Bunte Innenwelten
Gefühle haben keine gebrauchsanweisung

Julia erzählt von einer Kindheit, in der sie früh lernen musste zu funktionieren, von ihrem Weg aus dem Elternhaus und davon, wie sie heute mit ihrer Diagnose "emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typ" und den damit verbundenen starken Gefühlen, Bindung und Impulsivität umgeht.

 

Vivi:

Ich bin Vivi, selbst Mitglied bei Jung, Aktiv und Gemeinsam, und interviewe heute Julia. Damit drehen wir den Spieß einmal um: Du hast bereits viele Menschen zu unterschiedlichen psychischen Erkrankungen interviewt. Wie fühlt es sich an, heute selbst diejenige zu sein, die ihre Geschichte erzählt?

 

Julia:

Wir haben lange überlegt, wie wir das machen. Es wäre unauthentisch, wenn ich mir selbst Fragen aufschreiben und sie dann beantworten würde. Ich habe überlegt, wer das gut machen könnte, und dachte, dass ich mich mit dir wohlfühlen würde und wir ganz locker über meine Themen sprechen könnten. Ich bin aufgeregt und gespannt, wie es laufen wird. Da es mir oft schwerfällt, Kontrolle abzugeben, lasse ich mich jetzt einfach darauf ein und schaue, was daraus wird.

 

Vivi:

Vielen Dank für dein Vertrauen. Du hast gerade JAG, also Jung, Aktiv und Gemeinsam in Amberg, angesprochen. Welche Bedeutung hat die Gruppe für dich, und wie bist du dazu gekommen, eine Selbsthilfegruppe mitzugründen?

 

Julia:

JAG bedeutet mir sehr viel, weil ich Menschen dort etwas geben kann, das mir in meiner Kindheit oft gefehlt hat. Durch JAG habe ich gelernt, Menschen besser zu verstehen, mehr Verständnis zu entwickeln und Rücksicht zu nehmen. Ich habe in meinem Leben viel Therapieerfahrung gesammelt und möchte davon etwas weitergeben. Ich sage immer: Ich habe wahrscheinlich mehr Erfahrungen gemacht, als ein Mensch jemals machen sollte. Ich sehe das aber nicht nur negativ. Ich bin durch diese Dinge gegangen und war damit oft allein. Heute kann ich mich fragen, was ich damals gebraucht hätte, und genau das weitergeben. Mir ist wichtig, andere möglichst davor zu bewahren, dasselbe zu erleben und dabei so allein zu sein wie ich damals.

 

Vivi:

Heute geht es um die emotional instabile Persönlichkeitsstörung, genauer gesagt um den impulsiven Typ. Viele kennen den Begriff Borderline, wissen aber nicht, dass zwischen einem impulsiven und einem Borderline-Typ unterschieden wird. Wir möchten genauer hinschauen. Wie fühlt es sich an, mit starken Gefühlen und Impulsen zu leben? Was bedeutet die Diagnose im Alltag, und was steckt hinter dem, was andere vielleicht nur als impulsiv wahrnehmen? 

Wenn du deine Geschichte erzählen möchtest, wo würdest du beginnen?

 

Julia:

Ich würde sagen, meine Geschichte beginnt, als mein Bruder auf die Welt kam. Ich war damals vier Jahre alt. Davor kann ich mich an nichts erinnern, was sich für mich schwierig angefühlt hätte. Danach wurde die Beziehung zu meiner Mutter schwieriger.

Mit psychischen Erkrankungen habe ich mich zum ersten Mal im Alter von 15 Jahren befasst. Damals wurde ich in der Schule gemobbt und verletzte mich selbst. Vor meinen Eltern, vor allem vor meiner Mutter, versuchte ich das geheim zu halten. Mein Vater war zu Hause nicht sehr präsent, und ich hatte das Gefühl, für meine Familie immer funktionieren zu müssen. Ein Schulfreund bekam mit, wie schlecht es mir ging. Als ich mich einmal stärker verletzte und ihm die Wunde zeigte, sprach er mit seiner Mutter. Sie sorgte dafür, dass das Jugendamt in die Schule kam. In dem Gespräch entschied ich, nicht mehr nach Hause zurückzukehren, und kam in ein Kinderheim. Von diesem Zeitpunkt an hat sich mein Leben um 180 Grad gedreht – nicht, weil ich mir selbst Hilfe geholt hatte, sondern weil mir geholfen wurde.

 

Vivi:

Du sagst, dass du zu Hause funktionieren musstest. Was haben deine Eltern von dir erwartet?

 

Julia:

Meine Mutter führte eine sehr toxische Beziehung mit meinem Vater. Ich weiß heute, dass ich für meine Mutter ein Wunschkind war. Mein Vater sah meine Geburt jedoch eher als Gelegenheit, von Sachsen-Anhalt nach Bayern zu kommen, weil er dort dann Frau und Kind hatte. Ich hatte nie ein gutes Verhältnis zu ihm und habe von ihm keine wirkliche Liebe gespürt.

Auch meine Mutter musste in dieser Beziehung funktionieren. Wenn mein Vater nach vielen Stunden Arbeit nach Hause kam, erwartete er seine Ruhe. Meine Mutter sollte deshalb dafür sorgen, dass wir Kinder versorgt und ruhig waren. Aber Kinder funktionieren nicht immer so. Wenn etwas nicht perfekt war, vermittelte auch meine Mutter mir, dass ich ruhig sein und funktionieren müsse.

