Bunte Innenwelten
Sich aus den Augen verlieren
 

Florian erzählt von einer Zeit, in der mehrere Belastungen zusammenkamen: Nach der Scheidung seiner Eltern wurde Essen für ihn zum emotionalen Rückzugsort. Jahre später verschlechterten sich seine Augen durch einen Keratokonus, während er gleichzeitig immer stärker in die Isolation geriet. Lange glaubte er, mit allem allein klarkommen zu müssen.

 

Julia:
Wo würdest du sagen, beginnt deine Geschichte?

Florian:
Rückblickend würde ich sagen, dass ich eine sehr sorgenlose Kindheit hatte, bis sich meine Eltern scheiden ließen. Ich war damals zwischen zehn und zwölf Jahre alt. Ab da ging es los.

Julia:
Eine Scheidung hat auf Kinder häufig große Auswirkungen. Wie ging es dir damit? Hattest du das Gefühl, dass deine Gefühle und Bedürfnisse danach genügend Platz hatten?

Florian:
Es war eine sehr große Umstellung. Meine Welt veränderte sich stark. Meine Eltern hatten plötzlich viel weniger Zeit für mich, weil sie damit beschäftigt waren, ihr eigenes Leben neu zu ordnen. Ich lebte weiterhin bei meiner Mutter. Sie hatte als Alleinerziehende viel Stress und Wut. Es ging vor allem darum, den Alltag zu bewältigen; auf emotionale Probleme konnte nicht immer Rücksicht genommen werden.

Rückblickend zeigte sich das bei mir darin, dass ich mehr zu essen begann. Ich versuchte, meine Gefühle mit Essen zu kompensieren, und suchte darin Zuflucht. Dadurch nahm ich schnell sehr viel zu.

Julia:
War dir damals bewusst, dass du auf diese Weise deine Gefühle kompensierst?

Florian:
Nein. Mir war zwar bewusst, dass mein Essverhalten problematisch war und dass ich damit zu kämpfen hatte. Die direkte Verbindung zu meinen Gefühlen und die Erkenntnis, dass das Essen für mich eine Zuflucht war, kamen aber erst in meinen Zwanzigern.

Julia:
Was bedeutete das Essen damals für dich? Hast du dich währenddessen oder danach besser gefühlt?

Florian:
Die Anspannung und die Gefühle wurden in mir immer stärker. Weil ich nicht damit umgehen konnte, bot mir das Essen Ablenkung. Deshalb aß ich immer mehr.

Julia:
Wann wurde das zum Problem?

Florian:
Relativ schnell. Schon mit zwölf oder dreizehn hatte ich sehr viel Gewicht und war dadurch eingeschränkt. Obwohl ich in mehreren Sportvereinen aktiv war, konnte ich mein Gewicht nicht regulieren. Meine Mitschüler machten viele Witze darüber, und in den ersten Jahren konnte ich überhaupt nicht damit umgehen. Mein Gewicht stieg weiter.

Erst als sich die Situation nach der Trennung meiner Eltern einpendelte, wir in der veränderten Lebenssituation ankamen und die Wut zwischen meinen Eltern nachließ, konnte ich mich aus dieser ständigen Gewichtszunahme lösen und mein Essen wieder besser kontrollieren. Das dauerte ungefähr bis zu meinem 15. oder 16. Lebensjahr.

Julia:
Du hast einen jüngeren Bruder. Hattest du das Gefühl, dass deine Eltern mehr für ihn da waren als für dich?

Florian:
Nein. Meine Eltern achteten darauf, uns gleich zu behandeln. Später zog mein Bruder zu meinem Vater, während ich bei meiner Mutter blieb. Mein Bruder fühlte sich eher zu meinem Vater hingezogen und ich eher zu meiner Mutter. Ich hatte nie den Eindruck, dass einer von uns bevorzugt wurde.

Allerdings hatte ich das Gefühl, mehr Verantwortung übernehmen zu müssen. Mein Bruder ist jünger, und weil meine Eltern mit sich selbst beschäftigt waren und meine Mutter alleinerziehend war, musste ich viele Aufgaben übernehmen. Mir wurde vermittelt, dass ich verantwortungsvoll sein und für meinen Bruder da sein müsse, wenn er allein oder traurig war.

