Bunte Innenwelten
Von Gewalt geprägt, aber nicht von ihr bestimmt
Was passiert, wenn ein Kind Gewalt erlebt und selbst aggressiv wird? Noah erzählt von einer prägenden Kindheit, seinem Weg in die Psychiatrie und davon, wie er dort gelernt hat, anders mit seinen Gefühlen umzugehen.

Julia:
Wir möchten dir zunächst den Raum geben, selbst zu erzählen. Wo hat deine Geschichte angefangen?
Noah:
Ich glaube, es ist wichtig, mit dem Moment anzufangen, der mein Leben wahrscheinlich am stärksten verändert hat. Als ich ungefähr vier Jahre alt war, war ich im Wohnzimmer. Mein Vater hatte sich mit meiner Mutter in der Küche eingeschlossen. Irgendwann hörte ich, wie Gläser und Geschirr durch die Gegend flogen und aus dem Zimmer Gebrüll kam.
Ich klopfte gegen die Tür und bettelte darum, dass mein Vater aufhört, gewalttätig gegen meine Mutter vorzugehen. Natürlich habe ich es als Kind nicht mit diesen Worten gesagt. Irgendwann kam meine Mutter mit einem blutigen Gesicht aus der Küche und wurde mit einem Krankenwagen abgeholt. Das war sehr traumatisierend für mich und wahrscheinlich einer der wichtigsten Momente meines Lebens. Wäre das nicht passiert, wäre ich vermutlich nicht an dem Punkt, an dem ich heute bin.
Julia:
Wie hast du dich damals gefühlt?
Noah:
Ich fühlte mich hilflos und überfordert – so, wie sich ein vierjähriges Kind in diesem Moment vermutlich fühlt. Welche Emotionen noch dabei waren, kann ich heute nicht mehr genau sagen.
Chris:
Hat sich dein Leben nach diesem Vorfall schlagartig verändert, oder rückte das Thema zunächst wieder in den Hintergrund?
Noah:
Mein Leben veränderte sich danach sehr schnell. Meine Mutter zog mit uns Kindern aus. Die Erziehung war zunächst geteilt, ich war an einem anderen Ort und hatte eine neue Umgebung. Wahrscheinlich blieb mir die Situation auch deshalb so stark im Gedächtnis: Danach war plötzlich alles anders.
Ob ich die Folgen heute noch direkt merke, weiß ich nicht. Als Kind merkte ich sie aber sehr deutlich. Sie zeigten sich vor allem in starken Aggressionen.
Chris:
Wie äußerten sich diese Aggressionen, und gegen wen richteten sie sich?
Noah:
Sie richteten sich vor allem gegen Mitschüler und teilweise auch gegen Lehrer. Besonders in Situationen, in denen ich Angst hatte oder mich nicht respektiert und wahrgenommen fühlte, schlug ich andere Schüler, warf Dinge nach ihnen oder trat sie. In Anführungszeichen wollte ich mich damit selbst verteidigen.
Ich glaube, das hing größtenteils damit zusammen, dass sich die wiederholte Gewalt meines Vaters gegen meine Mutter in meiner Kindheit so manifestiert hatte, dass ich Gewalt für die einzige Möglichkeit hielt, mit Problemen umzugehen.
Julia:
Hast du selbst ebenfalls Gewalt durch deine Eltern erlebt?
Noah:
Ich kann mich an einige Situationen erinnern und habe auf jeden Fall Gewalt von meinem Vater erlebt. Gelegentlich, glaube ich, auch von meiner Mutter; an eine konkrete Situation mit ihr kann ich mich gerade aber nicht erinnern.
Beim ersten Vorfall gegen meine Mutter war das Jugendamt meines Wissens nicht stark eingebunden. Ich glaube, es war damals nicht bekannt, dass wir Kinder ebenfalls betroffen waren. Das Jugendamt kam erst wesentlich später ins Spiel, nachdem ich selbst erzählt hatte, dass auch von meiner Mutter Gewalt ausging. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits in der Psychiatrie gewesen.
Julia:
Wann hast du angefangen, deine eigenen Aggressionen und deine Impulsivität als etwas zu sehen, mit dem du dich auseinandersetzen möchtest?
Noah:
Das kam erst relativ spät, vielleicht in der sechsten oder siebten Klasse. Davor kam der Wunsch zur Veränderung größtenteils von außen. In der Psychiatrie wurde versucht, gemeinsam mit mir an meinem Verhalten zu arbeiten.