 

Vivi:

Hast du dafür ein Beispiel?

 

Julia:

Eine Streitsituation ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Sie begann mit einer Kleinigkeit: Meine Mutter bewahrte Brotdosen in einer Schublade auf, die nicht perfekt sortiert war. Mein Vater räumte die Spülmaschine aus und wollte eine Dose herausnehmen. Dabei fiel eine andere Dose hinter die Schublade, sodass sie sich nicht mehr schließen ließ. Das löste bei ihm Aggressionen aus. Er schrie herum, riss weitere Schränke auf, holte Medikamente heraus und beschwerte sich, dass alles unordentlich sei. Dann packte er die Sachen in gelbe Säcke und stellte sie vor die Tür.

Meine Mutter ging irgendwann dazwischen, weil sie uns schützen wollte. Der Streit eskalierte. Mein Vater schlug eine Glastür zu, die vollständig zerbrach. Mein Bruder und ich flüchteten nach oben. Er hatte große Angst, und ich versuchte, ihn zu beruhigen. Meine Mutter nahm das Telefon und schloss sich im Gästezimmer im Keller ein, um meinen Opa anzurufen. Mein Vater trat die Tür ein und warf das Telefon gegen die Wand, damit sie niemandem davon erzählen konnte. Schließlich warf er meine Mutter und uns Kinder mitten in der Nacht aus dem Haus. Wir gingen zu meinen Großeltern. All das geschah, weil eine Schublade nicht richtig sortiert war. Wenn zu Hause etwas nicht funktionierte, konnte es solche Ausmaße annehmen.

 

Vivi:

Das klingt nach einer gewaltvollen Beziehung deiner Eltern. Welche Rolle hattest du in dieser Familiendynamik? Welche Aufgaben hast du übernommen, und wie hat sich das für dich angefühlt?

 

Julia:

Ich musste sehr früh viel Verantwortung übernehmen. Ich bin die Älteste. Wenn es meinen Geschwistern nicht gut ging, hatte ich ein starkes Bedürfnis, sie zu schützen.

Meine Eltern trennten sich irgendwann, und mein Vater ging zurück nach Sachsen-Anhalt. Trotzdem tauchte er manchmal unangekündigt auf. Einmal wartete er, bis meine Mutter mit meiner Schwester und ihrem neuen Freund das Haus verlassen hatte. Er wusste, dass nur mein Bruder und ich zu Hause waren, klingelte und sagte, er wolle Videokassetten abholen. Ich war damals etwa zwölf oder dreizehn und dachte mir, dass niemand mehr als 300 Kilometer fährt, nur um Videokassetten zu holen. Ich schloss leise die Tür ab und versuchte, meine Mutter und meinen Opa anzurufen. Als ich niemanden erreichte, rief ich die Polizei. Mein Bruder hatte große Angst, und ich wusste nicht, wie ich ihm sonst zeigen sollte, dass er sicher ist. Mein Vater wurde von der Polizei abgeführt und erhielt ein Kontaktverbot.

Ich habe immer versucht, meine Geschwister zu schützen, und sehe das bis heute als meine Aufgabe. Deshalb bin ich sehr früh erwachsen geworden und hatte wenig von meiner Kindheit.

 

Vivi:

Du hast bereits angesprochen, dass du als Jugendliche begonnen hast, dich selbst zu verletzen. Erinnerst du dich daran, wann und warum das begann und was dir dieses Verhalten gegeben hat?

 

Julia:

Ich kann nicht rekonstruieren, wann ich das zum ersten Mal gemacht habe, warum ich es gemacht habe oder was ich dabei gespürt habe. Ich weiß, dass ich es getan habe, aber nicht, weshalb. Wahrscheinlich ist das eine Schutzreaktion meines Körpers: Ich kapsle mich von Dingen ab, die sehr traumatisch waren. Vermutlich müsste ich eine Traumatherapie machen, um dem auf den Grund zu gehen. Trotz vieler Jahre Therapie bin ich noch nicht an dem Punkt, an dem ich so tief hinschauen kann, ohne meine Stabilität zu gefährden. Ich habe bereits Verhaltenstherapie gemacht, bin jetzt in tiefenpsychologischer Therapie und habe viele Gruppentherapien und Klinikaufenthalte erlebt. Daraus habe ich viel mitgenommen, aber für diesen Schritt bin ich noch nicht stabil genug.

 

Vivi:

Wie hast du den Schultag erlebt, an dem du erfahren hast, dass du nicht mehr nach Hause gehst, sondern in eine neue Stadt und ein Kinderheim mit unbekannten Menschen ziehst?

 

Julia:

Ich hatte mich nie getraut, selbst Hilfe zu suchen, weil der Anspruch immer war, zu funktionieren. Ich hatte große Angst, dass es auf mich zurückfallen würde, wenn ich einer professionellen Stelle von den Problemen zu Hause erzählte. In diesem Fall ergab sich die Möglichkeit, ohne dass ich selbst aktiv werden musste.

