosen kennen müssen? Offenbar nicht. Eine Baustelle nach der anderen wurde geöffnet. Immer wieder fand man etwas, das vielleicht ein spezifisches Verhalten oder gleich Teil eines großen Krankheitsbildes war.

Mein Binge-Eating-Verhalten war zunächst belächelt worden, bevor ich den Namen der Diagnose kannte. Es hieß einfach, ich hätte irgendein auffälliges Verhalten. Irgendwann erkannte meine Therapeutin das Problem. Sie erklärte, die Klinik habe kein besonders großes Angebot für diese spezielle Essstörung, weil die meisten dort eher Anorexie oder Bulimie hätten. Es gab zwar eine Gruppe, aber nur eine für die gesamte Klinik.

Bei den anderen Therapien blieb man ungefähr in seiner Altersgruppe. Ich kam mit 17 in die Klinik. Die jüngste Person, mit der ich eine gemeinsame Therapiestunde hatte, war ungefähr 14, und mit 17 war ich meist die Älteste. In der Gruppentherapie zu Binge-Eating gehörte ich dagegen zu den Jüngsten. Die älteste Person war ungefähr 52. Es wirkte, als würde die Erkrankung in der Klinik nicht richtig existieren und als gäbe es kein echtes Konzept dafür. Zunächst dachte ich: „Jetzt habe ich einen Namen für die Diagnose, aber sie können mir trotzdem nicht weiterhelfen. Sie haben mir die Diagnose hingeschoben, und nun stehe ich damit allein im Raum.“

Chris:
Das kann sich nicht gut angefühlt haben. Was hat das mit dir gemacht? Hast du nach anderer Hilfe gesucht oder bist du zunächst dort geblieben?

Maria:
Ich blieb zunächst dort und war insgesamt etwas mehr als fünf Monate in der Klinik. Ich versuchte, viele Baustellen zu bearbeiten, die nicht unmittelbar mit der Essstörung zu tun hatten. Das war leichter gesagt als getan, weil sehr viele meiner Verhaltensweisen doch mit ihr zusammenhingen. Aus den Gruppenstunden zur Essstörung versuchte ich, so viel wie möglich mitzunehmen.

Meine Therapeutin war bei diesem Thema etwas planlos, weil der Schwerpunkt der Klinik und auch meiner Station auf Anorexie und Bulimie lag. Sie bemühte sich trotzdem, mit mir Dinge zu erarbeiten, die helfen könnten. Um mein Körperbild zu verbessern, musste ich Spiegelexpositionen machen – und ich habe sie gehasst. Dabei betrachtete ich mich gemeinsam mit ihr im Spiegel und durfte nicht bewerten. Ich durfte nicht sagen: „Mein Bauch ist an dieser Stelle zu dick“ oder „In dieser Jeans sieht mein Arsch dick aus.“ Stattdessen sollte ich feststellen: „Ich habe Arme. Meine Arme sind dafür da, Dinge in die Hand zu nehmen.“ Ich musste die Funktion meiner Körperteile benennen und versuchen, meinen Körper weniger kritisch und stärker nach seinen Funktionen zu betrachten.

Es war sehr schwer, nicht ständig an meiner Kleidung zu zupfen. Ich wandte oft den Blick ab und stand teilweise mit Tränen in den Augen vor dem Spiegel, weil die Essstörung mein Körperbild stark verschlechtert hatte. Über diesen Punkt hinauszukommen, war extrem schwer.

Chris:
Das klingt sehr anstrengend. Würdest du sagen, dass diese Therapie trotzdem hilfreich war, oder war sie einfach eine Qual ohne Sinn?

Maria:
Ein wenig beides. In erster Linie war es hilfreich zu hören, dass mein Verhalten nicht einfach undiszipliniert ist, sondern eine Erkrankung dahintersteckt. Es war auch gut zu sehen, dass ich mit der Erkrankung nicht allein bin. Gleichzeitig gab es in einer Klinik mit vielleicht 2.000 Patientinnen und Patienten nur ungefähr zehn Betroffene. Man hatte das Gefühl: „Ich bin nicht allein – aber irgendwie bin ich es doch.“ Die Bemühungen meiner Therapeutin halfen ein wenig. Man merkte jedoch, dass sie sich mit der Erkrankung nicht wirklich auskannte und trotz ihres Bemühens etwas unbeholfen war.

