Bunte Innenwelten
Ich bin eine Überlebende 

ADHS bei Frauen kann lange unerkannt bleiben. Alisa erzählt von Selbstzweifeln, Depressionen, der Suche nach Liebe & Anerkennung und ihrem langen Weg zur ADHS Diagnose. Auch ihre Erfahrung mit Cybergrooming als Elfjährige gehört zu ihrer Geschichte. Heute hilft ihr die Diagnose, sich selbst besser zu verstehen.

 

Julia:
Wenn du deine Geschichte erzählen möchtest, wo würdest du beginnen?

Alisa:
Für das Verständnis meiner Geschichte ist wichtig, dass sich meine Eltern trennten, als ich zwei Jahre alt war. Ich war schon immer ein Papakind. Trotzdem lebten wir in einem Wechselmodell: Ich war ungefähr die Hälfte der Zeit bei meinem Vater und die andere Hälfte bei meiner Mutter. An die Zeit bei meinem Vater kann ich mich deutlich besser erinnern.

Julia:
Wie hat sich die Trennung deiner Eltern auf dich ausgewirkt?

Alisa:
An die Trennung selbst erinnere ich mich nicht, weil ich erst zwei Jahre alt war. Aus heutiger Sicht war sie wahrscheinlich das Beste, was mir passieren konnte, weil ich nicht hätte erleben wollen, wie meine Eltern als Paar miteinander waren. Meine Mutter ging nach meiner Geburt schnell wieder arbeiten, und mein Vater kümmerte sich hauptsächlich um mich. Vermutlich habe ich deshalb eine engere Bindung zu ihm. Mein Urvertrauen habe ich nicht zu meiner Mutter aufgebaut, sondern zu meinem Vater.

Julia:
Hast du schon als Kind bemerkt, dass du anders warst als andere Kinder?

Alisa:
Weil mein Vater mich erzog, übernahm ich viele seiner Interessen. Er nahm mich oft zum Fußball und Eishockey mit. Dort hatte ich vor allem mit Jungen zu tun, weil diese Hobbys damals weniger als „typisch weiblich“ galten. Schon im Kindergarten wollte ich Fußball spielen und interessierte mich wenig dafür, Prinzessin zu spielen.

Julia:
Wurde dir das von anderen als falsch zurückgemeldet?

Alisa:
In der Grundschule und später auch auf der weiterführenden Schule hatte ich damit große Probleme. Am Wochenende spielte ich häufig gegen meine Klassenkameraden Fußball. Montags unterhielten wir uns in der Schule darüber. Die Mädchen schlossen mich deshalb oft aus, weil sie sahen, dass ich viel mit den Jungen zu tun hatte. Ich passte in ihren Augen nicht zu ihnen.

Julia:
Hättest du dir trotzdem Freundschaften mit Mädchen gewünscht?

Alisa:
Ja. Ich versuchte immer wieder, mich mit ihnen anzufreunden. Bis zur dritten Klasse hatte ich nur einen besten Freund. Meine erste enge Freundschaft mit einem Mädchen entstand dann zufällig bei einem Referat. Mit ihr bin ich bis heute befreundet.

Julia:
Welche frühen Erfahrungen sind für deine spätere ADHS-Diagnose wichtig?

Alisa:
Schon im Vorschulalter hatte ich Schwierigkeiten, an Aufgaben zu denken. Im Kindergarten lernten wir Zahlen und sollten am nächsten Tag etwas Gemaltes mit einer bestimmten Zahl mitbringen. Das vergaß ich regelmäßig und musste es morgens noch schnell mit meinem Vater am Frühstückstisch fertigstellen. Davon war er natürlich nicht begeistert.

Julia:
Deine ADHS-Diagnose hast du erst viel später bekommen. Wie war es damals für dich, Dinge ständig zu vergessen, ohne den Grund dafür zu kennen?

Alisa:
Das hat viel mit meinem Selbstwert gemacht. Aus meinem Umfeld bekam ich immer wieder die Rückmeldung, dass ich vergesslich sei, verbunden mit der Frage, wie mir das ständig passieren könne. Ich fühlte mich ziemlich dumm, weil ich dachte: Alle anderen bekommen es hin – nur ich nicht.

Julia:
Hattest du das Gefühl, dich einfach mehr zusammenreißen zu müssen?

Alisa:
Auf jeden Fall. Dieser Gedanke war so lange da, bis ich tatsächlich begann, mich ständig zusammenzureißen. Das war wahrscheinlich eines der anstrengendsten Dinge, die ich in meinem Leben getan habe. Der Anspruch kam aus mir selbst, wurde aber auch durch das Schulsystem und meinen Vater vermittelt. Er konnte mein Verhalten nicht verstehen und kam nicht auf die Idee, genauer nach einer Ursache zu suchen.

Julia:
Kam dein Vater nie auf den Gedanken, dass eine Neurodivergenz dahinterstecken könnte?

Alisa:
Begriffe wie Neurodivergenz waren damals noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Vor allem bei einem Mädchen dachte man kaum an ADHS. Mein Vater merkte aber, dass etwas nicht stimmte. Mit elf nahm er mich deshalb zum ersten Mal mit zu seinem Psychologen. Ich war sehr tollpatschig und wurde damals auch zunehmend depressiv. Er wusste nur: Mein Kind ist nicht mehr so, wie es einmal war.

Julia:
Woran machte er das fest?

Alisa:
Meine schulischen Leistungen wurden deutlich schlechter. Außerdem wurde ich immer tollpatschiger. Das klingt von außen vielleicht harmlos, aber ich lief häufig gegen Wände, verletzte mich versehentlich und ließ ständig Dinge fallen. Es passierte so oft, dass man wirklich aufmerksam werden musste.

Julia:
Was bemerkte er an deiner Stimmung?