Ich sprach mit der Frau vom Jugendamt und erzählte ihr vieles von dem, was zu Hause passierte. Irgendwann wollte sie meine Verletzung sehen. Danach sagte sie, wir müssten gar nicht weiterreden; sie habe nur noch eine Frage: „Möchtest du wieder nach Hause?“ Ich antwortete wahrscheinlich impulsiv oder reflexartig mit „Nein“. Mir war nicht bewusst, was das bedeutete. Ich wusste nicht, ob ich bei meinem besten Freund, meinen Großeltern, in einer Pflegefamilie oder einem Kinderheim leben würde. Ich wusste überhaupt nicht, welche Möglichkeiten es gab. Mit 15 traf ich vermutlich die wichtigste Entscheidung meines bisherigen Lebens. Von da an war alles offen, und ein neues Leben begann.

Die Belastung zu Hause war so groß, dass ich nicht darüber nachdachte, was künftig auf mich zukommen würde. Ich sah nur: Ich muss hier raus. Was auch immer kommen würde, alles war mir lieber, als dort zu bleiben.

 

Vivi:

Wie hast du den Übergang in die Jugendhilfe erlebt?

 

Julia:

Nach dem Gespräch fuhr ich mit zu meinem besten Freund. Die Frau vom Jugendamt sagte, sie würde in der Zwischenzeit etwas organisieren. Später rief sie an und erklärte, dass sie mich abholen, mit mir zu meiner Mutter fahren, meine Sachen packen und mich anschließend ins Kinderheim bringen würde.

Als wir bei meiner Mutter ankamen, saß meine Oma weinend auf der Couch. Meine Mutter war sichtbar wütend. Ich versuchte wie in Trance, meine Sachen zu packen, hatte aber keine Ahnung, was ich brauchen würde oder was auf mich zukam. Die Mitarbeiterin des Jugendamts hatte mir erklärt, ich solle Kleidung für die nächsten Tage, eine Zahnbürste und Dinge einpacken, die mir persönlich wichtig waren. Meine Mutter machte mir jahrelang Vorwürfe und fragte, warum ich das getan hätte. Früher empfand ich das als unpassend. Heute kann ich nachvollziehen, dass es für sie ein gewöhnlicher Tag gewesen war, bis der Anruf kam, dass das Jugendamt ihr Kind in Obhut genommen hatte. Dass sie in diesem Moment nicht damit umgehen konnte, werfe ich ihr heute nicht mehr vor.

Im Kinderheim empfing mich eine Betreuerin und führte ein Aufnahmegespräch. Danach gab es Abendessen: Schinkennudeln, die nicht weich waren, weil beim Kochen offenbar das Wasser vergessen worden war. Jedes Kind aus einem Heim kann wahrscheinlich genau sagen, wann es dort ankam und was es an diesem Abend zu essen gab. So etwas prägt sich ein. Der Übergang in die Gruppe war dann unkompliziert. Jedes Kind dort wusste selbst, wie es ist, neu zu sein. Ich wurde schnell aufgenommen und hatte plötzlich Unterstützung von allen Seiten. Das war ungewohnt, aber auch schön.

 

Vivi:

Wie hast du die Zeit in der Einrichtung erlebt? Wie lange hast du dort gelebt, und gab es Menschen oder Erfahrungen, die dir besonders viel bedeutet und Halt gegeben haben?

 

Julia:

Jedes neu aufgenommene Kind wurde einer Bezugsperson zugeteilt. Mit meiner ersten Bezugsbetreuerin verstand ich mich nicht so gut. Sie war sehr introvertiert, ich dagegen eher extrovertiert, aktiv und gesprächig. Sie war liebevoll, aber wir passten nicht gut zusammen. Ich beantragte deshalb einen Wechsel. Später wurde mir gesagt, ich sei die erste Jugendliche dort gewesen, die ausdrücklich einen Bezugsbetreuerwechsel verlangt habe. Nachdem ich das durchgesetzt und eine andere Bezugsperson bekommen hatte, kam das häufiger vor. Daran habe ich gelernt, dass auf Bedürfnisse eingegangen werden kann, wenn man sie äußert.

Ein Betreuer gab mir am Tag meines Einzugs ein Bild mit: Ich solle mir die Einrichtung wie einen Werkzeugkoffer vorstellen. Darin seien viele verschiedene Werkzeuge, und je nach Situation dürfe ich mir das passende nehmen. Wenn ich etwa ein Problem in der Schule hatte, gab es nicht nur meine Mutter, sondern mehrere Betreuerinnen und Betreuer, die Heimleitung und Mitarbeitende anderer Gruppen. Ich konnte selbst entscheiden, mit wem ich sprechen und welche Hilfe ich annehmen wollte. Dadurch merkte ich, dass meine Probleme gehört und ernst genommen wurden.

Viele denken, Kinder im Heim seien nur eine Nummer und hätten keine persönlichen Beziehungen zu den Mitarbeitenden. So habe ich es nicht erlebt. Die Beziehungen waren professionell und nicht familiär, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, den Betreuerinnen und Betreuern wichtig zu sein.

 

Vivi:

Welchen Einfluss hatte die Zeit im Kinderheim auf die Julia, die du heute bist?

 

Julia:

Ohne diese Zeit wäre ich nicht die Person, die ich heute bin. Ich kam mit 15 dorthin und lebte bis kurz vor meinem 19. Geburtstag dort. Das Jugendalter ist eine Zeit, in der man sich formt und findet. Wie man in dieser Phase behandelt wird und welche Unterstützung man erhält, wirkt sich auf das gesamte weitere Leben aus.