Chris:
In diesem Fall ist es schwierig, eine gute Behandlung zu finden. Gibt es noch etwas Wichtiges, das man über diesen Klinikaufenthalt wissen sollte?

Maria:
Unabhängig von den konkreten Therapieformen und den Therapeutinnen und Therapeuten wurde alles dadurch erschwert, dass das gesamte Klinikkonzept stark auf Menschen mit Anorexie oder Bulimie ausgerichtet war. Für diese Erkrankungen gab es vollständig ausgearbeitete Behandlungsschemata.

Irgendwann begann ich unbewusst, mir das Verhalten anderer Betroffener abzuschauen. Dadurch wandelte sich meine Essstörung. Für manche klingt das vielleicht seltsam, wenn ich es erzähle. Bei mir gibt es nicht nur Essanfälle. Manchmal kontrolliere ich die Kalorien sehr streng: „Ich darf eine bestimmte Kalorienzahl nicht überschreiten. Ich muss unter der Mindestmenge bleiben, die mein Körper täglich braucht. Wenn ich das nicht schaffe, übergebe ich mich.“

Chris:
Du hast dir also Verhaltensweisen von anderen Betroffenen abgeschaut?

Maria:
Ja. Ich habe unbewusst geschaut: „Wie kann ich mit meiner Essstörung umgehen?“ Die Klinik arbeitete außerdem mit einem Heimfahrkonzept. Am Wochenende war ich jeweils für eine Nacht zu Hause. Wenn wir abends gegessen hatten und ich danach noch einen Essanfall bekam, erschien es mir als einfache und schnelle Lösung, den Anfall auszugleichen, indem ich mich übergab. Im Nachhinein hat das mein allgemeines Gefühl für das Essen – sowohl Hunger als auch Sättigung – noch stärker zerstört.

Chris:
Wie bist du aus dieser Entwicklung wieder herausgekommen? Wie konntest du Schritte aus der Situation machen, nachdem du in der Klinik zwar hilfreiche Erfahrungen gesammelt, offenbar aber auch neue Herausforderungen entwickelt hattest?

Maria:
Vollständig gebessert hat es sich leider noch nicht. Die verschiedenen Phasen der Essstörung erlebe ich teilweise noch immer. Ungefähr ein halbes Jahr nach meiner Entlassung kam ich für acht Wochen in eine Tagesklinik – dieses Mal wirklich nur für acht Wochen. Dort bekam ich durch die Mitpatientinnen und Mitpatienten noch einmal ein positiveres Umfeld.

Meine Essstörung wurde in der Tagesklinik nicht besonders intensiv angesprochen, weil andere Themen für mich wichtiger waren. Aber allein die Mitpatientinnen und Mitpatienten waren hilfreich. Mit einigen habe ich heute noch Kontakt. Ich weiß, dass ich das Problem jederzeit ansprechen kann. Auch wenn sie es selbst nicht haben, verstehen sie mich in gewisser Weise.

Ich kann sie beispielsweise anrufen und sagen: „Ich habe gerade etwas gegessen, mein Kopf spielt verrückt. Ich möchte mich eigentlich wieder übergeben. Können wir ein oder zwei Stunden telefonieren?“ Dann sagen sie: „Klar. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie Einhörner im echten Leben aussehen würden?“ Solche völlig abwegigen Themen in einer ernsten Situation helfen mir, damit umzugehen und einem Impuls, von dem ich weiß, dass er dysfunktional ist, nicht nachzugehen.

Ungefähr ein weiteres halbes Jahr nach der Tagesklinik landete ich bei euch. Das Eis war schnell gebrochen: „Hallo, das bin ich, das ist meine Geschichte.“ In einer Gruppenstunde suchten wir nach Gemeinsamkeiten, um uns besser kennenzulernen.