Alisa:
Ich wurde ruhiger und zog mich zurück. Ich hatte fast keine Freunde und außerhalb von Schule und Fußball praktisch kein Sozialleben. Zur Schule ging ich, weil ich musste, und zum Fußball, weil ich es schon immer getan hatte. Darüber hinaus hatte ich kaum Interesse daran, etwas aufrechtzuerhalten.

Julia:
Wie würdest du die kleine Alisa vor dieser depressiven Zeit beschreiben?

Alisa:
Ich war lustig, lebensfroh, spielte Fußball, hatte Freunde und war von vielen Dingen begeistert. In der Schule war ich nicht die Beste, aber meine Leistungen waren in Ordnung. Ich war ein kluges Kind. Mein Fokus lag stark auf Fußball, aber ich spielte auch mit Lego oder hatte mit acht plötzlich eine Barbiephase. Für eine Woche konnte mich etwas völlig begeistern und danach für Jahre langweilen.

Julia:
Wie würdest du dagegen die Alisa beschreiben, um die sich dein Vater später sorgte?

Alisa:
Wenn ich an die fünfte und sechste Klasse zurückdenke, sehe ich meine Erinnerungen in Schwarz-Weiß. Das war schon immer so, weil es eine der schlimmsten Zeiten meines Lebens war. Von manchen Jahren habe ich kaum Erinnerungen.

Julia:
Hast du später mit deinem Vater darüber gesprochen, wie er dich damals erlebt hat?

Alisa:
Ja, aber er spricht nicht gern ausführlich über meine psychische Verfassung in dieser Zeit. Ich glaube, die Erinnerung tut ihm zu weh. Er sagt, dass ich damals sehr faul gewirkt und nichts hinbekommen habe. Ich trug immer dieselben Sachen und tat praktisch nichts mehr.

Julia:
Das klingt nach Antriebslosigkeit, Rückzug und Vernachlässigung – also depressiven Symptomen. Erinnerst du dich an deinen ersten Termin beim Psychologen?

Alisa:
An diese Zeit erinnere ich mich wegen starker Erinnerungslücken nur schlecht. Besonders eingeprägt hat sich mir das Jahr 2016. Ich war elf oder zwölf und in der sechsten Klasse.

Julia:
Ist damals etwas geschehen, das diese Antriebslosigkeit und die Depression verstärkt hat?

Alisa:
Im Januar 2016 war ich wahrscheinlich an dem Punkt, an dem ich mich beinahe selbst getötet hätte. Ich hatte immer die Sicherheit gehabt, dass mein Vater mich über alles liebt. Obwohl er mir keinen Anlass zum Zweifeln gab, ging es mir innerlich so schlecht, dass ich selbst das infrage stellte. In dieser Zeit begann ich auch, mich selbst zu verletzen.

Vor einigen Jahren fand ich einen alten Tagebucheintrag von mir. In kindlicher Schreibschrift stand dort sinngemäß: „Ich glaube, mein Papa liebt mich nicht mehr. Ich glaube, ich muss mich bald umbringen. Ich verletze mich selbst, um mich zu bestrafen.“ Das heute zu lesen, tut weh.

Julia:
Gerade mit deinen Erinnerungslücken war dieser Zettel ein sehr konkreter Beleg dafür, wie schlimm die Zeit gewesen sein muss.

Alisa:
Ja. Es war eine sehr einsame Zeit. Ich erinnere mich daran, viel im Bett gelegen zu haben: schlechtes Wetter, die Jalousien geschlossen. Ich hatte ein Handy und meinen ersten Instagram-Account. Weil ich so einsam war, erstellte ich heimlich einen Account mit einem anzüglichen Namen. Dort suchte ich Liebe, Bestätigung und das Gefühl, gesehen zu werden.

Julia:
Wusste jemand von diesem Account?

Alisa:
Nein. Ein erwachsener Mann verabredete sich mit mir zu einem Videoanruf. Er stellte vorher intime Forderungen, die ich zunächst erfüllte. Ich war elf und wollte Liebe und Aufmerksamkeit. Als der Anruf begann, behauptete er, seine Kamera funktioniere nicht. Da wurde mir die Situation doch zu merkwürdig, und ich beendete das Gespräch, bevor ich etwas von mir zeigte.

Julia:
Was hatte er von dir verlangt?

Alisa:
Er wollte unter anderem, dass ich im Intimbereich rasiert sei, zunächst nur Unterwäsche trage und mich später ausziehe. Ich hatte mich damals noch nie rasiert – ich war ein Kind.

Julia:
Wie blickst du heute darauf zurück?

Alisa:
Das ist schwierig. Erst in diesem Jahr habe ich wieder begonnen, mich damit auseinanderzusetzen. Lange habe ich die Erfahrung verdrängt und mich dafür geschämt. Heute versuche ich zu verstehen, dass die Scham nicht bei mir liegen darf: Ich war ein Kind. Ein erwachsener Mann wollte sich virtuell an mir vergehen. Ich war depressiv, kurz vor einem Suizidversuch und wollte einfach nur geliebt werden.

Julia:
Was war rückblickend das Schlimmste daran?

Alisa:
Nicht einmal das Gespräch selbst, sondern wie mein Vater den Account entdeckte. Wir saßen am Esstisch, und er zeigte mir etwas am Handy. Dabei erschien offenbar eine Benachrichtigung von Instagram mit dem Benutzernamen. Er nahm mein Handy und sah sich alles an. Danach begann für mich der Horror, auch wenn ich mich an vieles nicht mehr genau erinnere.

Julia:
Was fand er auf dem Account?