Julia:
Hat dir etwas gefehlt, weil du so früh Verantwortung für dich und deinen Bruder übernommen hast? Hättest du dir mehr Unterstützung für dich selbst gewünscht?

Florian:
Damals dachte ich, ich müsse das tun, weil ich der große Bruder bin. So wurde es mir auch vermittelt. Im Nachhinein sehe ich, dass ich selbst gern mehr Fürsorge bekommen hätte. Nur weil man der ältere Bruder ist, sollte man nicht allein klarkommen müssen. Auch dann darf man Unterstützung erfahren.

Julia:
Wie ging es dir in den folgenden Jahren?

Florian:
Je älter ich wurde, desto mehr Freiheiten hatte ich. Anfangs fühlte ich mich in meinen Möglichkeiten sehr eingeengt. Je mehr ich mich entfalten konnte, desto besser konnte ich mit dem Stress und den unterdrückten Gefühlen umgehen. Ich nahm ab, wurde selbstbewusster, ging häufiger aus und hatte mehr soziale Kontakte.

Diese Entwicklung zwischen 16 und 18 half mir, die fehlende emotionale Verbindung innerhalb der Familie auszugleichen. Ich hatte enge Freunde, mit denen ich über emotionale Themen sprechen konnte und von denen ich Unterstützung bekam.

Julia:
In dieser Zeit begann auch deine längste Beziehung, richtig?

Florian:
Genau. Die Beziehung begann, als ich 17 war. Darin lernte ich noch einmal auf eine andere Weise, mit Gefühlen umzugehen und mich zu öffnen. Ich erfuhr, dass es in Ordnung ist, eigene Probleme anzusprechen, und dass man dafür auf emotionaler Ebene Verständnis bekommen kann.

Dieses Gefühl hatte ich in meiner Kindheit weniger. Meine Eltern taten sich selbst schwer damit, sich emotional zu öffnen. Um meine Grundbedürfnisse wurde sich gekümmert, aber die emotionale Fürsorge war rückblickend nicht besonders ausgeprägt.

Julia:
Später wurde bei dir die Augenerkrankung Keratokonus diagnostiziert. Wie kam es dazu, dass du zum Arzt gegangen bist?

Florian:
Ich saß in der Schule immer gern hinten. Irgendwann konnte ich von dort nicht mehr erkennen, was an der Tafel stand. Nach und nach setzte ich mich weiter nach vorn. Schließlich saß ich in der ersten Reihe und konnte die Tafel trotzdem nicht mehr lesen.

Beim Augenarzt wurde zunächst meine Sehstärke bestimmt und eine Brille angefertigt. Als ich sie anprobierte, merkte ich, dass ich auch damit kaum etwas sah. Nach weiteren Untersuchungen wurde ich zu einem anderen Augenarzt überwiesen. Dort wurde Keratokonus festgestellt. Dabei verformt sich die Hornhaut. Vereinfacht gesagt ist ihre Form nicht mehr gleichmäßig rund, wodurch das Licht schlechter gebündelt wird und die Sehkraft abnimmt. Die Erkrankung kann sich mit der Zeit verschlimmern und ist nicht heilbar.

Julia:
Warum fiel bei den Sehtests nicht sofort auf, dass dir die Brille nicht half? Konntest du dir selbst noch nicht eingestehen, wie schlecht du gesehen hast?

Florian:
Darüber habe ich viel nachgedacht. Ich glaube, ich konnte mir nicht eingestehen, dass mir auch die Brille nichts brachte. Brillen, Kontaktlinsen und alles, was mich in meinem Gefühl einschränken konnte, lehnte ich stark ab. Ich glaube, ich habe mich selbst belogen.

Julia:
Was sagte dir der Arzt nach der Diagnose?

Florian:
Er erklärte mir, dass die Erkrankung nicht heilbar ist und meine Augen im Laufe meines Lebens schlechter werden können, ohne dass man weiß, wie schnell das geschieht. Ich brauchte eigentlich Kontaktlinsen. Sie wurden für mich angefertigt, aber ich kam nicht damit zurecht.