Ich bin sehr froh, dass ich im Heim war und nicht weiter der Erziehung meiner Mutter ausgesetzt war. Dort habe ich gelernt, gesünder mit mir umzugehen, für mich einzustehen und die Person zu werden, mit der ich heute sehr zufrieden bin. Wenn ich von meiner Mutter erzähle, habe ich manchmal Angst, dass Menschen denken, ich müsse genauso sein wie sie. Aber ich bin nicht wie meine Mutter – auch weil ich in der entscheidenden Phase meines Lebens eine gesündere Erziehung erlebt habe.

 

Vivi:

Wie sah dein Weg nach dem Kinderheim aus?

 

Julia:

Mit 16 war ich zum ersten Mal verliebt und hatte fast zwei Jahre lang einen Partner. Als ich beinahe 18 war, wollten wir selbstständig sein und suchten gemeinsam eine Wohnung. Der größte Einschnitt beim Auszug war, dass damit auch meine interne Therapie endete. Die Kinder im Heim hatten dort eigene Therapeutinnen und Therapeuten; nach dem Auszug war diese Behandlung vorbei. Mir war damals nicht bewusst, dass der Auszug auch einen Abbruch meiner Therapie bedeutete.

Gut war, dass die Jugendhilfe auch nach dem Auszug weitergeführt werden konnte. Ich bekam einen Betreuer, der ungefähr alle zwei Wochen zu mir kam und mich bei Dingen unterstützte, die allein noch schwierig waren. Im Heim hatte ich bereits viel Selbstständigkeit gelernt. Zunächst lebte ich in der Jugendwohngruppe 1.0, in der die Betreuenden immer da waren und beispielsweise beim Kochen und Waschen unterstützten. Später wohnte ich in der Jugendwohngruppe 2.0. Dort gab es kein Betreuerbüro mehr auf derselben Etage, ich konnte aber jederzeit nach oben gehen. Ich bekam mein Essensgeld selbst ausgezahlt und musste eigenständig einkaufen, kochen, kalkulieren und mich mit den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern organisieren. Dadurch konnte ich vieles lernen, was ich für das selbstständige Wohnen brauchte. Nur Bürokratie und Papierkram waren nicht mein Steckenpferd. Dafür war die weitere Unterstützung sehr hilfreich.

 

Vivi:

Wie war es nach dem Auszug mit den Mitarbeitenden der Jugendwohngruppe? Gab es einen Beziehungsabbruch?

 

Julia:

Einen Abbruch gab es nie. Nachdem ich nicht mehr in ihrem Zuständigkeitsbereich war, konnte ich mich melden, wenn etwas war. Dabei war klar, dass ich nicht die Einzige war und manchmal ein paar Tage auf eine Antwort warten musste. Ich traute mich nicht oft, weil ich dachte, dass ich nicht mehr ihr „Job“ sei. Aber ich wusste, dass ich mich im Notfall an sie wenden konnte. Manchmal fragten sie auch von sich aus, wie es mir ging. Ich besuchte die Einrichtung regelmäßig und war dort immer willkommen. Der Kontakt verlief irgendwann ganz natürlich im Sande, aber nie so, dass ich das Gefühl hatte, plötzlich etwas verloren zu haben.

 

Vivi:

Du hast erwähnt, dass deine Therapie mit dem Auszug aus dem Kinderheim endete. Wie ging dein therapeutischer Weg danach weiter?

 

Julia:

Ich merkte schnell, wie einsam es sein kann, aus einem Umfeld auszuziehen, in dem rund um die Uhr Menschen da sind, und plötzlich allein in einer Wohnung zu leben. Ich holte mir eine Katze, aber sie konnte natürlich nicht alle meine Probleme auffangen. Deshalb war es mir wichtig, wieder aktiv Hilfe zu suchen.

In meiner Ausbildung merkte ich, dass ich mich nicht mehr auf die Abläufe konzentrieren konnte. Da bei mir bereits mit 16 ADHS diagnostiziert worden war, wandte ich mich 2020 erneut an die medbo und bekam zunächst Medikamente. Ritalin passte nicht zu mir, deshalb setzte ich es wieder ab, nachdem ich meine Routine bei der Arbeit gefunden hatte. Später merkte ich erneut, dass ich Unterstützung brauchte. Da man nicht sofort einen Therapieplatz findet, wandte ich mich an das Sozialpsychiatrische Zentrum. Dort nahm ich etwa eineinhalb Jahre lang Beratung in Anspruch. Die Mitarbeitenden halfen mir auch dabei, einen Therapieplatz zu finden.

 

Vivi:

Wie kam es schließlich zu deiner Diagnose?

 

Julia:

Das war ein langer Weg. In der Therapie sprachen wir viel über meine Vergangenheit, aber es stand zunächst nicht im Raum, zu prüfen, ob meine Diagnosen noch passten. Damals hatte ich nur die Diagnosen ADHS und wiederkehrende schwere depressive Episoden.