Alisa:
Er fand anzügliche Chatverläufe mit älteren Männern. Ich weiß nicht mehr, ob ich Bilder verschickt hatte. Auf meinem Profil selbst hatte ich keine Fotos geteilt. Die Männer wurden offenbar durch den Namen des Accounts auf mich aufmerksam. Sie fragten nach meinem Alter, nach Bildern, danach, ob ich einen Freund wolle oder bereits Pornos gesehen hätte. Ich sagte meistens, ich sei 14, obwohl ich erst elf war. Außerdem bekam ich viele ungefragte intime Bilder. Ich fand sie furchtbar und klickte sie sofort weg, schrieb aber teilweise weiter, weil die Männer mir Aufmerksamkeit gaben.

Julia:
Wie reagierte dein Vater, als er das herausfand?

Alisa:
Er sah sich alles an. Ich lag danach tagelang aus Scham in meinem Zimmer und traute mich nicht mehr unter Menschen. Mein Vater kannte sich mit Instagram nicht aus und bat deshalb einen Bekannten aus der IT, den Account und die Daten zu löschen. Außerdem informierte er seinen Bruder, der Polizist ist.

Ich dachte lange, dass ich verhaftet werden würde. Erst viel später begriff ich, dass diese Angst völlig unbegründet war, weil ich das Opfer gewesen war. Damals dachte ich, ich hätte etwas Schlimmes getan. Mein Vater vermittelte mir vermutlich dieses Gefühl, weil es für ihn unerträglich war, dass seine kleine Tochter bei älteren Männern nach Liebe gesucht hatte. Er erzählte es auch meiner Mutter und ihrem Partner.

Julia:
Wie reagierten deine Mutter und ihr Partner?

Alisa:
Beim ersten Besuch danach nahm meine Mutter mich in den Arm, ebenso ihr Partner. Anschließend redeten wir nicht mehr darüber, was mir damals sehr recht war. Auch mit meinem Vater habe ich nie wieder darüber gesprochen. Ich wusste nur, dass ich lange Social-Media-Verbot hatte.

Julia:
Was machte diese Erfahrung mit deiner Überzeugung, dein Vater könnte dich nicht mehr lieben?

Alisa:
Sie machte es noch schlimmer. Ich dachte, ich sei nicht mehr Papas Prinzessin und hätte alles verdorben. Der einzige Mensch, von dem ich mich immer bedingungslos geliebt gefühlt hatte, war nun in meiner Vorstellung ebenfalls von mir enttäuscht. Ich dachte, ich könne nicht mehr weiterleben. Hinter unserem Haus gab es eine Brücke über einer Autobahn. Dort stand ich ungefähr drei Stunden.

Julia:
Weißt du noch, was dich davon abgehalten hat?

Alisa:
Nein. Ich weiß es wirklich nicht mehr.

Julia:
Wie wirkte sich das anschließend auf die Beziehung zu deinem Vater aus?

Alisa:
Ich glaube, mein Vater war verletzt, weil ich ihm nichts erzählt hatte. Vermutlich verstand er auch, warum ich so gehandelt hatte, und fragte sich, ob er nicht gut genug gewesen war. Mit der Zeit wurden wir wieder sehr innig. Wir brauchten einander damals.

Julia:
Wann hörtest du auf, diese Bestätigung bei fremden Menschen zu suchen?

Alisa:
Ich glaube, ich verlagerte meinen Wunsch nach Anerkennung auf die Schule. 2016 war ich in der sechsten Klasse und wäre wegen meiner schlechten Leistungen beinahe auf die Mittelschule gewechselt. Am Ende der siebten Klasse war ich Klassenbeste. Dazwischen war privat sehr viel passiert und besser geworden.

Julia:
Welche Veränderungen waren dabei besonders wichtig?

Alisa:
Gemeinsam mit meinem Therapeuten und meinem Vater erkannte ich, dass es mir sehr schadete, weiter bei meiner Mutter zu leben. Sie war sehr manipulativ, und die Situation belastete mich stark.

Julia:
Warum tat dir die Zeit bei deiner Mutter nicht gut?

Alisa:
Meine Mutter hatte selbst schwere psychische Probleme, die sie lange zu unterdrücken versuchte und dann an mir und meinen Geschwistern ausließ. Ich kann keine Diagnose stellen. Ich vermute eine posttraumatische oder komplexe posttraumatische Belastungsstörung und Depressionen.

Julia:
Wie wirkte sich das konkret auf dich aus?

Alisa:
Meine Mutter war sehr impulsiv. Wenn wir stritten, schloss sie mich beispielsweise im Haus ein und verschwand für Stunden. Ich wusste dann nicht, was passiert war oder ob sie sich etwas antun würde.

Julia:
Deshalb bist du vollständig zu deinem Vater gezogen?

Alisa:
Ja. Mein Vater sagt bis heute, dass es das Mutigste war, was ich je getan habe. An einem Montagabend sagte ich meiner Mutter am Terrassentisch, dass ich gern ganz zu meinem Vater ziehen würde. Sie brach vollkommen zusammen, weinte und schrie. Typisch war, dass alle für sie da sein mussten, wenn es ihr schlecht ging. Meine Schwester und ihr Freund kümmerten sich um sie. Für mich war niemand da. Ich rief meinen Vater an und bat ihn, mich abzuholen. Er kam, und danach gab es erst einmal Döner.

Julia:
Hat der Umzug deiner Seele gutgetan?

Alisa:
Auf jeden Fall, auch wenn die erste Zeit schwer war. Zunächst hatte ich praktisch keinen Kontakt zu meiner Mutter. Das war nicht mein Wunsch, aber sie sagte, sie könne nicht mit mir umgehen, weil ich sie zu sehr verletzt hätte.

Julia:
Was machte das mit deinem Selbstwert?

Alisa:
Es war furchtbar. Schon davor hatte meine Mutter meinen Selbstwert stark beeinflusst. Nach dem Umzug musste ich mir immer wieder anhören, wie sehr ich sie verletzt hätte – in Situationen, denen ich nicht entkommen konnte. Einige Wochen später machten wir einen bereits gebuchten siebentägigen Urlaub, in dem sie fast durchgehend weinte und mir Vorwürfe machte.