Heute weiß ich, dass ich ihnen keine wirkliche Chance gegeben habe, weil ich sie nicht wollte. Ich hätte sie einige Monate ausprobieren müssen und mich wahrscheinlich daran gewöhnt. Stattdessen setzte ich sie ein- oder zweimal ein. Weil meine Augen schmerzten, juckten und tränten, trug ich sie danach nie wieder.

Julia:
Wie bist du nach der Diagnose mit der Erkrankung umgegangen?

Florian:
Ich machte zunächst einfach weiter wie bisher und hoffte, dass es nicht schlimmer werden würde – oder zumindest erst sehr viel später. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie schlimm es werden könnte. Das Gehirn kann eine schlechter werdende Sicht lange kompensieren, zum Beispiel über das Gehör. Man gewöhnt sich an vieles. Deshalb redete ich mir meinen Zustand schön und fand immer wieder Wege, damit zurechtzukommen, obwohl ich längst etwas hätte unternehmen müssen.

Ich schob das Problem immer weiter auf und verdrängte es. Als das nicht mehr möglich war, befand ich mich bereits an einem Punkt, an dem ich mir keine Hilfe mehr suchen konnte.

Julia:
Die Erkrankung wurde anschließend immer schlimmer. Wie schlecht konntest du auf dem Tiefpunkt sehen?

Florian:
Mitte meiner Zwanziger konnte ich die Welt um mich herum nicht mehr richtig erkennen. Beim Einkaufen sah ich die Preise auf den Schildern nicht, und Autofahren war nicht mehr möglich. Ich nahm nur noch die Welt in wenigen Metern Entfernung wahr; alles dahinter war verschwommen. In unserem langen Flur konnte ich nicht erkennen, was sich am anderen Ende befand. Auch die Gesichter von Menschen, die mir gegenübersaßen, erkannte ich nicht mehr. Meine Welt wurde immer kleiner, und ich konnte kaum noch an ihr teilhaben. Auf einem Auge hatte ich ungefähr fünf Prozent Sehkraft, auf dem anderen etwa 25 Prozent.

Julia:
Das schwierige Verhältnis zum Essen war mit 16 nicht beendet. Wie entwickelte es sich in deinen Zwanzigern?

Florian:
Das Thema ließ mich nie wieder ganz los. Mit 16 hatte ich mein Gewicht zwar unter Kontrolle, aber das war kein Selbstläufer. Es bestimmte meinen Alltag, und ich musste mich jeden Tag bewusst damit auseinandersetzen. Sobald ich das nicht tat, kompensierte ich meine Gefühle wieder mit Essen.

Anfang meiner Zwanziger fühlte ich mich lange wohl mit meinem Gewicht und vernachlässigte das Thema. Vielleicht verlernte ich dabei auch Strategien, die ich mir zuvor angeeignet hatte. Ich nahm wieder stark zu. Gleichzeitig war meine berufliche Zukunft unsicher.

Julia:
Wie wirkten sich deine Augenerkrankung und dein Gewicht auf deine Beziehung aus?

Florian:
Während der Beziehung nahm ich stark zu. Man könnte sagen, dass ich am Ende der Beziehung ein anderer Mensch war als am Anfang – auch für meine damalige Partnerin. Sie vermittelte mir, dass sie mich so annahm, wie ich war. Trotzdem hatte ich die Kontrolle über mein Gewicht verloren. Ich schämte mich stark dafür, und mein Selbstwert litt darunter, dass ich in dieselben Muster wie in meiner Jugend zurückfiel.

Julia:
Nach der Schule hast du studiert, aber irgendwann festgestellt, dass dieser Weg nicht der richtige für dich ist. Was geschah dann?

Florian:
Ich erkannte, dass ich den eingeschlagenen Weg nicht weitergehen wollte, hielt aber lange daran fest, obwohl ich selbst nicht mehr daran glaubte. Gleichzeitig wurden meine Augen schlechter und mein Gewicht stieg. All das führte dazu, dass ich mich von meinem bisherigen Leben verabschiedete.