Julia:
Wie kam es dazu, dass du in die Psychiatrie beziehungsweise Tagesklinik gekommen bist?
Noah:
In der vierten Klasse gab mir ein Mitschüler einen Zettel. Darauf stand: „Du bist ein …“, gefolgt von einem Wort, das ich nicht lesen konnte. Das verletzte mein Ego, und ich wollte unbedingt wissen, was dort stand. Nach Schulschluss verfolgte ich den Schüler, zog an seiner Schultasche und schrie ihn an. Er sollte mir sagen, was auf dem Zettel stand, weigerte sich aber.
Der Hausmeister sah mich. Er kannte mich bereits, weil ich an der Schule den Ruf als „gefährliches Kind“ hatte, und wollte mich zum Direktor bringen. Das wollte ich nicht und trat ihm zwischen die Beine. Daraufhin wurde ich von der Schule verwiesen.
Am nächsten Morgen wachte ich auf und wunderte mich, dass meine Mutter mich nicht geweckt hatte. Ich rannte auf dem schnellsten Weg zur Schule und bekam dort zu hören, dass ich nicht erwünscht sei. Dann musste ich wieder nach Hause gehen.
In den nächsten Tagen brachte mich meine Mutter in die Psychiatrie. Dort wurde mir der Ort gezeigt, den ich im folgenden Jahr besuchen sollte. Danach holte mich morgens ein Taxi ab, brachte mich in die Tagesklinik und später wieder nach Hause.
Julia:
Du warst also nicht durchgehend stationär dort. Was ist der Unterschied?
Noah:
In einer Tagesklinik kommt man jeden Tag wieder nach Hause. Ich wurde morgens abgeholt, machte in der Psychiatrie Therapie und wurde anschließend wieder nach Hause gebracht.
Chris:
Wie alt warst du damals, und wie hast du deinen ersten Aufenthalt erlebt? Konntest du dich schnell darauf einlassen?
Noah:
Ich war ungefähr elf oder zwölf. Anfangs war ich sehr nervös und fand alles verwirrend. Ich konnte mich aber ziemlich schnell einfinden und – anders als in den Jahren danach – auch schnell Freunde finden. Zumindest hatte ich damals dieses Gefühl.
Ich wusste nicht genau, welches Ziel der Aufenthalt hatte. Mir war aber klar, dass er etwas mit den Dingen zu tun hatte, die ich zu Hause und in der Schule getan hatte.
Chris:
Was hat die Therapie bei deinem Umgang mit Wut, Impulsivität und den damals vorhandenen Verhaltensmustern verändert?
Noah:
Sie hat sehr viel verändert. Ein- oder zweimal in der Woche konnte ich mit einem Therapeuten über das sprechen, was in meiner Kindheit passiert war, die Erlebnisse wieder hervorholen und verarbeiten. In den vier Schuljahren nach dem Vorfall hatte ich nicht wirklich darüber reden können. Wenn ich es versuchte, fing ich jedes Mal an zu weinen. Das blieb auch noch einige Jahre so. Die Therapie legte aber den Grundstein dafür, dass ich heute darüber sprechen und das Erlebte verarbeiten konnte.
Ich lernte außerdem verschiedene Wege kennen, mit Aggressionen umzugehen. Am Anfang gab es einen Raum, in den ich gehen konnte, wenn ich sehr wütend war. Dort lag ein Telefonbuch, das ich zerreißen durfte. Bei den ersten Malen zerriss ich es völlig chaotisch – so, wie ich mich gerade fühlte. Irgendwann ging ich hinein, riss das Papier in Streifen, faltete es und versuchte, daraus wieder etwas zu machen.
Dieser Raum gab mir einen Ort, an dem ich meine Aggressionen herauslassen konnte, ohne einen Menschen zu verletzen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht anders mit meinen Emotionen umgehen.
Julia:
Wie sah dieser Raum aus? Wurdest du dort eingesperrt oder überwacht?
Noah:
Die Wände waren grün und mit Birken und anderen Bäumen bemalt. Es gab Polster in verschiedenen Formen, aus denen man etwas bauen oder in die man sich hineinwerfen konnte. Weiter oben war ein vergittertes Fenster mit einem breiten Fensterbrett, auf das man sich setzen konnte.