In meinem Berufsleben hatte ich viele Arbeitsstellen, die jeweils nach kurzer Zeit endeten. Mehrfach war mir bereits eine Tagesklinik empfohlen worden, aber ich dachte immer, andere Menschen bräuchten das dringender. Als ich erneut eine Stelle verlor, sagte ich mir, dass es so nicht weitergehen könne und ich genauer hinschauen müsse. Ich ging in die Tagesklinik, machte dort Fortschritte und nahm anschließend Gruppentherapien in Anspruch.

Nach der Trennung von meinem damaligen Freund ging es mir sehr schlecht, und ich kam als Akutfall ein zweites Mal in die Tagesklinik. Dort fiel einer Psychologin auf, dass mehr dahinterstecken könnte als die bis dahin bekannten Diagnosen. Nach diesem Aufenthalt machte sie mit mir eine weitere Diagnostik. So erhielt ich vor etwa zwei Jahren die Diagnose einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typ.

 

Vivi:

Wie war es für dich, diese Diagnose zu bekommen?

 

Julia:

Ich sage ungern, dass ich eine Borderline-Persönlichkeitsstörung habe, weil ich mich damit nicht vollständig identifizieren kann. Meine Psychologin erklärte mir, dass sie mir – wenn sie die Diagnose frei wählen könnte – eine Bindungstraumatisierung diagnostizieren würde. Diese Diagnose gibt es so im ICD jedoch nicht.

Sie erklärte es mir anhand eines Kreisdiagramms: etwa 20 Prozent dependente Anteile, die mit meiner Verlustangst zusammenhängen, fünf Prozent paranoide Anteile, die aus dem Alarmsystem und dem ständigen Scannen meiner Umgebung während der Kindheit hervorgegangen sind, und 75 Prozent emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom impulsiven Typ. Weil das Ganze einen Namen braucht, erhielt ich die Diagnose, deren Anteil am größten ist.

 

Vivi:

Wie können frühe Beziehungserfahrungen beeinflussen, wie ein Mensch später Beziehungen erlebt?

 

Julia:

Dass Bindung für mich schwierig ist, war mir früh klar. Durch meine Erfahrungen in der Kindheit fühlte ich mich in zwischenmenschlichen Beziehungen immer sehr unsicher. Nichts war vorhersehbar. Als Kind lernt man in einer solchen Situation, die Umgebung ständig zu scannen: Was ist los? Was passiert? Wie muss ich mich verhalten, damit keine Unsicherheit entsteht? Das ganze Verhalten ist darauf ausgerichtet, unsichere Situationen zu vermeiden, weil man ihnen als Kind völlig ausgeliefert ist.

Ich glaube, dass ich das bis heute mitgenommen habe und dass es mit meinen Verlustängsten zusammenhängt. In Beziehungen versuche ich noch immer, mich richtig und vorsichtig zu verhalten. Das gibt mir ein Gefühl von Kontrolle. Wahrscheinlich fällt es mir deshalb so schwer, Kontrolle abzugeben: Ich habe Angst, wieder unsicher zu werden, sobald ich mich von meinen Strategien löse.

 

Vivi:

Welche Aspekte der Borderline-Diagnose hast du an dir wiedererkannt, und mit welchen kannst du dich nicht identifizieren?

 

Julia:

Wenn ich sage, dass ich Borderline habe, denken viele sofort an den klassischen Borderline-Typ. Viele wissen nicht, dass es unterschiedliche Typen gibt. Dann werde ich in eine Schublade gesteckt und gelte als jemand, der sehr risikoreich handelt oder sich stark selbst verletzt. Diese Symptome passen nicht zu mir. Deshalb formuliere ich meine Diagnose lieber vollständig. Dann fragen die Menschen meistens nach, weil sie den impulsiven Typ nicht kennen.

 

Vivi:

Wie zeigt sich der impulsive Typ bei dir konkret?

 

Julia:

Meine Reaktionen sind häufig impulsiv. Ich handle oft unüberlegt, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Das zeigt sich zum Beispiel bei Impulskäufen: Ich denke, dass ich etwas brauche, kaufe es und prüfe vorher nicht, ob ich das Geld dafür habe.

In konflikthaften Gesprächen schicke ich manchmal impulsiv Nachrichten ab. In einem hohen Anspannungszustand kann ich nicht mehr gut zwischen gesundem und ungesundem Verhalten unterscheiden, weil der präfrontale Kortex, also der Teil im Gehirn, der für logisches Denken und Entscheidungen zuständig ist, dann nicht mehr so gut funktioniert. Dann entstehen unglückliche Formulierungen, die sehr verletzend sein können, obwohl sie nicht dem entsprechen, was ich mit klarem Kopf sagen würde. Hinzu kommen sehr starke Gefühle, die sich durch das impulsive Handeln nur schwer kontrollieren lassen.

 

Vivi:

Welche markanten Unterschiede nimmst du zwischen dem klassischen Borderline-Typ und dem impulsiven Typ wahr?

 

Julia:

Ich kann dabei nur von mir sprechen. Beim klassischen Borderline-Typ wird häufig das Selbstbild infrage gestellt: Wer bin ich überhaupt? Dieser fehlende Bezug zu mir selbst trifft auf mich nicht zu. Auch das typische Risikoverhalten habe ich nicht. Selbstverletzung ist für mich heute kein Thema mehr und ich verhalte mich nicht so, als wäre mir meine eigene Sicherheit egal. Mir ist sehr wichtig, mich nicht in Gefahr zu bringen. Auch Schwarz-Weiß-Denken kenne ich zwar, aber nicht in derselben Ausprägung.