Bei einem anderen Besuch wollte ich nicht mehr mit ihr in einem Bett schlafen. Daraufhin ging sie weinend zu ihrer Freundin. Diese erklärte mir anschließend, was mit mir nicht stimme. Auch Verwandte meiner Mutter zogen mich bei Besuchen beiseite und sagten mir, wie sehr ich ihre Schwester oder Tochter verletzt hätte.

Julia:
Hat dich diese Erfahrung noch enger mit deinem Vater zusammengeschweißt?

Alisa:
Ja. Mein Vater und ich wurden 2016 zu einem Team, das kaum noch zu trennen war. Gleichzeitig zog ich mit ihm zu seiner damaligen Partnerin und ihren beiden Kindern. Wenige Wochen später trennte er sich endgültig von ihr. Auch diese Trennung war für mich schlimm und beeinflusste meinen Selbstwert.

Julia:
Warum war sie so belastend für dich?

Alisa:
Die Söhne seiner Partnerin waren für mich wie Stiefbrüder. Während die Erwachsenen laut stritten, kamen sie in mein Zimmer. Ich weinte, und einer sagte mir, ich sei dumm und würde immer alles kaputt machen. Die beiden Erwachsenen würden ständig wegen mir streiten und meinen Namen sagen. Deshalb dachte ich lange, ich sei schuld an der Trennung. Die Partnerin meines Vaters konnte mich nicht ausstehen.

Julia:
Hat jemand klargestellt, dass du nicht der Grund für die Trennung warst?

Alisa:
Mein Vater sagte mir das immer wieder. Danach wurden wir beide aus dem Haus geworfen und waren vorübergehend ohne eigene Wohnung. Kurz vor Schulbeginn in den Sommerferien kamen wir abwechselnd bei Freunden und Verwandten unter. Ungefähr einen Monat nach Schulbeginn zogen wir in eine eigene Wohnung und begannen ein neues Kapitel.

Julia:
Warst du in dieser Zeit weiterhin in Therapie?

Alisa:
2016 und bis zum Frühjahr 2017 ging ich noch zu dem Psychologen. Danach erinnere ich mich nicht mehr an weitere Termine. Er sagte, ich sei austherapiert. Bei ihm ging es ausschließlich um Depressionen; ADHS wurde nie in Betracht gezogen. Wegen meiner Tollpatschigkeit und Vergesslichkeit machten wir Übungen, die mir helfen sollten, mich nicht so stark auf meine Traurigkeit, sondern mehr auf die Außenwelt zu konzentrieren.

Julia:
Glaubst du, ADHS wurde übersehen, weil es bei Mädchen häufig anders erscheint als das gesellschaftliche Bild eines hyperaktiven Jungen?

Alisa:
Auf jeden Fall. Ich entsprach nicht dem Bild, das viele von ADHS haben – oder vielleicht hatte ich früher einmal so gewirkt. Mir wurde aber früh beigebracht, dass Mädchen sich nicht so verhalten dürfen. Deshalb konnte ich diese Seite nicht einmal bei meinem Therapeuten zeigen oder ansprechen.

Julia:
Wie sollten Mädchen deiner Erfahrung nach sein?

Alisa:
In der Grundschule kippelte ich oft mit dem Stuhl. Lehrkräfte und Mitschüler machten mich dafür fertig und sagten, so etwas würden nur Jungen machen. Auch das Dazwischenreden war ein großes Thema. Wenn ich mich meldete, die Antwort wusste und nicht aufgerufen wurde, sagte ich sie trotzdem.

Julia:
Wie verlief dein weiterer Weg durch verschiedene Therapien?

Alisa:
Zwischen 2017 und 2025 begann ich zwei weitere Therapien. Beide dauerten nicht lange und halfen mir nicht wirklich. 2021 erlebte ich erneut ein sehr schweres depressives Jahr und suchte mir Hilfe. Damals stritt ich häufig mit meinem Vater und seiner heutigen Frau – oft wegen Verhaltensweisen, die ich heute als ADHS-Symptome erkenne. In ihren Augen war ich sehr vergesslich und faul.

Julia:
Kannst du dafür ein Beispiel nennen?

Alisa:
Ein jahrelanges Streitthema war mein Führerschein. Mein Vater bezahlte ihn, wofür ich bis heute dankbar bin. Ich schob es aber bis kurz vor der theoretischen Prüfung auf, die Lern-App zu bearbeiten, und fiel zweimal durch die Theorieprüfung. Für meine Familie lag das daran, dass ich zu faul zum Lernen gewesen sei. Später fiel ich auch einmal durch die praktische Prüfung, aber daraus machten sie mir keinen Vorwurf. Vor allem der lange Weg bis zur Zulassung zur praktischen Prüfung führte zu vielen Konflikten.

Julia:
Welche heute erkennbaren ADHS-Symptome spielten dabei eine Rolle?

Alisa:
Vor allem das Aufschieben und die große Hürde, überhaupt mit einer Aufgabe zu beginnen. Für mich war es ein enormer Schritt, die App zu öffnen und mich drei Stunden damit zu beschäftigen. Meine Familie konnte das nicht nachvollziehen, weil ich ohnehin am Handy war. Von außen wirkte es so, als müsste ich nur die richtige App öffnen und ein bisschen lernen. Niemand sah, welchen Kraftaufwand das in meinem Kopf bedeutete.

Julia:
Wie würdest du diesen Kraftaufwand heute beschreiben?

Alisa:
Das Schwierige ist, den Gedanken loszulassen, dass man es irgendwann noch erledigen wird, und zu akzeptieren, dass man genau jetzt anfangen muss. Dafür brauche ich bei solchen Aufgaben mehr Energie als für Dinge wie das bloße Nutzen meines Handys. Weil ich damals zusätzlich depressiv war, kostete es noch mehr Kraft. Das konnten andere nicht sehen.

