Bunte Innenwelten
Von Hilflosigkeit zum Helfersyndrom
Nora erlebt in ihrer Kindheit häusliche Gewalt, später sexualisierte Gewalt, Mobbing und schwere psychische Krisen. Heute arbeitet sie im sozialen Bereich und möchte anderen das geben, was ihr selbst lange gefehlt hat.

Julia:
Wo würdest du deine Geschichte beginnen?
Nora:
Ich würde sehr früh anfangen, in meiner frühen Kindheit. Ich bin in einer Familie mit Migrationsgeschichte aufgewachsen. Meine Mutter bekam mich mit 21 Jahren und musste recht schnell wieder arbeiten. Die Umstände waren nicht optimal. Sie war mitten in der Ausbildung zur Rettungssanitäterin, als sie erfuhr, dass sie mit mir schwanger war. Sie wollte mich unbedingt behalten, aber mein Opa warf sie daraufhin raus. So geriet sie in die Situation, hochschwanger und allein eine Wohnung beziehen zu müssen. Mit meinem Erzeuger bestand keine Beziehung.
In meinen ersten Lebensjahren kümmerte sich meine Mutter allein um mich. Als sie wieder arbeiten musste, war ich oft bei meinen Großeltern. Meine Familie hatte bereits zuvor belastende Erfahrungen gemacht. Mein Opa hatte den Zweiten Weltkrieg erlebt und ein Konzentrationslager überlebt. Meine Oma möchte ich nicht diagnostizieren, aber ich vermute bei ihr narzisstische Züge. Meine Mutter und meine Tanten hatten in ihrer Kindheit viel Gewalt erlebt.
Julia:
Hatte es Auswirkungen auf deine Kindheit, dass deine Mutter selbst Gewalt erlebt hatte?
Nora:
Meine Mutter war mir gegenüber nie gewalttätig, jedenfalls nicht ansatzweise so, wie meine Oma es ihr gegenüber gewesen war. Man merkte eher, dass meine Mutter in der Familie als schwarzes Schaf galt und eine sehr schwierige Kindheit ohne richtige Bezugsperson gehabt hatte.
Schon als ich klein war, wurde vor mir oft schlecht über sie gesprochen. Dann rief ich sie weinend an und wollte unbedingt, dass sie mich abholte. Wegen ihrer Arbeit war sie jedoch weit entfernt. Es tat ihr sehr weh zu merken, dass ich darunter litt. Ich hörte Kommentare wie: „Werde bloß nie so wie deine Mutter.“ Dadurch fühlte ich mich manchmal, als stünde ich zwischen allen. Schon als Kind hatte ich das Gefühl, die einzige Person zu sein, die meine Mutter verteidigen konnte.
Julia:
Würdest du deine Beziehung zu deiner Mutter insgesamt als positiv beschreiben?
Nora:
Ja. Wir hatten schwierige Phasen, vor allem später in meinem Leben. Alles in allem empfinde ich unsere Beziehung aber als sehr positiv.
Julia:
In deiner Kindheit gab es dennoch Situationen, in denen du dich hilflos gefühlt hast. Was ist damals passiert, wenn die Gewalt nicht von deiner Mutter ausging?
Nora:
Die ersten Jahre waren ziemlich gut. Es gab keine besonders schlimmen Vorfälle, außer dass ich meine Mutter manchmal sehr vermisste. Wenn sie da war, war sie aber wirklich da. Schwierig wurde es, als sie eine Beziehung mit meinem damaligen Stiefvater einging. Diese Beziehung war sehr gewalttätig.
Julia:
Wie alt warst du damals?
Nora:
Ganz genau weiß ich es nicht mehr. Ich schätze, ich war ungefähr vier oder fünf Jahre alt.
Julia:
Was ist passiert?
Nora:
Am Anfang war alles recht gut. Ich baute eine sehr gute Bindung zu ihm auf, und wir zogen bei ihm ein. Ich hatte dort mein eigenes Zimmer. Dann kam es immer wieder zu körperlichen Übergriffen gegen meine Mutter. An das erste Mal kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß auch nicht mehr, ob mir zunächst nur sein Verhalten auffiel oder ob ich die Gewalt wirklich miterlebte. Meine Mutter versuchte, mich so gut wie möglich davor zu schützen. Wenn man dort lebt, zur Schule geht und seinen Lebensmittelpunkt hat, bekommt man es aber unweigerlich mit.
Julia:
Gibt es ein besonders einschneidendes Erlebnis, an das du dich noch sehr genau erinnerst?
Nora:
Es sind auch kleine Momente, die nachwirken: Du hörst, wie es im anderen Zimmer eskaliert, und sollst in dein Zimmer gehen. Durch die geschlossene Tür hörst du trotzdem, wie es immer lauter wird, wie er brüllt und Beleidigungen schreit. Du hörst deine Mutter schreien, schließlich die Schläge und ihr Flehen.
Als kleines Kind sitzt du in deinem Zimmer und weißt: Ich kann nichts tun. Ich werde nichts tun können und darf nichts tun. Dann versuchst du, dich abzulenken: Jetzt spiele ich mit den Barbies oder schaue mir etwas an, während ich das alles im Hintergrund höre.