Da kam Julia völlig unerwartet auf mich zu und sagte: „Du hast eine Binge-Eating-Störung. Ich habe sie wahrscheinlich auch. Wir haben eine Gemeinsamkeit.“ Da wurde mir bewusst: In der Tagesklinik hatte ich niemanden kennengelernt, der das ebenfalls hatte. In der großen Klinik gab es zwar einige Betroffene unter sehr vielen Menschen, aber ich hatte mich mit ihnen nicht wirklich verbunden gefühlt. Jetzt stand plötzlich eine Person vor mir, die wahrscheinlich ebenfalls betroffen war. Das war krass. Ich war in meinem direkten Umfeld nicht mehr allein. Gleichzeitig wurde mir erneut vor Augen geführt, dass ich auch allgemein nicht die Einzige mit diesen Problemen bin. Das hat mir weniger dabei geholfen, mit der Erkrankung umzugehen, als vielmehr dabei, zu akzeptieren, dass sie da ist und bei mir einen Leidensdruck verursacht.

Julia:
Der Austausch in Selbsthilfegruppen vermittelt häufig ein starkes Gefühl von Verbundenheit und dadurch auch Kraft. Am Anfang unseres Gesprächs waren wir bei deinem siebten, achten oder neunten Lebensjahr. Bis heute sind mehr als zehn Jahre vergangen – der größte Teil deines bisherigen Lebens, in dem es um diese Erkrankung oder die damit verbundenen Symptome ging. Wenn du dir vorstellst, dass Therapie irgendwann nicht mehr einen so großen Teil deines Lebens ausmacht: Wofür möchtest du diese Energie dann verwenden?

Maria:
Ehrlich gesagt ist die Vorstellung, irgendwann nicht mehr in Therapie zu sein oder zumindest nicht mehr so viel Therapie im Leben zu haben, aktuell schwer vorstellbar. Grundsätzlich würde ich sehr viel machen. Um es direkt zu sagen: Ich würde anfangen zu leben und zu erleben. Ich würde Dinge tun, die ich mir so lange verwehrt habe – beispielsweise regelmäßig schwimmen gehen, ohne dabei Bedenken zu haben. Ich würde alle möglichen Hobbys ausprobieren und schauen: „Passt das zu mir oder nicht? Wenn ja, mache ich weiter.“

Ich würde mir ermöglichen, die Welt zu sehen: einige Länder, coole Artists und Events – ohne die ständigen Sorgen darüber, welche Menschen dort sind, wie viele mich judgen könnten und welche unangenehmen Situationen entstehen könnten. Es geht um viele Kleinigkeiten, die für mich derzeit nicht funktionieren. Wenn ich beispielsweise eine Woche verreisen würde, müsste ich überlegen: „Wie mache ich das mit der Verpflegung?“ Es ist für mich unvorstellbar, in einem fremden Land vielleicht sogar allein spontan essen zu gehen.

Julia:
Wenn die Erkrankung weniger Raum einnähme und langsam verblassen würde, könntest du weitere Schritte gehen. Vollständig austherapiert zu sein, ist ein sehr großes Ziel. Wenn deine Fortschritte aber so weit gingen, dass du eine Ausbildung machen könntest, würdest du finanziell ganz andere Möglichkeiten erhalten, dein Leben zu leben und zu erleben.

Viele Menschen wissen wahrscheinlich nicht, wie schwer es ist, mit einer solchen Beeinträchtigung ein sogenanntes normales Leben zu führen – wenn man darunter versteht, selbst für sich und seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Das ist für dich im Moment noch nicht möglich.

Maria:
Ich würde außerdem anfangen, mich auszuprobieren und das zu tragen, was mir gefällt – nicht nur Kleidung, hinter der ich mich verstecken kann. Seit ungefähr anderthalb Jahren ist es ein langfristiges Ziel, bestimmte Kleidung zu tragen und zu lernen, mich darin wohlzufühlen. Im Moment ist es für mich noch unvorstellbar, mich in Kleidung wohlzufühlen, die ich nicht benutze, um mich zu verstecken oder kleiner zu machen. Unabhängig von den großen Zielen möchte ich das immer stärker und irgendwann vollständig ausleben können.

Julia:
Das sind schöne Ziele. Ich glaube, man braucht etwas, worauf man hinarbeiten kann. Gibt es noch etwas, über das wir heute nicht gesprochen haben, das dir aber wichtig ist?

Maria:
In den Therapieunterlagen aus der Klinik, in der es die Gruppe gab, standen zwei Sätze, die krass zu lesen waren. Einer davon lautete sinngemäß: Sehr viele beziehungsweise fast alle Menschen mit Binge-Eating-Störung haben auch Übergewicht. Aber nicht jeder Mensch mit Übergewicht hat automatisch eine Binge-Eating-Störung. Der zweite Satz besagte, dass eine Binge-Eating-Störung selten allein auftritt. Sie ist oft zunächst ein Symptom von etwas anderem und dient als Ventil, bis sie zu einer eigenständigen Erkrankung wird.