Julia:
Warum wurde ADHS auch in der nächsten Therapie nicht erkannt?

Alisa:
Wegen meines selbstverletzenden Verhaltens wurde damals vor allem in Richtung Borderline gedacht. Das war der einzige konkrete Hinweis, der mir dafür genannt wurde. Vielleicht sah die Therapeutin weitere Verhaltensweisen, die sowohl bei ADHS als auch bei Borderline auftreten können. Unsere Arbeit wurde jedenfalls an dieser Vermutung ausgerichtet. Ich war allerdings nicht lange genug bei ihr, um eine vollständige Diagnostik abzuschließen.

Julia:
Wie kam es zu deinem nächsten Therapieversuch?

Alisa:
Auslöser war eine sehr schwere depressive Phase. In der Zeit rund um meinen Führerschein war ich zum zweiten Mal in meinem Leben sehr nah am Tod.

Julia:
Was hatte dazu geführt?

Alisa:
Vor allem die vielen Konflikte mit meiner Familie. Außerdem war ich ein Teenager, wusste nicht, wohin ich gehörte oder wer ich war, und hatte große Identitätsprobleme. Manche Depressionen lassen sich aber auch nicht vollständig durch einen einzelnen Auslöser erklären.

Julia:
Konnte dir die Therapie helfen?

Alisa:
Sie fing mich teilweise auf, führte aber nicht dazu, dass es mir wirklich besser ging. Deshalb beendete ich sie schließlich selbst. Danach versuchte ich weiterzuleben oder eher zu überleben. Die Depression setzte sich in mir fest und wurde zu einem Teil meines Lebens. Mein Vater stand bei all meinen Therapieversuchen hinter mir und war zumindest ein Anker.

Julia:
Wie ging dein Leben nach der falsch eingeordneten Symptomatik weiter?

Alisa:
Ich begann in einer anderen Stadt zu studieren. Das brachte viele neue Erfahrungen mit sich. Natürlich hatte ich weiterhin depressive Phasen, aber insgesamt ging es. Im zweiten Semester trennte ich mich von meinem damaligen Freund, der noch in meiner Heimatstadt lebte. Danach war ich lange sehr glücklich und dachte, mit dieser Trennung seien alle meine Probleme gelöst und ich bräuchte keine Therapie mehr.

Julia:
Was hast du studiert, und warum hast du dich dafür entschieden?

Alisa:
Ich begann ein Studium der Sozialen Arbeit. Davor hatte ich ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Psychiatrie gemacht. Ich arbeitete auf einer gerontopsychiatrischen Station mit demenziell erkrankten Menschen. Diese Erfahrung zeigte mir, dass ich nicht in der Pflege arbeiten wollte. Gleichzeitig interessierten mich die Geschichten aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie sehr. Ich fragte mich, was im Leben eines Kindes geschehen sein muss, damit es so schwer belastet wird. Ich wollte Kindern helfen – vielleicht auch, weil ich mir selbst gewünscht hätte, dass mich damals jemand stärker gesehen hätte.

Julia:
Hattest du vor dem Studium schon praktische Einblicke in dieses Berufsfeld?

Alisa:
2019 machte ich ein einwöchiges Praktikum beim Jugendamt. Danach wusste ich, dass ich in diesem Bereich arbeiten wollte. Im Studium absolvierte ich später ein Praktikum in einer therapeutischen Wohngruppe für psychisch erkrankte Jugendliche. Ich war zunächst von der lockeren Beschreibung angesprochen: Dort werde gemeinsam gespielt, gegessen und viel unternommen. Vor Ort merkte ich, dass sehr viel mehr dahintersteckte. Für mich war es eine Erleuchtung. Später machte ich dort auch mein halbjähriges Semesterpraktikum. Anschließend wurde ich direkt als Werkstudentin übernommen.

Julia:
Was macht es mit dir, so unmittelbar mitzuerleben, welche Probleme die Jugendlichen haben?

Alisa:
Das ist schwer und wahrscheinlich ein Prozess, der nie ganz aufhört. Es berührt mich immer, weil ich viel Empathie habe. Oft möchte ich den Jugendlichen sagen, dass ich Ähnliches erlebt habe und dass es besser werden kann. Das wäre im beruflichen Rahmen aber nicht immer professionell. Mir wurde gesagt, dass die Jugendlichen sehr feine Antennen haben. Vielleicht spüren sie auch ohne Erklärung, dass jemand selbst Probleme erlebt hat oder ADHS kennt.

Julia:
Hat deine Arbeit schließlich dazu geführt, dass du dich auf ADHS testen ließest?

Alisa:
Nein, der Auslöser war meine heutige Beziehung. Mit meinem Freund bin ich seit zwei Jahren zusammen. Die erste Zeit war wie ein Traum. Dann kamen plötzlich alte Traumata, starke Angstzustände, innere Unruhe und Schlafprobleme zurück. Er sagte irgendwann, dass er nicht länger mit ansehen könne, wie schlecht es mir ging, und dass ich eine Therapie beginnen müsse.

In der Therapie lernte ich, dass ich mich zum ersten Mal bei einem Menschen so sicher fühlte, dass ich mich fallen lassen konnte. Wenn diese Sicherheit da ist, entsteht auch Raum, alte Themen zu bearbeiten. Der Schutzmechanismus des Körpers lässt nach, weil er nicht mehr in derselben Weise gebraucht wird – und dann kommen die alten Dämonen wieder hoch.

Julia:
Hat dein neuer Therapeut schließlich mehr gesehen als die vorherigen?