Ich wurde dort nicht eingesperrt und hätte jederzeit hinausgehen können. Ich durfte allein ohne direkte Aufsicht im Raum sein. Wenn mehrere Kinder darin waren, musste ein Betreuer dabei oder zumindest die Tür geöffnet sein. Sobald ich herauskam, war ein Betreuer da und konnte noch einmal mit mir sprechen.
Chris:
Du konntest dieses Angebot also gut annehmen. War es auch dein eigener Wunsch, andere Verhaltensweisen zu lernen?
Noah:
Ich glaube, ich hatte nie Freude daran, anderen Menschen weh zu tun. Es war einfach das Einzige, was ich kannte und wegen meines Vaters für normal hielt. An die Zeit in der Psychiatrie habe ich fast nur gute Erinnerungen – selbst an manche Dinge, die eigentlich nicht schön waren.
Julia:
Gab es dort eine Situation, in der du gelernt hast, was Gefühle sind und was deine Aggression bei anderen Menschen auslöst?
Noah:
Ich nenne sie die Lego-Geschichte. Anfangs lernte ich, meine Aggressionen gegen Gegenstände zu richten, damit ich keine Menschen verletzte. Ich warf zum Beispiel Stühle um, zerriss das Telefonbuch oder zerstörte Dinge in unserer Lego-Kiste.
Einmal zerstörte ich etwas, das ein Mädchen gebaut hatte. Sie begann zu weinen und war sehr traurig. Das machte auch mich traurig. Ich glaube, das war der erste Moment, zumindest soweit ich mich erinnere, in dem ich wirklich Empathie und Mitgefühl für jemanden empfand, der wegen meiner Handlung verletzt war. Davor war mir oft egal gewesen, was ich anderen antat. Nach dieser Situation veränderte sich mein Verhalten stark.
Chris:
Wann hattest du deine Aggressionen so weit im Griff, dass andere nicht mehr darunter leiden mussten?
Noah:
Ungefähr in der siebten Klasse. Nach der Tagesklinik war ich zwei Jahre in einer Stütz- und Förderklasse. Dort hatte ich normalen Unterricht und bekam zusätzliche Unterstützung im Umgang mit meinen Emotionen. In der siebten Klasse wurde ich aus dieser Förderung entlassen. Danach war ich an den Regelschulen nicht mehr wirklich verhaltensauffällig.
Julia:
Hattest du während des Jahres in der Tagesklinik auch Unterricht, und wie wirkte sich das auf deine Schullaufbahn aus?
Noah:
Ich hatte an zwei Tagen in der Woche insgesamt ungefähr fünf Stunden Unterricht, zum Beispiel Mathematik, Geschichte oder Politik. Der Schwerpunkt lag aber stärker auf pädagogischen Angeboten.
Ich musste kein Schuljahr wiederholen. Als ich später auf eine andere Schule wechseln sollte, wollte mich zunächst nicht einmal die Hauptschule aufnehmen, weil ich weiterhin als „Problemkind“ galt. Die Schule kannte meine Akte, obwohl der Vorfall aus der Grundschule bereits drei Jahre zurücklag.
Deshalb gab es in der siebten Klasse eine Übergangsphase. Zunächst war ich überwiegend in der Stütz- und Förderklasse und einen Tag pro Woche an der neuen Schule. Später wurden daraus zwei und dann drei Tage. Mitten im Schuljahr wechselte ich schließlich vollständig dorthin. Mir wurde der Ablauf gut erklärt, und ich wusste, was passieren würde. Außerdem kannte ich bereits einige Menschen aus meiner Grundschulzeit.
Chris:
Was machst du heute, wenn du merkst, dass du die Kontrolle über deine Gefühle verlieren könntest?
Noah:
Das passiert nicht mehr oft. Bei vielen Emotionen lasse ich sie einfach heraus. Wenn ich weinen muss, dann weine ich. Mir ist egal, was andere darüber denken. Weinen ist wichtig, und ich versuche, es zuzulassen, wenn ich kann.
Mit meiner Wut kann ich heute umgehen. Ich unterdrücke sie nicht, sondern versuche, sie so auszuleben, dass niemand verletzt wird.
Julia:
Wir erleben dich in der Gruppe als sehr sensibel. Alles, was einen anderen Menschen verletzen könnte, geht dir sehr nah. Glaubst du, dass das mit deiner Kindheit zusammenhängt?