 

Vivi:

Welches Vorurteil über Borderline begegnet dir am häufigsten?

 

Julia:

Viele stellen sich Menschen mit Borderline als völlig unkontrolliert vor, als Menschen, die mit ihrem Leben nicht klarkommen und jeden Schmerz gegen sich selbst richten – etwa durch Selbstverletzung. Solche selbstschädigenden Verhaltensweisen werden ihnen sehr schnell zugeschrieben. Das muss aber nicht so sein.

 

Vivi:

Was müsste sich im Umgang mit Menschen mit Borderline verändern?

 

Julia:

Menschen mit Borderline sind eigenständig denkende Menschen. Man kann sie einfach fragen: „Du hast gesagt, dass du Borderline hast. Wie zeigt sich das bei dir?“ Dann sollte man erst einmal zuhören, statt jemanden in eine Schublade zu stecken. Jede Erkrankung zeigt sich unterschiedlich, jeder Mensch ist anders, und Symptome werden auch durch die jeweiligen Lebensumstände beeinflusst. Man sollte nicht pauschalisieren. Zuhören ist entscheidend.

 

Vivi:

Was bedeutet Borderline für dich?

 

Julia:

In der dialektisch-behavioralen Therapie, kurz DBT, habe ich zunächst das Krankheitsbild kennengelernt. Wenn man nicht versteht, was man hat, kann man auch schwer lernen, damit umzugehen.

Dort habe ich gelernt, dass Menschen mit Borderline Emotionen bis zu neunmal stärker wahrnehmen können als andere Menschen. Das war für mich heftig: Was ich fühle, ist viel stärker, aber ich kann nicht wissen, wie es ist, weniger stark zu fühlen, weil ich das nicht kenne. Außerdem wurde uns erklärt, dass Menschen ohne Borderline einen Zustand der Hochanspannung vielleicht drei- bis fünfmal in ihrem Leben erleben – etwa bei einem Autounfall oder einem Heiratsantrag –, während Menschen mit Borderline ihn drei- bis fünfmal am Tag erleben können. Diese Anspannung muss man regulieren lernen. Genau daran habe ich in der Therapie gearbeitet.

 

Vivi:

Wie gehst du mit diesen starken Emotionen um, wenn sie auf dich einprasseln?

 

Julia:

Ich lerne noch, damit umzugehen. Ich habe aber verstanden, dass ich mich dafür nicht abwerten muss. Diese starken Gefühle gehören zu mir. Ich erkläre den Menschen in meinem Umfeld, was in mir passiert. Dadurch fühle ich mich sicherer, weil ich weiß, dass ich nicht sofort als die Böse abgestempelt werde, wenn ich einmal nicht funktioniere oder meine Gefühle durchkommen.

Wenn ich merke, dass meine Anspannung sehr hoch ist, nehme ich mir inzwischen wenigstens fünf Minuten Pause. Das fällt mir schwer, funktioniert aber immer besser. Ich muss akzeptieren, dass mich die Pause aufhält, dass ich dadurch vielleicht zu spät komme und ein ursprünglicher Plan nicht vollständig eingehalten werden kann. Wenn ich mir die fünf Minuten nicht nehme, wird es jedoch schlimmer. Dann kann es passieren, dass ich meine Gefühle nicht kontrollieren kann und andere Menschen verletze. Das möchte ich möglichst vermeiden. Welche Skills mir persönlich am besten helfen, kann ich noch nicht abschließend sagen. Ich arbeite weiter an mir.

 

Vivi:

Wie zeigt sich Borderline in deinen zwischenmenschlichen Beziehungen?

 

Julia:

Weil Menschen mit Borderline so stark fühlen, können sich andere von ihnen überwältigt, aber auch sehr geliebt oder sehr kritisiert fühlen. Die Gefühle sind in alle Richtungen intensiver, und das kann auch sehr bindend sein.

Ich erlebe Beziehungen sehr intensiv. Im Negativen kann das zu verletzenden Streits führen. Es kann viel Sicherheit entstehen, aber diese Sicherheit kann auch schnell wieder zerbrechen. Meine zwischenmenschlichen Beziehungen waren deshalb oft nicht beständig. Ich habe gelernt, offen damit umzugehen und zu erklären, wie und warum ich reagiere. So erhalten andere möglichst viel Einblick und fühlen sich nicht vor den Kopf gestoßen, wenn starke Emotionen durchschlagen, die sie nicht einordnen können. Wenn mein Gegenüber Verständnis mitbringt, funktioniert das meist gut.

 

Vivi:

Wie wirkt sich deine Erkrankung auf dein Umfeld aus?

 

Julia:

Wenn eine Situation negativ wird, kann sie sehr verletzend werden. Mir ist wichtig, dass jeder versteht: Es ist nicht die Verantwortung anderer Menschen, meine Gefühle zu regulieren. Ich sage meinen Freunden: Wenn ich „delulu“ bin, also nicht mehr klar denken kann, und etwas Verletzendes tue oder sage, habt ihr jederzeit das Recht, Abstand zu nehmen. Alles, was jemand in diesem Moment versucht, um mich zu beruhigen, feuert die Situation oft nur weiter an.