Alisa:
Ja. Er sprach ADHS relativ früh an. Ich sagte ihm zunächst immer, dass das ausgeschlossen sei und er sich irre. Ich hatte mich nie mit ADHS identifizieren können. Irgendwann ließ ich ihn ausreden und hörte ihm wirklich zu. Er erklärte, dass er bei mir stark von ADHS ausgehe. Danach machten wir über mehrere Wochen eine Diagnostik. Am Ende hatte er recht.

Julia:
Was dachtest du vor der Diagnose, woher deine Schwierigkeiten kämen?

Alisa:
Ich konzentrierte mich stark auf Angststörungen, die bei mir ebenfalls diagnostiziert wurden. Ich dachte, sie seien einfach ausgeprägter als angenommen. Verhaltensweisen wie das Aufschieben ordnete ich dagegen meinem Charakter zu: Ich sei eben ein fauler Mensch.

Julia:
Du hattest also irgendwann selbst geglaubt, dass die vermeintlichen Charakterfehler tatsächlich zu dir gehören. War es erleichternd, einen anderen Ursprung zu erkennen?

Alisa:
Auf jeden Fall. Erst seit einigen Wochen habe ich das Gefühl, diesen Prozess weitgehend abgeschlossen zu haben. Heute weiß ich: Ich bin nicht faul, nicht dumm und nicht zu blöd für alles. Natürlich bin ich tollpatschig, aber das hat einen Ursprung und macht mich nicht zu einem schlechteren Menschen.

Julia:
Ist dein innerer Kritiker dadurch ruhiger und dein Selbstwert besser geworden?

Alisa:
Ein wenig. Ich bin noch mitten im Prozess.

Julia:
Wie fühlt es sich heute an, wenn du glaubst, einen Fehler gemacht oder etwas nicht gut genug erledigt zu haben?

Alisa:
Das ist noch immer sehr schlimm. Als ich Praktikantin in meiner heutigen Einrichtung war, ließ ich versehentlich Müsli fallen, das sich auf dem Boden verteilte. So etwas kann jedem passieren. Die diensthabende Person fand die absurde Situation einfach lustig und lachte, ohne sich über mich lustig zu machen. Ich begann trotzdem zu weinen. Ich wollte dort unbedingt gut ankommen und gut bewertet werden. Für mich fühlte sich dieser kleine Fehler katastrophal an.

Heute könnte ich mich in derselben Situation vermutlich besser regulieren. Die Gefühle wären noch ähnlich, aber ich habe einen besseren Zugang zu mir gefunden. Ich kann beruhigender mit mir sprechen.

Julia:
Kannst du dir inzwischen erlauben, einmal schusselig zu sein oder etwas nicht perfekt zu machen?

Alisa:
Es fällt mir weiterhin schwer, aber ich bin besser geworden. Am meisten hat mir geholfen, zu wissen, dass bei mir wirklich eine Neurodivergenz vorliegt und ich mir das nicht einbilde. Ich bin nicht zu blöd für diese Welt. Ich bin einfach so, und es ist nicht meine Schuld.

Julia:
Wie stark hängt dein Selbstwert davon ab, was andere Menschen von dir denken?

Alisa:
Sehr stark. Über das verschüttete Müsli dachte ich noch tagelang nach. Während andere gesagt hätten, dass so etwas eben passiert, fragte ich mich, wie ich so dumm sein konnte. Ich dachte: Sie mögen mich nicht. Sie wollen mich bestimmt nicht als Semesterpraktikantin. Sie finden mich komisch und merken, dass ich selbst psychische Probleme habe.

Julia:
Was löst es in dir aus, wenn du glaubst, jemand sei von dir enttäuscht?

Alisa:
Das ist für Menschen mit ADHS vermutlich ohnehin schwierig. Bei mir kommt noch eine traumatische Erfahrung hinzu: Meine Mutter sagte mir als Kind bei fast jeder Gelegenheit, dass sie von mir enttäuscht sei. Deshalb habe ich heute große Angst, andere Menschen könnten ebenfalls schnell von mir enttäuscht sein.

Julia:
Was passiert, wenn jemand tatsächlich enttäuscht ist oder du fest davon überzeugt bist, einen schweren Fehler gemacht zu haben?

Alisa:
Dann kann ich nicht mehr rational denken. Es ist, als würde ein Schalter umgelegt, den ich selbst nicht bedienen kann. Es kommen sehr negative Gedanken über meinen Selbstwert auf – bis hin zu Suizid- und Selbstverletzungsgedanken. Ich bekomme Panikattacken und weine. Daran muss ich noch arbeiten.

Julia:
Welche Signale lösen bei dir das Gefühl aus, dass jemand enttäuscht sein könnte?

Alisa:
Vor allem, wenn mir eine nahestehende Person nicht mehr dieselbe Zuneigung zeigt wie sonst. In einer romantischen Beziehung kann es reichen, wenn mein Partner mich gerade nicht umarmen oder küssen kann. Manchmal spüre ich auch eine Enttäuschung, obwohl die andere Person gar keine entsprechenden Signale sendet.

Julia:
Kannst du solche Situationen mit zeitlichem Abstand klarer sehen?

Alisa:
Es kommt darauf an, um wen es geht. Bei Menschen, die mir sehr nahestehen, frage ich meistens nach. Mit der Zeit kann das für sie anstrengend werden, weil ich immer wieder dieselbe Sicherheit suche. Wenn mir jemand weniger nahesteht, kann ich nach einigen Stunden eher erkennen, dass ich übertrieben habe.

Mein Einstieg ist fast immer die Frage: „Ist alles gut?“ Für andere sind das drei kleine Wörter; für mich bedeuten sie die Welt. Gleichzeitig kann ich die Antwort meist nicht glauben.

Julia:
Was bräuchtest du, um einer beruhigenden Antwort glauben zu können?