Ich machte immer mehr mit mir selbst aus, wandte mich nicht mehr an Freunde und ließ keine Unterstützung von außen zu. Ich schämte mich, weil ich das Gefühl hatte, mich selbst nicht mehr im Griff zu haben und die Erwartungen anderer nicht erfüllen zu können: einen Job zu finden, eine Ausbildung oder ein Studium abzuschließen und mir eine Zukunft aufzubauen. Ich sah für mich keine Perspektive und keinen klaren Weg. Diese Unsicherheit führte dazu, dass ich keine Entscheidung traf und mich immer weiter zurückzog.

Julia:
In dieser Zeit endete auch deine Beziehung, oder?

Florian:
Ja. Wir waren fünf Jahre zusammen. Im letzten Jahr stritten wir häufig darüber, wie unsere Zukunft aussehen sollte. Meine Partnerin wünschte sich direkt eine Familie. Ich fühlte mich dafür noch nicht bereit und konnte diesen Weg nicht mit ihr gehen. Beruflich war ich vollkommen unentschlossen und wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Daran zerbrach die Beziehung, und eine weitere wichtige Stütze fiel weg.

Gleichzeitig konnte ich wortwörtlich keine Zukunft sehen. Ich hatte lange ignoriert, was mit meinen Augen geschah. Irgendwann ließ es sich weder ignorieren noch schönreden. Als ich es mir eingestand, war es bereits so schlimm, dass ich nicht mehr wusste, wie ich aus der Situation herauskommen sollte. Ich erinnerte mich daran, dass der Arzt die Erkrankung als unheilbar bezeichnet hatte, und hatte große Angst, irgendwann blind zu sein. Ich zog mich aus der realen Welt immer weiter in meinen Kopf zurück.

Julia:
Du hast damals noch zu Hause gelebt. Welche Unterstützung bekamst du von deinen Eltern?

Florian:
Unterstützung war da, vor allem finanziell. Wenn ich Probleme ansprach, wurde mir auch zugehört. Ich hatte allerdings gelernt, mich bei emotionalen Fragen nicht auf meine Eltern zu verlassen und mir diese Unterstützung woanders zu suchen. Fünf Jahre lang war meine Partnerin meine emotionale Stütze. Als sie wegfiel, suchte ich diesen Halt nicht wieder bei meinen Eltern. Er war einfach nicht mehr da.

Ich ging mit meinen Problemen nicht aktiv auf sie zu. Stattdessen empfand ich Scham und glaubte, Erwartungen erfüllen zu müssen: Ich muss funktionieren, mein Studium oder eine Ausbildung abschließen und mein Gewicht im Griff haben. Meine Eltern sprachen mein Gewicht an und rieten mir, weniger zu essen, Sport zu machen und mich mehr zu bewegen. Dazu war ich damals jedoch nicht fähig. Mich emotional zu öffnen, kam mir nicht einmal als Möglichkeit in den Sinn.

Julia:
Was geschah, nachdem auch die Beziehung als Stütze weggefallen war?

Florian:
Ich hatte keine Beziehung, keine Freunde und keine Perspektive mehr. Aus dem Loch, in das ich nach der Trennung gefallen war, konnte ich mich nicht befreien. Ich isolierte mich sehr schnell, war fast nur noch in meinem Zimmer, ging nicht mehr aus und traf keine Menschen. Ich rutschte immer tiefer in eine Depression, aus der ich nicht ohne Weiteres herauskam.

Julia:
Kam dir damals in den Sinn, dass du Hilfe brauchtest oder jemanden darum bitten könntest?

Florian:
In meinem näheren Umfeld sah ich keine Möglichkeit, um Hilfe zu bitten. Mir kam auch nicht in den Sinn, dass es in Ordnung wäre. Ich dachte: Ich bin da hineingeraten, es ist mein Problem, also muss ich mich selbst darum kümmern und allein wieder herauskommen. Aktiv nach Hilfe zu suchen, war für mich keine Option.

Julia:
Wusstest du, dass du dich auch außerhalb deines persönlichen Umfelds an Beratungsstellen oder Ärzte wenden könntest?