Julia:
Wofür war sie bei dir zunächst ein Symptom? Was war vorher da?

Maria:
Ich würde dabei weniger auf Diagnosen wie Depressionen oder Ängste schauen, sondern stärker auf die Gefühlsregulation. Die Essstörung war da, weil ich mit meinen Gefühlen nicht umgehen konnte. Ich hatte keine anderen Möglichkeiten, sie zu regulieren, und auch niemanden, der mir dabei half.

Julia:
Es ist nachvollziehbar, dass man sich Verhaltensweisen aneignet, die nicht förderlich sind, wenn man seine Gefühle nicht anders regulieren kann. Bei dir wurde Essen zu dieser Kompensation. Daraus entstand die Binge-Eating-Störung, mit der du heute lebst und die dir immer wieder Schwierigkeiten bereitet. Wenn wir auf deine Klinikaufenthalte, den Austausch mit Mitpatientinnen und Mitpatienten, dein Umfeld, die Therapiestunden und deinen Weg in unsere Selbsthilfegruppe zurückblicken, sind das riesige Fortschritte. Ich glaube, dass du auf einem guten Weg bist. Wenn ich in deinem Alter bereits an dem Punkt gewesen wäre, an dem du heute stehst, wäre ich heute wahrscheinlich viel weiter. Ich bin fast zehn Jahre älter und noch nicht so weit. Du darfst stolz darauf sein, was du in den vergangenen Jahren geleistet hast. Wenn du 28 bist, könnte deine Welt ganz anders aussehen. In neun Jahren bist du neun Jahre weiter, und ich sehe sehr gute Voraussetzungen dafür, dass du deine Ziele erreichst.

Gibt es etwas, das dir auf deinem bisherigen Weg besonders geholfen hat und das du einem Menschen mitgeben möchtest, der gerade an einem ähnlichen Punkt steht – zum Beispiel mir? Was würdest du gern weitergeben?

Maria:
Ich glaube, dir kann ich nur schwer einen Rat geben – ähnlich wie in der Selbsthilfegruppe. Allgemein würde ich sagen: Nehmt jede Hilfe an, die ihr bekommen könnt. Auch wenn es vor allem am Anfang sauhart wird, sprecht mit Menschen, bei denen ihr euch wohlfühlt und die euch verstehen können. Sucht euch Menschen, bei denen ihr euch sicher fühlt. Und: Kopf hoch.

Mir haben wundervolle Menschen geholfen, die mir gezeigt haben: „Ich bin etwas wert. Ich bin gut, wie ich bin. Ich darf mich ruhig mehr trauen.“ Sie haben mich bei Dingen unterstützt, die für viele Menschen völlig alltäglich sind. Wenn wir beispielsweise shoppen waren, haben sie mir Mut gemacht, etwas anderes auszuprobieren, anstatt wieder das eine Shirt, das ich schon tausendmal zu Hause habe, zwei Nummern größer zu kaufen. Sie gaben mir etwas anderes und bestärkten mich darin. Sie haben mir gezeigt: „Ich darf sein, wer ich bin. Aber ich darf auch ruhig mehr sein als das, was ich zu verstecken versuche.“

Julia:
Damit kommen wir zum Ende. Wir freuen uns, dass du all das so offen mit uns geteilt und uns einen tiefen Einblick in deine Gedanken, deine Erkrankungen und deinen Weg gegeben hast. Vielen Dank von mir und natürlich auch von Chris.

Chris:
Vielen, vielen Dank.

Julia:
Möchtest du dazu noch etwas sagen?

Maria:
Es freut mich, dass ich die Möglichkeit dazu hatte.

Julia:
Ja, sehr gerne. Uns ist immer wichtig, Menschen eine Stimme zu geben, die sonst ein bisschen untergehen.
 

ANLAUFSTELLEN UND HILFE

 

Sozialpsychiatrisches Zentrum Amberg

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medbo Amberg – Psychiatrische Institutsambulanz & Tagesklinik

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09621 101399 · selbsthilfegruppen@amberg.de

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Caritas-Fachambulanz für Suchtprobleme Amberg

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