Alisa:
Nichts Äußeres würde dauerhaft reichen. Ich muss an mir selbst arbeiten und herausfinden, warum ich diese Sicherheit in dem Moment brauche. Natürlich fallen mir Dinge ein: eine Umarmung, danach ein Kuss, dann vielleicht ein Geschenk oder ein sichtbares Zeichen in den sozialen Medien. Aber jedes einzelne davon wäre kurz darauf wieder zu wenig. Deshalb darf ich nicht davon abhängig werden, wie die Antwort meines Gegenübers ausfällt.

Julia:
Wie wirkt sich das auf deine Beziehung aus? Kannst du deinem Partner glauben, wenn er sagt, dass alles in Ordnung ist?

Alisa:
Ich versuche es wirklich. Häufig habe ich mir aber schon vorher ein Urteil gebildet. Dann frage ich vielleicht noch aus Gewohnheit nach, kann ihm aber nicht immer glauben. Das Gefühl lässt nach, wenn wir schöne Abende hatten und ich merke, dass er gern Zeit mit mir verbringt und ich ihn nicht nerve. Es kann aber wegen einer anderen Situation nach Stunden, Tagen oder auch Wochen wiederkommen.

Julia:
Warum reagierst du so schnell auf kleinste Veränderungen?

Alisa:
Meine Antennen sind sehr fein. Ich nehme Verhaltensänderungen schnell wahr, weil ich das früher als Schutzmechanismus brauchte. Sobald ich bei meinem Partner eine kleine Veränderung spüre, bin ich in Alarmbereitschaft und überwerte alles, was er sagt oder tut. Das ist häufig verletzend für ihn. Wer dieses Erleben nicht kennt, kann sich seine Intensität vermutlich kaum vorstellen.

Julia:
Gibt es dabei eine kleine, verletzte Alisa und eine erwachsene Alisa, die rationaler auf die Situation blickt?

Alisa:
Auf jeden Fall. Dieses Gegenspiel tut weh, weil die kleine Alisa so verletzt ist und ich sie nicht vollständig retten kann.

Julia:
Wie versuchst du, ihr heute etwas Gutes zu tun?

Alisa:
Ich habe gelernt, freundlicher mit mir zu sein. Mein Therapeut sagt immer, ich solle mit mir sprechen, als wäre ich meine eigene beste Freundin. Das klingt nach einem typischen Spruch, aber ich versuche es wirklich. Ich achte mehr auf meine Bedürfnisse und frage mich, was ich an einem bestimmten Tag brauche. Wenn ich Ruhe brauche, sage ich das. An Tagen, an denen sich ein Trauma jährt, weiß ich, dass die kleine Alisa besonders viel Ruhe und Wärme braucht.

Julia:
Welche Rolle spielen Angst vor Ablehnung und Verlustangst in deinen Beziehungen?

Alisa:
Eine sehr große. Zu meinem Freund sage ich wahrscheinlich keinen Satz häufiger als: „Bitte verlass mich nicht.“ Oder: „Wenn du mich verlässt, sag es mir früh genug und nicht erst, wenn du innerlich schon abgeschlossen hast.“ Ich habe große Angst, dass Menschen mich von einem Tag auf den anderen abstoßen, nicht mehr wollen und mit mir abschließen. Rational weiß ich meistens, dass ich ihnen keinen legitimen Grund dafür gebe. Auf der Gefühlsebene bin ich trotzdem stark davon überzeugt.

Julia:
Wie erlebst du Impulsivität heute? Gibt es Momente, in denen du hinterher bereust, was du gesagt oder getan hast?

Alisa:
Ich habe sehr stark gelernt, andere nicht zu unterbrechen, weil das auch eine Frage des Respekts ist. Trotzdem passiert es mir, besonders an Tagen, an denen ich wenig Energie habe, mich selbst zu bremsen. Danach denke ich sofort: Warum habe ich das gemacht? Manchmal entschuldige ich mich, manchmal hoffe ich, dass die andere Person es nicht bemerkt hat. Es ist jeden Tag anstrengend, nicht dazwischenzureden. Ebenso anstrengend ist es für mich, in einer Schlange zu warten und nicht sofort an die Reihe zu kommen.

Julia:
Welche Strategien helfen dir heute im Alltag?

Alisa:
Ich bin sehr empfindlich gegenüber Lautstärke. Deshalb habe ich immer Ohrstöpsel dabei, besonders im Zug, am Bahnhof oder an anderen lauten Orten. Im Fußball- oder Eishockeystadion brauche ich sie komischerweise nicht – dort darf es gern laut sein.

Wenn Gefühle in mir brodeln, spüre ich sie stark im Brustbereich. Dann brauche ich etwas in meiner Hand. Meistens nutze ich Knete, die ich sehr schnell und fest drücken kann. Dadurch kann ich meine Aufmerksamkeit auf den Gegenstand richten, statt auf die Gefühle, die immer lauter werden.

Julia:
Wie fühlt sich Reizüberflutung für dich an? Was bedeutet es, Geräusche und Gespräche nicht ausreichend filtern zu können?

Alisa:
Wenn neurotypische Menschen in einem Restaurant mit jemandem am Tisch sitzen, können sie sich häufig auf diese Person konzentrieren und blenden vieles drum herum aus. Ich spreche dagegen mit meinem Gegenüber und höre gleichzeitig, worüber sich das Paar an einem anderen Tisch streitet, was ein Kind am nächsten Tisch möchte, dass in der Küche etwas herunterfällt und welche Bestellung an einem weiteren Tisch aufgegeben wird. Dabei soll ich noch verstehen, was mir die Person direkt vor mir erzählt. Gleichzeitig interessiert mich, wie die anderen Gespräche weitergehen. So hektisch, wie ich das beschreibe, fühlt es sich auch in meinem Kopf an.

Julia:
Wie hast du dieses ständige Gedankenrauschen eingeordnet, bevor du von deinem ADHS wusstest?