Florian:
Nein. Ich wusste nichts von Anlaufstellen, bei denen man anrufen, eine E-Mail schreiben oder einen Gesprächstermin vereinbaren kann. Die einzige Möglichkeit, die ich kannte, war vielleicht ein Vertrauenslehrer in der Schule.

Psychische Probleme wurden in meiner Familie nie ernst genommen. Es hieß eher, man müsse sich wieder zusammenreißen, das Leben sei eben manchmal schwer und man solle nicht so viel jammern. Dadurch war tief in mir verankert, dass ich meine Probleme allein lösen müsse.

Julia:
Wenn man an einem solchen Punkt nicht mehr weiterweiß, kann die Hausärztin oder der Hausarzt eine erste Anlaufstelle sein – bei körperlichen ebenso wie bei psychischen Problemen. Dort kann man die Situation ansprechen und sich über weitere Unterstützungsangebote informieren.

Findest du es rückblickend selbst merkwürdig, dass dir der Gedanke, Hilfe zu suchen, überhaupt nicht kam?

Florian:
Heute würde ich mir viel schneller Hilfe suchen. Ich verbinde das nicht mehr damit, schwach zu sein. Die Hürde, mich jemandem anzuvertrauen, mich zu öffnen und Unterstützung zuzulassen, wäre nicht mehr so groß.

Weil die nötige emotionale Verbindung in meiner Kindheit nicht in der Tiefe vorhanden war, habe ich gelernt, mir selbst zu helfen. Zum Problem wurde es, als ich das nicht mehr konnte.

Julia:
Was war der schlimmste Punkt in dieser Zeit?

Florian:
Der schlimmste Punkt war erreicht, als ich mich selbst aufgegeben hatte und dieses Loch zu meiner Normalität geworden war. Ich bemühte mich nicht mehr darum, herauszukommen. Ich merkte zwar, dass es immer schlimmer wurde, konnte es aber nicht aufhalten und sah keine Lösung.

Ich aß viel zu viel, hatte keine sozialen Kontakte und ging nicht mehr hinaus. Irgendwann hatte ich nicht einmal mehr den Drang, etwas zu verändern. In meinem Kopf war ich so tief gefallen und hatte mir in meinem Leben so viel verbaut, dass ich keinen klaren Weg mehr sah, mich selbst zu retten.

Julia:
Wann hattest du das Gefühl, dich selbst immer mehr aus den Augen zu verlieren?

Florian:
Als es in meinem Kopf nicht mehr darum ging, wie ich aus der Situation herauskomme, sondern nur noch darum, wie ich sie erträglich machen kann. Ich flüchtete mich in meinen Kopf und las sehr viele Fantasybücher. Schließlich lebte ich fast nur noch in diesen Welten. So konnte ich ausblenden, was um mich herum geschah: dass ich die Welt durch meine Augen kaum noch wahrnahm und körperlich fast nichts mehr schaffte. Selbst kleine Dinge wie der Gang zur Toilette waren mit einem Körper, der damals bereits mehr als 150 Kilogramm wog, anstrengend.

Julia:
Wo lag der körperliche Tiefpunkt?

Florian:
Der Tiefpunkt kam, als mein Onkel starb und ich für seine Beerdigung einen Anzug brauchte. Ich musste dafür nach Nürnberg in ein Geschäft für Übergrößen fahren. Als ich mich dort im Spiegel sah, hatte ich zum ersten Mal seit Monaten wieder einen klaren Moment. Ich erkannte, was gerade mit mir geschah: Ich steckte in einem Körper fest, der so stark über das normale Maß hinausgewachsen war, dass er mich wahrscheinlich nicht mehr lange durchs Leben tragen konnte.

Die einfachsten Dinge fielen mir schwer. Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich wegen der Belastung für meine Gelenke kaum Sport machen können. Rücken, Knie und Füße schmerzten. Nach kurzer Belastung brauchte ich eine Pause. Wenn ich vom Erdgeschoss in den ersten Stock ging, musste ich erst einmal wieder zu Atem kommen. Ich konnte mir kaum die Schuhe binden und hatte sogar bei der Körperpflege Schwierigkeiten.