Noah:
Mir wurde schon als Kind gesagt, man solle anderen nicht antun, was man selbst nicht erleben möchte. Anfangs war mir das egal. Nachdem ich gelernt hatte, mit meinen Emotionen umzugehen, verstand ich es aber: Ich möchte nicht geschlagen werden, also schlage ich auch keine anderen Menschen.
Chris:
Wir waren mit der Gruppe bei einem Selbstverteidigungskurs. Du wusstest vorher nicht, wie es für dich sein würde, dort aggressiven Verhaltensweisen zu begegnen. Wie hast du das erlebt?
Noah:
Einige Monate davor hatte ich bereits an einem anderen Selbstverteidigungskurs teilgenommen. Dort begann ich sehr schnell zu weinen und verlor bei einer der wenigen Gelegenheiten wirklich die Kontrolle über meine Gefühle. Ich hatte keine Ahnung, was mit mir passierte, und war extrem überfordert. Ich glaube, das Trauma aus meiner Kindheit holte mich in diesem Moment wieder ein.
Beim Kurs mit unserer Gruppe war es anders. Die meiste Zeit hatte ich Spaß. Es gab einige Situationen, in denen ich wieder etwas überfordert war, aber das wurde schnell geklärt, und ich konnte damit umgehen.
Julia:
Zwischen den beiden Kursen lagen nur fünf oder sechs Monate. Warum waren die Erfahrungen so unterschiedlich?
Noah:
Ich glaube, es lag auch an der Umgebung. Der zweite Kurs war mit der Gruppe, die dafür sensibilisiert ist. Der erste war sehr roh und konzentrierte sich ausschließlich auf Selbstverteidigung, ohne auf die Emotionen der Teilnehmenden einzugehen. Wahrscheinlich war ich deshalb dort so überfordert.
Julia:
Was konntest du aus dem zweiten Kurs für dein Privatleben und deinen Umgang mit Gewalt mitnehmen?
Noah:
Ich habe gelernt, dass ich eine mächtige Stimme habe. Wenn ich in eine gefährliche Situation gerate, würde ich wahrscheinlich zunächst laut schreien, bevor ich körperlich konfrontativ werde.
Julia:
Gibt es noch etwas, das dir zu deiner Zeit in der Psychiatrie wichtig ist zu sagen?
Noah:
Ich weiß, dass es für viele Menschen nicht schön ist, in einer Klinik oder einer anderen psychiatrischen Einrichtung zu sein. Für mich war es wahrscheinlich eine der besten Zeiten meines Lebens, weil ich dort so viel über mich selbst gelernt und mich stark entwickelt habe.
Ohne die Psychiatrie hätte ich möglicherweise später etwas Gewalttätiges getan und wäre erst dann dort gelandet. Vielleicht wäre das auch früher passiert. Das andere denkbare Szenario ist, dass ich nie in die Psychiatrie gekommen wäre, weiterhin ein gewalttätiger Mensch wäre und mein Leben in eine völlig andere Richtung gegangen wäre. Wahrscheinlich wäre ich mit diesem Menschen sehr unzufrieden.
Julia:
Du hast auch eine ADHS-Diagnose. Wann wurde sie gestellt, und spielte sie während der Tagesklinik bereits eine Rolle?
Noah:
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich diagnostiziert wurde. Seit der zweiten oder dritten Klasse bekam ich aber Medikamente gegen ADHS und nahm sie bis zur siebten Klasse. Damals bat ich meinen Psychologen oder Psychiater, die Medikamente wegzulassen, weil ich in meinem Kopf das Gefühl hatte, sie nicht mehr zu brauchen. Als ich in der vierten Klasse in die Tagesklinik kam, bestand die Diagnose bereits.
Julia:
Wann hast du erkannt, dass das, was bei dir zu Hause passiert war, nicht einfach normale Erziehung oder gewöhnlicher Streit war?
Noah:
Diese Erkenntnis kam erst vor Kurzem. Danach veränderte sich die Beziehung zu meiner Mutter in meinem Kopf radikal, ohne dass sie es vermutlich wirklich bemerkte.