Es ist schwer, einen Menschen in einem solchen Moment allein zu lassen, aber es ist für beide Seiten das Beste. Die andere Person kommt aus meinem Fokus, und ich kann herunterfahren. Im ersten Moment fühlt es sich für mich zwar schlecht an, allein gelassen zu werden. Sobald ich wieder klar denken kann, weiß ich aber, dass die Entscheidung richtig war. So versuche ich, die Menschen in meinem Umfeld zu schützen: Wenn ich nicht mehr klar denken kann, müssen wir die Situation vorübergehend stoppen – so schwer es uns auch fällt. Sonst entsteht nichts Gutes.

 

Vivi:

Was ist im Umgang miteinander außerdem wichtig?

 

Julia:

Gemeinsames Reflektieren. Das gilt für schwierige Situationen, aber auch für zu viel Nähe, Liebe oder Abhängigkeit. Nicht nur negative, sondern auch positive Gefühle können sehr stark sein und auf andere einengend wirken. Wenn jemandem etwas zu viel wird, sollte die Person das immer äußern dürfen. Falls ich es in einer akuten Situation nicht aufnehmen kann, müssen wir später noch einmal darüber sprechen. Beide Seiten sollten in einem ruhigen Gespräch erklären können, wie es sich für sie angefühlt hat. So kann man die Situation einordnen und anschließend abschließen.

 

Vivi:

Welche Formen von Behandlung und Unterstützung haben dir am meisten geholfen?

 

Julia:

Am wichtigsten war für mich die DBT. Dadurch habe ich verstanden, was ich überhaupt habe, und kann nun Schritt für Schritt lernen, damit umzugehen. Außerdem helfen mir Freunde, die Verständnis haben, und die Selbsthilfegruppe. Ohne die Gruppe würde ich mich vermutlich nicht so regelmäßig mit Themen wie Selbstwert und Grenzen auseinandersetzen. Weil ich solche Themen jeden Montag mit der Gruppe behandle, vorbereite und selbst daran mitarbeite, bleibe ich regelmäßig mit mir selbst in Kontakt.

 

Vivi:

Was hat dir weniger geholfen oder zusätzliche Schwierigkeiten bereitet?

 

Julia:

Es hat mir nicht geholfen, dass meine Erkrankung so spät erkannt wurde. Ich wusste nicht, was mit mir nicht stimmte. Ich sah nur, dass ich in der Gesellschaft nicht gut funktionierte, und dachte, es liege ausschließlich an meinem ADHS. Vielleicht hätte eine frühere, genauere Diagnostik geholfen. Ich weiß allerdings nicht, an welchem Punkt meines Lebens sie sinnvoll oder möglich gewesen wäre. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte diesen Weg früher einschlagen können und wäre heute schon weiter.

 

Vivi:

Was hat sich in deinem Umgang mit Krisen verändert?

 

Julia:

Seit ich verstanden habe, wie stark meine Gefühle sind, versuche ich, mich weniger Situationen auszusetzen, die diese Gefühle besonders stark auslösen. Ein Beispiel ist der Kontaktabbruch zu meiner Mutter. Der emotionale Umgang zwischen uns war häufig schwierig. Ich weiß, wie sehr ein Mensch leidet, wenn er mit seinen Emotionen nicht umgehen kann. Trotzdem spüre ich die Auswirkungen ihres Verhaltens. So, wie ich anderen rate, sich zu schützen und Abstand zu nehmen, wenn jemand nicht klar denken kann, habe ich selbst gelernt, Abstand zu halten und nicht jeden Kampf zu kämpfen.

Ich habe außerdem in meiner Kindheit ein starkes Helfersyndrom entwickelt. Weil mir selbst oft die Hilfe fehlte, die ich gebraucht hätte, versuchte ich, anderen zu helfen. Das ist auch ein Ursprungsgedanke von JAG und grundsätzlich etwas Schönes. Wenn es überhandnimmt, ist es jedoch nicht mehr gesund. Heute versuche ich, nicht nur andere, sondern auch mich selbst mehr wichtig zu nehmen. Ich nehme mir meine fünf Minuten Pause, akzeptiere mich besser und setze mehr Grenzen.

 

Vivi:

Gibt es Dinge, die du früher nicht konntest, aber inzwischen kannst?

 

Julia:

Ich kann immer besser Dinge loslassen, die mir nicht gut tun. Ein Beispiel dafür ist die Beziehung zu meiner Mutter. Zehn Jahre lang versuchte ich, unsere Beziehung gemeinsam mit ihr hinzubekommen. Mit 16 oder 17 wollte ich unbedingt ein Tattoo mit dem Datum, an dem ich ins Kinderheim gekommen war, weil dieser Tag mein Leben verändert hatte. Meine Mutter sagte damals: „Wenn du dir das stechen lässt, rede ich kein Wort mehr mit dir.“

Nach zehn Jahren dachte ich: Ich habe es wirklich versucht. Wer es in zehn Jahren nicht schafft, wird es vermutlich auch in Zukunft nicht mehr schaffen. Ich ließ mir das Tattoo stechen und akzeptierte, dass sie danach vielleicht nicht mehr mit mir sprechen würde. Innerlich schloss ich damit ab, diesen Kampf immer weiterführen zu müssen. Ich muss mich nicht ständig von Emotionen beeinflussen lassen, die sie selbst nicht kontrollieren kann.