Gleichzeitig sah ich so schlecht, dass ich bei allem, was ich tat, nie wirklich präsent war. Statt mich mit meinem Zustand auseinanderzusetzen, dachte ich über schönere und einfachere Dinge nach – etwa darüber, wie es in meinem nächsten Buch weitergehen könnte.

Julia:
Wie hoch war dein Gewicht zu diesem Zeitpunkt?

Florian:
Mein Höchstgewicht lag bei 170,1 Kilogramm. Gleichzeitig waren meine Augen so schlecht, dass ich fast nichts mehr sah. Wenn ich mein linkes Auge zugehalten hätte, hätte es kaum einen Unterschied gemacht. Ich erkannte damit nur noch verschwommene Formen.

Julia:
War der Kauf des Anzugs ein Wendepunkt in deiner Geschichte?

Florian:
Ja. Meine Scham und mein Entsetzen über mich selbst waren in diesem Moment so überwältigend, dass ich es schaffte, aus meinem Kopf in die Realität zurückzukehren und im Hier und Jetzt zu sein. Mein Onkel war gestorben, und ich empfand starke Trauer. Diese Gefühle zwangen mich zu der Frage, ob ich mich wirklich ständig in meinen Kopf flüchten und alles um mich herum ignorieren kann. Sie waren zu stark, um sie einfach beiseitezuschieben.

Julia:
Da wolltest du etwas verändern?

Florian:
Genau. Ich begann wieder darüber nachzudenken, wie ich aus dieser Situation herauskommen und mein Leben verändern könnte.

Julia:
Was hast du als Erstes verändert? Warum funktionierten gerade kleine Schritte?

Florian:
Mir war klar, dass ich wenig unternehmen konnte, solange mein Körper so schwer war. Gleichzeitig wusste ich, dass dieses Gewicht nicht von heute auf morgen verschwinden würde. Deshalb begann ich mit kleinen Veränderungen: Ich trank weniger zuckerhaltige Getränke und machte kurze Spaziergänge. Damit wollte ich mich wieder etwas bewegen und mein Zimmer verlassen. Ich versuchte, mich erneut mit der Welt zu verbinden und sie wiederzuentdecken. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits mehr als drei Jahre fast nur in meinem Zimmer verbracht.

Julia:
Wie ging es mit deinen Augen weiter?

Florian:
Ich verlor relativ schnell 20 bis 30 Kilogramm. Als ich die ersten Erfolge sah, traute ich mich auch an meine anderen Probleme heran. Mir wurde klar, dass ich zum Augenarzt gehen und mir anhören musste, was er zu sagen hatte – ganz gleich, wie die Nachricht ausfallen würde.

Julia:
Was sagte der Augenarzt?

Florian:
Bei Keratokonus bekommt man normalerweise formstabile Kontaktlinsen, die den Verlauf verlangsamen können. Bei meinem linken Auge war es inzwischen zu spät, die Fehlsichtigkeit mit einer Brille oder Kontaktlinsen auszugleichen. Hätte ich die Kontaktlinsen von Anfang an getragen, hätte ich die Erkrankung zwar nicht aufhalten, aber wahrscheinlich verlangsamen können.

Julia:
Trotzdem gab es noch einen möglichen Behandlungsweg. Welcher war das?

Florian:
Mein Augenarzt überwies mich an das Universitätsklinikum Erlangen, das auf solche Fälle spezialisiert ist. Dort erklärte man mir, dass ich ein Hornhauttransplantat benötigte. Nach der Transplantation würde ich noch nicht optimal sehen, aber wieder Kontaktlinsen tragen können. Damit sollte ein relativ normales Leben möglich werden.

Dieser Fahrplan gab mir eine Perspektive. Gleichzeitig wurde mir von Anfang an gesagt, dass es kein leichter Weg sein würde. Mein Körper könnte das Transplantat abstoßen, und der gesamte Prozess würde sich über ungefähr drei Jahre ziehen.

Julia:
Was bedeutet es, ein Hornhauttransplantat zu bekommen?

Florian:
Zunächst kommt man auf eine Warteliste. Man erhält die Hornhautspende eines verstorbenen Menschen. Danach stehen eine schwierige Operation und ein langer Heilungsprozess bevor, in dem sich zeigt, ob der Körper das Transplantat annimmt.