Alisa:
Ich bezeichnete mich einfach als Overthinker und dachte, damit sei es erklärt. Wenn mich etwas im Raum interessiert, das mit dem eigentlichen Gespräch nichts zu tun hat, fällt es mir extrem schwer, der anderen Person weiter zuzuhören, solange ich die Frage nicht gestellt habe.

Julia:
Gibt es Menschen, bei denen du deine Gedanken weniger unterdrücken musst und einfach ungefiltert sein kannst?

Alisa:
Das spüre ich bei dir sehr stark. Meine Freundin Julia hat ebenfalls ADHS. Wir verstehen uns in diesem Bereich fast blind, erkennen die Bedürfnisse der jeweils anderen und können Gedanken ungefiltert aussprechen, ohne Angst zu haben, die andere Person könnte böse werden.

Julia:
Wie reagierte dein Vater auf deine ADHS-Diagnose?

Alisa:
Zunächst nahm er sie nicht besonders ernst. Er hatte das gesellschaftlich verbreitete Bild eines hyperaktiven kleinen Jungen im Kopf und sagte sinngemäß: „Dann ist es jetzt eben ADHS.“ Vor Kurzem führten wir aber ein schönes und tieferes Gespräch über Reizüberflutung. Auf einer Geburtstagsfeier bei uns zu Hause sprachen viele Menschen gleichzeitig, was für ihn kaum auszuhalten war. Wir gingen in die Küche und schlossen die Tür, damit wir uns unterhalten konnten. Ich fragte ihn, ob er vielleicht selbst neurodivergent sein könnte, da ADHS vererbbar ist. Er merkt inzwischen, dass er ähnliche Schwierigkeiten hat, möchte sich aber nicht testen lassen, weil eine Diagnose für ihn nichts ändern würde. In meiner Familie gibt es mehrere Menschen mit ADHS.

Julia:
Was wünschst du dir für deine Zukunft? Was möchtest du noch lernen?

Alisa:
Ich wünsche mir mehr Selbstorganisation, weil das noch ein sehr großes Thema ist, das ich mit meinem ADHS nicht gut bewältige. Außerdem möchte ich am Ende meines Lebens sagen können, dass ich in meinem Beruf etwas Gutes für Menschen getan habe. Ich möchte anderen die Hilfe geben, die ich selbst als Kind gebraucht hätte.

Julia:
Was hätte dein jüngeres Ich gebraucht? Was würdest du ihm heute sagen?

Alisa:
Ich würde meinem jüngeren Ich sagen, dass es niemals falsch ist. Es ist valide, so wie es ist, muss sich nicht verändern und muss nicht von jedem gemocht werden. Es darf einfach da sein.

Julia:
Was möchtest du Menschen mitgeben, die Ähnliches erleben?

Alisa:
Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft das stereotype Bild von ADHS vergisst. ADHS kann auch still sein und einen schweren inneren Kampf bedeuten. Es heißt nicht nur, mit dem Stuhl zu kippeln oder mit dem Bein zu wippen. Es kann auch schlaflose Nächte, Selbstzweifel und Depressionen mit sich bringen. Das muss ernst genommen werden.

Julia:
Wann sollten Menschen ihren eigenen Schwierigkeiten genauer nachgehen?

Alisa:
Wenn sie starke Einschränkungen im Alltag bemerken, die sie nicht mehr allein bewältigen können – zum Beispiel Schlafstörungen durch ständiges Grübeln und Gedankenspiralen.

Julia:
Vielleicht hat sich jemand in deiner Geschichte wiedererkannt und du konntest damit einem Menschen helfen. Danke, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast. Schön, dass du heute da warst.

Alisa:
Danke, dass ich da sein durfte.

Hinweis zur Anonymität: Der Name der interviewten Person wurde auf eigenen Wunsch geändert. „Alisa“ ist ein frei gewählter Name.

ANLAUFSTELLEN UND HILFE

 

Sozialpsychiatrisches Zentrum Amberg

Paulanergasse 18, 92224 Amberg

09621 3724-0

Beratung & Unterstützung bei psychischen Belastungen, Erkrankungen, Krisen & schwierigen Lebenssituationen.

 

medbo Amberg – Psychiatrische Institutsambulanz & Tagesklinik

Marienstraße 12, 92224 Amberg

09621 91666-8350

Psychiatrische Behandlung & Krisenhilfe, ambulant & teilstationär.
 

Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen Amberg

09621 101399 · selbsthilfegruppen@amberg.de

Unterstützt bei der Suche nach passenden Selbsthilfegruppen in Amberg & der Region.

 

Krisendienst Psychiatrie Bayern

0800 655 3000 · rund um die Uhr · kostenlos

Unterstützung bei psychischen Krisen & seelischen Notlagen, auch für Angehörige & Bezugspersonen.

 

TelefonSeelsorge

0800 1110111 · 0800 1110222 · 116 123

rund um die Uhr

Kostenlos & anonym. Telefon, Chat & Mail möglich.

 

Nummer gegen Kummer

116 111 · kostenlos & anonym

Beratung für Kinder & Jugendliche bei Sorgen, Ängsten, Konflikten, Mobbing, Missbrauch, Essstörungen, Depressionen & Sucht.

 

SkF Amberg – Fachstelle für sexualisierte Gewalt

Haager Weg 15, 92224 Amberg

09621 4872-18

Beratung bei sexualisierter Gewalt, sexuellem Missbrauch & Belästigung – vertraulich, kostenlos & auf Wunsch anonym.

 

Notruf für Frauen & Mädchen:

09621 22200 · rund um die Uhr

 

Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch

0800 22 55 530 · kostenlos & anonym

Beratung bei sexuellem Missbrauch in Kindheit & Jugend – auch bei Verdacht, Unsicherheit oder einem unguten Gefühl.

 

WEISSER RING – Opfer-Telefon

116 006

Kostenlose Hilfe & Beratung für Menschen, die Opfer jeglicher Straftaten geworden sind.

 

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