Auch im Alltag habe ich gelernt, dass ich nicht jeden Kampf kämpfen muss. Durch meine Kindheit und weil ich immer für meine Geschwister und mich kämpfen musste, bin ich eine Kämpferin und manchmal sehr stur. Früher hätte ich häufig versucht, mich um jeden Preis durchzusetzen. Heute gehe ich mehr auf andere ein und versuche, meinen Tunnelblick zu verlassen. Ich weiß, dass mein Versuch, alles und jeden zu kontrollieren, starke emotionale Zustände auslösen kann, die ich anschließend wieder regulieren muss. Deshalb nehme ich inzwischen mehr Abstand zu solchen Situationen.

 

Vivi:

Wenn du an deine Zukunft denkst: Was wünschst du dir für dein Leben?

 

Julia:

Mein größter Wunsch hängt wahrscheinlich stark mit meiner Bindungstraumatisierung zusammen. Ich habe mich von meinen Eltern und in früheren Beziehungen nur selten geliebt gefühlt. Diese Beziehungen gingen durch meine Erkrankung oft schnell kaputt. Ich wünsche mir, irgendwann jemanden zu finden, der mich so lieben kann, wie ich bin.

Ich habe inzwischen gute Freunde, die schon lange bei mir sind, und darüber bin ich sehr froh. Eine Partnerschaft bedeutet für mich trotzdem noch einmal etwas anderes. Diese Fürsorge und Geborgenheit fehlen mir sehr. Mein größter Wunsch ist, irgendwo anzukommen und zu wissen: Dort bin ich sicher und werde so geliebt, wie ich bin. Ich möchte nicht ständig funktionieren müssen wie früher.

 

Vivi:

Was möchtest du Menschen sagen, die gerade mit einer Borderline-Diagnose konfrontiert werden oder kurz davorstehen?

 

Julia:

Macht Therapie. Meiner Meinung nach kann man das nicht allein stemmen. Es prasselt nicht nur ein bisschen auf einen ein. Wenn man nicht lernt, damit umzugehen, macht man sich selbst kaputt. Wenn du diese Diagnose hast, setze alles daran, jemanden zu finden, der dich auf diesem Weg unterstützt.

Auch wenn du merkst, dass Bindungen in deinem Leben dir nicht guttun, suche dir Hilfe. Im Kindesalter ist es oft schwer, ihnen zu entkommen, aber auch dann gibt es Möglichkeiten. Sprich mit Freunden, Vertrauenslehrern oder anderen Menschen. Wenn gar nichts mehr geht, gibt es die Telefonseelsorge, den Krisendienst und Beratungsstellen, an die man sich auch anonym wenden kann. Solche Angebote gibt es für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Es ist keine Schande, Hilfe zu suchen und Therapie zu machen, und es bedeutet nicht, dass man gescheitert ist. Je früher man beginnt, sich um die eigenen Probleme zu kümmern, desto früher kann Heilung beginnen. Was man sehr lange aussitzt und allein zu regeln versucht, braucht später oft umso länger.

 

Vivi:

Was würdest du deinem früheren Ich heute gerne sagen?

 

Julia:

Ich weiß gar nicht, was ich ihm sagen würde. Ich glaube, mein früheres Ich hätte keine guten Worte gebraucht, sondern einfach eine Umarmung. Weil ich früher kaum in den Arm genommen wurde, kann ich das bis heute nicht gut annehmen oder geben, obwohl ich es sehr gerne würde.

Ich merke, dass in mir dieses jüngere Ich steckt, das danach schreit, geliebt und in den Arm genommen zu werden. Alles, was passiert ist, hat aber eine Mauer darum gebaut. Wenn ich diese Nähe früher öfter erfahren hätte, würde es mir heute vermutlich leichter fallen, Nähe zuzulassen.

 

Vivi:

Danke, Julia, dass du deine Erfahrungen so offen mit uns geteilt und auch über die schwierigen und belastenden Seiten gesprochen hast.

 

Julia:

Sehr gern. Ich hoffe, dass ich damit meinem Ursprungsgedanken von JAG ein Stück näherkommen und Menschen, die selbst in solchen Situationen sind, etwas Mut machen kann. Niemand sollte da allein durchmüssen. Danke, dass du mich interviewt hast.

 

ANLAUFSTELLEN UND HILFE

 

Sozialpsychiatrisches Zentrum Amberg

Paulanergasse 18, 92224 Amberg

09621 3724-0

Beratung & Unterstützung bei psychischen Belastungen, Erkrankungen, Krisen & schwierigen Lebenssituationen.

 

medbo Amberg – Psychiatrische Institutsambulanz & Tagesklinik

Marienstraße 12, 92224 Amberg

09621 91666-8350

Psychiatrische Behandlung & Krisenhilfe, ambulant & teilstationär.
 

Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen Amberg

09621 101399 · selbsthilfegruppen@amberg.de

Unterstützt bei der Suche nach passenden Selbsthilfegruppen in Amberg & der Region.

 

Krisendienst Psychiatrie Bayern

0800 655 3000 · rund um die Uhr · kostenlos

Unterstützung bei psychischen Krisen & seelischen Notlagen, auch für Angehörige & Bezugspersonen.

 

TelefonSeelsorge

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Nummer gegen Kummer

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