Julia:
Wie war es für dich, dich mit dem Gedanken an diese Spende auseinanderzusetzen?

Florian:
Am Anfang schob ich das weit von mir weg. Es fühlte sich sehr merkwürdig an, ein Stück eines verstorbenen Menschen eingepflanzt zu bekommen. Ich wusste nicht, wie ich mit einer solchen Spende umgehen sollte, und fragte mich: Womit habe ich das verdient? Kann und will ich das annehmen? Anfangs empfand ich sogar Ekel. Mit der Zeit wurde die Dankbarkeit jedoch überwältigend. Ich dachte viel darüber nach, wie ich der Welt etwas davon zurückgeben könnte.

Julia:
Wie viel Zeit verging von deinem erneuten Besuch beim Augenarzt bis zur Operation?

Florian:
Etwa eineinhalb Jahre.

Julia:
Hat diese Erfahrung deine Einstellung zum Organspendeausweis verändert?

Florian:
Vorher hatte ich mich mit dem Thema nicht beschäftigt. Ich hatte keinen Organspendeausweis – nicht, weil ich dafür oder dagegen war, sondern weil ich das Thema ausgeblendet hatte. Nachdem ich selbst von einer Spende profitiert hatte, wollte ich auch etwas zurückgeben. Deshalb habe ich heute einen Organspendeausweis.

Julia:
Ist es dir wichtig, dass sich mehr Menschen mit dem Thema auseinandersetzen?

Florian:
Ja. Ich erwarte nicht, dass jeder einer Spende nach dem eigenen Tod zustimmt. Ich wünsche mir aber, dass Menschen darüber nachdenken und sich bewusst mit dem Thema beschäftigen. Jeder kann im Laufe seines Lebens eine Spende benötigen. Viele Menschen warten darauf. Deshalb finde ich es wichtig, das Thema nicht einfach beiseitezuschieben.

Julia:
Die Transplantation hat dein Leben stark verbessert. Wie ging es danach für dich weiter?

Florian:
Der Fahrplan für meine Augen gab mir viel Hoffnung. Die überwältigende Angst, zu erblinden, war im Alltag nicht mehr ständig präsent. Als ich wieder hoffen konnte, mein Leben mit besserem Augenlicht weiterzuführen, setzte ich mich auch mit meiner beruflichen Zukunft auseinander.

Ich lebte noch bei meiner Mutter und war finanziell von ihr abhängig. Deshalb wollte ich ein eigenständiges Leben beginnen. In diesem Moment musste ich nicht meinen absoluten Traumberuf finden. Ich wollte einen Job, mit dem ich zurechtkam und an dem ich nicht kaputtging. Er musste nicht die hundertprozentige Erfüllung sein. Ich suchte in Zeitungen und im Internet und fand schließlich meine Ausbildung.

Julia:
Was sind die kleinen Dinge im Leben, die du heute anders wahrnimmst als früher?

Florian:
Ich habe gelernt, Momente zu genießen. Ich war so lange allein, dass ich mich heute über jeden Moment freue, in dem ich etwas erlebe und an der Welt teilhabe. Ich mache sehr gern Ausflüge, bin in der Natur und entdecke Neues. Das ist mir möglich, weil ich wieder gut sehen und wirklich genießen kann, was geschieht.

Als ich nach der Transplantation meine Kontaktlinsen bekam, setzte ich mich hin und beobachtete Gräser, die sich im Wind bewegten. Ich genoss jedes Detail: jede Biene, jedes vorbeifliegende Blatt und Bäume in 50 Metern Entfernung. Diese Freude darüber, die Welt wieder mit meinen Augen wahrnehmen zu können, habe ich mir bis heute bewahrt. Ich bin unglaublich dankbar für diese Chance.

Julia:
Wie war es, plötzlich wieder die Gesichter der Menschen erkennen zu können? Waren die vielen Eindrücke manchmal auch überwältigend?

Florian:
In den ersten Tagen mit den Kontaktlinsen wurde mir schwindelig, weil mein Gehirn plötzlich wieder so viele Eindrücke verarbeiten musste. Darauf war ich allerdings vorbereitet worden.