Es gab eine Phase, bei dem ich sie um Unterstützung und positives Feedback für Dinge bat, die ich im Haushalt erledigte. Häufig bekam ich dafür nur negatives Feedback. Sie antwortete immer wieder nur, dass es ihr schlechter gehe als mir, wodurch ich schließlich ganz aufhörte, weil ich keinen Sinn mehr darin sah. Ich merkte: Da ist keine Rücksicht auf mich, und ich werde nicht wirklich beachtet. Das veränderte unsere Beziehung für mich vollständig.
Julia:
Deine Mutter versucht heute teilweise noch, mit alten Mustern Einfluss auf dich zu nehmen. Wie grenzt du dich davon ab?
Noah:
Ich grenze mich einfach ab. Wenn sie mich wie ein Kind behandelt oder diese Verhaltensmuster zeigt, tue ich so, als hätte sie nichts gesagt. In Diskussionen sagt sie manchmal: „Keine Diskussion. Ich habe das letzte Wort. Du redest jetzt nicht mehr.“ Ich rede trotzdem weiter, weil ich mir meine Stimme nicht verbieten lassen möchte. Auch wenn sie das Gespräch für beendet erklärt, kann ich ihr nachgehen und sagen, was ich zu sagen habe.
Ich glaube nicht, dass sie darüber wütend wird. Es wirkt eher ungewohnt für sie. Ich habe Geschwister und nehme an, dass solche Aussagen bei ihnen funktioniert haben. Bei mir funktionieren sie nicht, weil ich ihr diese Macht genommen habe.
Julia:
Was hat dir in deiner Erziehung am meisten gefehlt?
Noah:
Zuhören. Ich bekam zwar viel Fürsorge und viele Umarmungen. Wenn ich aber erzählte, dass etwas passiert war, das mir den Kopf füllte oder dass es mir nicht gut ging, sprach meine Mutter häufig darüber, wie schlecht es ihr selbst ging. Wenn ich von einem Streit in der Schule erzählte, erklärte sie mir zum Beispiel, warum ihr eigener Tag schlimmer gewesen war.
Ich hätte mir mehr Verständnis und emotionale Intelligenz gewünscht – und vielleicht auch stärker den Wunsch, dass es besser wird, anstatt nur frustriert darüber zu sein, dass es nicht besser ist.
Julia:
Wenn du heute über deine Kindheit nachdenkst: Wünschst du dir, sie wäre anders gewesen, oder konntest du auch etwas daraus mitnehmen?
Noah:
Viele Dinge aus meiner Kindheit sind dafür verantwortlich, dass ich mich immer weiter verbessern möchte. Manche Menschen haben eine bestimmte Ausgangsbasis, hinterfragen sie nicht und gehen durchs Leben, ohne zu überlegen, ob sie sich verändern könnten.
Weil ich mich selbst so stark verändert habe, frage ich mich immer wieder: Was an mir ist noch verbesserungswürdig? In welchen Bereichen kann ich noch dazulernen und besser mit verschiedenen Situationen umgehen? Ich hätte mir schon mehr Liebe gewünscht. Hätte ich sie bekommen, wäre ich heute aber vielleicht mental nicht an demselben Ort, weil ich diesen Weg nicht gegangen wäre.
Julia:
Bist du heute mit dir selbst zufrieden?
Noah:
Ja. Mein größter Wunsch ist momentan, ausziehen zu können und mich weiterzuentwickeln. Ich habe das Gefühl, dass meine Entwicklung zu Hause stark eingeschränkt wird.
Julia:
Von außen wird Menschen in schwierigen Situationen oft gesagt: „Warum gehst du nicht einfach?“ Warum ist das nicht so leicht?
Noah:
Ich bin mitten in diesem Prozess. Ich arbeite in einem Minijob und spare jeden Monat Geld, damit ich irgendwann eine Kaution bezahlen kann. Ich bin im Gespräch mit dem Jugendamt, bei einer Beratungsstelle für Männer, die häusliche Gewalt erlebt haben, und habe mich wegen BAföG gemeldet. Auf viele dieser Dinge muss ich nun warten. Ich kann nicht von einem Tag auf den anderen umziehen. Das ist nicht so einfach.
Julia:
Du hast gesagt, dass du damals deinerMutter durch deine Abgrenzung die Macht genommen hast. Welche Rolle spielte dabei das Jugendamt?
Noah:
Ich erzählte damals einer Lehrerin, was zu Hause passierte. Sie fragte mich, ob sie es an das Jugendamt weitergeben dürfe, weil man mir dort helfen könne. Ich stimmte zu. Danach begann ein großer Prozess, zu dem sogar ein Gerichtstermin gehörte.