Als ich meinen Eltern ins Gesicht sah, fiel mir zuerst auf, wie alt sie geworden waren: Sie hatten graue Haare und Falten bekommen. Seitdem nehme ich die Mimik anderer Menschen sehr genau wahr – ob sie mich anlächeln, die Augen rollen oder die Mundwinkel hochziehen. Ich achte stark auf Details, weil ich sie wieder sehen kann. Ohne diese klare Sicht würde ich mich wahrscheinlich wieder stärker in meinen Kopf zurückziehen. Es verändert einen, wenn man die Welt nur verschwommen wahrnimmt und nicht erkennt, was um einen herum geschieht.

Julia:
Wie ist deine Sehkraft heute im Vergleich zu einem Menschen, der nie solche Probleme hatte?

Florian:
Hundertprozentig ist sie nicht. Ich liege heute ungefähr bei 70 Prozent, und besser wird es nicht mehr. Für mich ist das dennoch sehr gut. Wenn man einmal bei fünf Prozent war, fühlen sich 70 Prozent großartig an. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, wie es früher war. Deshalb fühlt es sich für mich sogar nach mehr als 100 Prozent an.

Julia:
Hast du Angst, dass deine Sehkraft wieder schlechter wird?

Florian:
Ja, diese Angst ist groß. Das Transplantat hält nicht ein Leben lang, sondern voraussichtlich etwa zehn bis 20 Jahre. Ich muss mich darauf einstellen, dass ich das, was ich dadurch zurückbekommen habe, wieder verlieren und mich um ein neues Transplantat bemühen könnte.

Julia:
Besteht die Möglichkeit, erneut ein Transplantat zu bekommen?

Florian:
Die Möglichkeit besteht. Ob es dann funktioniert, muss man sehen. Diese Unsicherheit trage ich mit mir. Vielleicht möchte ich mein Leben auch deshalb heute so intensiv genießen, weil ich nicht weiß, was in 20 Jahren sein wird.

Julia:
Was würdest du Menschen raten, die durch verschiedene Belastungen in einen Strudel geraten und drohen, sich zu isolieren – oder bereits isoliert sind?

Florian:
Ich wünsche mir, dass Menschen wissen, dass sie sich Hilfe suchen dürfen. Eine schwierige Zeit muss niemand allein bewältigen, und es ist keine Schande, Unterstützung anzunehmen. Ich würde ihnen raten, sich der Familie oder Freunden anzuvertrauen, auch wenn es schwerfällt. Wenn man im näheren Umfeld keine Hilfe findet, kann man sich an Beratungsstellen wenden.

Ich hätte mir gewünscht, schon in der Schule zu lernen, dass psychische Erkrankungen und Probleme zum Leben gehören können und dass man sich dafür Hilfe holen darf. Schülerinnen und Schüler sollten erfahren, wo sie Unterstützung bekommen. Ich wusste zwar von Vertrauenslehrkräften, aber nicht, dass ich mich auch an einen Hausarzt oder beispielsweise eine Beratungsstelle der Caritas wenden konnte. Dieses Wissen hätte mir geholfen.

Julia:
Ich hoffe, dass wir den Menschen mit diesem Interview ein Stück weit das geben können, was dir damals gefehlt hat: Aufklärung darüber, wo man Hilfe bekommen kann. Vielen Dank, dass du so offen über deine Geschichte gesprochen und uns daran teilhaben lassen hast.

Florian:
Danke fürs Zuhören. Es hat mich gefreut, dass ich meine Geschichte heute erzählen durfte. 

Hinweis zur Anonymität: Der Name der interviewten Person wurde auf eigenen Wunsch geändert. „Florian“ ist ein frei gewählter Name.

ANLAUFSTELLEN UND HILFE

 

Sozialpsychiatrisches Zentrum Amberg

Paulanergasse 18, 92224 Amberg

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medbo Amberg – Psychiatrische Institutsambulanz & Tagesklinik

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Unterstützt bei der Suche nach passenden Selbsthilfegruppen in Amberg & der Region.

 

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Caritas-Fachambulanz für Suchtprobleme Amberg

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