Von diesem Zeitpunkt an wurde es von der Seite meiner Mutter sehr ruhig. Ich bekam ein Stück Kontrolle zurück, weil ich wusste: Wenn sie mir etwas antut, kann ich darüber sprechen und es melden.
Julia:
Habt ihr anschließend weitere Unterstützung bekommen?
Noah:
Einmal pro Woche besuchte uns eine Familienhilfe und unterstützte uns dabei, mit verschiedenen Problemen umzugehen. Diese Hilfe begleitete uns ein oder zwei Jahre.
Julia:
Woran merkst du heute besonders, dass dich deine frühe Kindheit geprägt hat?
Noah:
Daher kommen zum Teil meine Angst vor Alkohol und Drogen und mein Wunsch, nicht wie mein Vater zu sein. Ohne die damaligen Erlebnisse wäre ich vielleicht stärker wie er geworden. Eine Zeit lang war ich es auch – bis ich in die Psychiatrie kam. Seitdem wünsche ich mir, nicht so zu werden wie er.
Es ist nicht so, dass ich jeden Tropfen Alkohol grundsätzlich ablehne. Aber für mich muss Alkohol nicht sein.
Chris:
Du hast dich stark verändert und trotzdem noch Angst, wie dein Vater zu werden. Warum?
Noah:
Ich behalte im Kopf, dass jeder Mensch in der Lage ist, Böses zu tun. Allein dieses Bewusstsein kann einen Menschen davor schützen, böse zu werden, weil man vorsichtiger mit dem eigenen Verhalten ist.
Chris:
Wenn man ehrlich mit sich ist, erkennt man manchmal trotzdem Muster, die man von den eigenen Eltern übernommen hat. Kennst du das auch? Wie gehst du damit um?
Noah:
Ein Echo meiner Kindheit zeigt sich, wenn ich sehr ungeduldig bin. In einer Situation, in der ich zum Beispiel nur wenige Sekunden darauf warten muss, dass jemand einen Knopf drückt, könnte ich die Person anschreien: „Drück doch den Knopf!“ In anderen Situationen kann ich sehr geduldig sein. Danach fühle ich mich immer sehr schlecht.
Vielleicht hängt die Ungeduld mit meinem ADHS und das Schreien mit den Erfahrungen zu Hause zusammen. Ich streite zu Hause noch häufig laut mit meiner Mutter. Manchmal zeigt sich das dann auch in meinem Freundeskreis. Zum Glück passiert es nur selten.
Julia:
Was würdest du Menschen raten, die selbst in einer ähnlichen Situation leben oder gelebt haben?
Noah:
Fangt so früh wie möglich an, unabhängig zu werden. Ich glaube, dass es helfen kann, wenn man es schafft, ohne die Menschen zurechtzukommen, die einem wehtun.
Julia:
Wenn du deinem jüngeren Ich heute begegnen könntest: Was hättest du damals gern gehört oder gebraucht?
Noah:
„Du bist nicht das Arschloch. Du brauchst einfach Hilfe.“ Als Kind hatte ich nicht die Möglichkeit zu verstehen, wie ich ein guter Mensch sein kann.
Julia:
Wenn ich deinem jüngeren Ich etwas sagen könnte, würde ich ihm sagen: Du hättest das damals nicht allein aushalten müssen. Ich finde nicht, dass du ein Arschloch warst. Ich hätte mich gern neben dich gesetzt, dir zugehört und versucht, dich zu verstehen. Ich hätte dich dabei unterstützt, das nicht allein durchstehen zu müssen. Ich finde unglaublich stark, was du daraus gemacht hast und wo du heute stehst. Danke, dass du uns das alles erzählt hast.
Noah:
Danke.
Chris:
Ich finde ebenfalls bewundernswert, wie viel Entwicklung in jungen Jahren möglich ist und wie reflektiert du heute darüber sprechen kannst. Danke, dass du all das mit uns geteilt hast. Möchtest du noch etwas hinzufügen?
Noah:
Ich glaube, die wichtigsten Dinge wurden gesagt. Ich bedanke mich, dass ich hier sein durfte.
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Hinweis zur Anonymität: Der Name der interviewten Person wurde auf eigenen Wunsch geändert. „Noah“ ist ein frei gewählter Name.