Es geschah nicht jede Woche, aber oft genug, dass ich mich teilweise daran gewöhnte. Manchmal musste ich schnell meine Decke und mein Kopfkissen nehmen. Vielleicht trug ich noch den Pyjama, vielleicht konnte ich Kleidung für den nächsten Tag einpacken. Dann mussten wir irgendwohin flüchten – manchmal ins Auto und auf einen Parkplatz.
Julia:
Hast du die Gewalt immer nur gehört, oder gibt es auch Bilder, die sich bei dir festgesetzt haben?
Nora:
Am deutlichsten erinnere ich mich an eine Situation am Frühstückstisch. Meine Mutter hatte das Frühstück vorbereitet, und wir saßen zusammen. Ich war sehr gut gelaunt und freute mich. Dann öffnete er die Butter. Sie hatte ein paar Minuten zu lange draußen gestanden und war etwas weich, aber nicht geschmolzen. Plötzlich flog der Tisch, um den wir saßen, durch den Raum. Eine Glaskaraffe zerbrach, einige Scherben kratzten mich vielleicht, und er ging auf meine Mutter los.
Julia:
Bist du weggelaufen?
Nora:
Ich lief los, als meine Mutter schrie, ich solle nach draußen gehen, die Nachbarn rufen und die Polizei holen. Im Pyjama und barfuß rannte ich den Weg hinauf. Auf halber Strecke brach ich zusammen und weinte.
Ich hatte immer gehört, ich dürfe niemandem erzählen, was bei uns geschah. Meine Mutter wollte nicht, dass etwa mein Onkel oder mein Opa davon erfuhren, unüberlegt zu uns kamen und etwas taten, das ihnen später schadete. Gleichzeitig hatte ich an diesem Ort ein Leben aufgebaut. Zum ersten Mal gab es eine Vater-Mutter-Kind-Konstellation. Seine Eltern waren sehr liebevolle Stiefgroßeltern. Meine Mutter wollte ihn damit auf keinen Fall schützen. Sie wusste, dass die Gewalt falsch war, versuchte aber irgendwie, das Beste für die Menschen um sie herum und auch für mich zu bewahren.
Julia:
Du wusstest also nicht, was passieren und wie sich dein Leben verändern würde, wenn du jemandem davon erzähltest?
Nora:
Genau. Es schien immer genug Gründe zu geben, nichts zu tun. Außerdem hoffte ich, dass es vielleicht wieder vorbeigehen würde. Ich war ungefähr sieben Jahre alt. Natürlich wäre es richtig gewesen, zu den Nachbarn zu laufen und sie zu bitten, die Polizei zu rufen. Ich wünschte heute, ich hätte das getan. Damals war ich aber völlig überfordert.
Später erklärte ich das meiner Mutter. Sie war danach blutüberströmt. Zum Glück konnten wir zu seinen Eltern gehen, die im selben Haus wohnten und sich um uns kümmerten. Meine Mutter verstand, warum ich es nicht geschafft hatte, Hilfe zu holen.
Julia:
Weißt du noch, wie du schließlich von der Straße zurückkamst und Hilfe bekamst?
Nora:
Das weiß ich tatsächlich nicht mehr. Vielleicht ging ich zu meiner damaligen Stiefgroßmutter. Ich weiß auch nicht, ob ich länger draußen blieb. Es fühlt sich an, als wäre ich sehr lange dort gewesen.
Julia:
Bei traumatischen Kindheitserlebnissen sind Erinnerungslücken nicht ungewöhnlich. Welche Spuren hat diese Erfahrung bis heute hinterlassen? Wie reagierst du, wenn du Gewalt wahrnimmst?
Nora:
Ich merke es bis heute. Lange dachte ich nicht aktiv, dass es mir dauerhaft geschadet hätte. Wenn aber vor allem ein Mann in meiner Umgebung sehr laut, aggressiv oder unberechenbar wird, reagiere ich sofort. Ich spüre eine körperliche Anspannung. Auch wenn ich in einer anderen Person das Gesicht meines früheren Stiefvaters zu erkennen glaube, löst das etwas aus. Daran merke ich, dass die Erfahrungen in meinem Körper und meiner Seele Spuren hinterlassen haben.
Julia:
Fühlst du dich in solchen Momenten noch genauso hilflos wie damals, oder weißt du heute, dass du nicht mehr hilflos bist?
Nora:
Ich fühle mich heute deutlich stärker. Es gibt trotzdem Situationen, die mich stark triggern. Dann ziehe ich mich zurück, bin sehr angespannt und muss aus der Situation herauskommen. Ich habe inzwischen aber das Glück, nur noch sehr selten Gewalt in meinem Umfeld zu erleben.
Julia:
Als du neun Jahre alt warst, gab es einen weiteren Vorfall, der dich unmittelbar betraf. Was ist damals passiert?
Nora:
Die Beziehung zwischen meiner Mutter und meinem früheren Stiefvater war zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise beendet. Meine Mutter hatte eine eigene Wohnung gefunden, und wir lebten erstmals allein. Sie kämpfte aber noch mit Depressionen und einer posttraumatischen Belastungsstörung. Deshalb war ich viel bei meinen Großeltern, was grundsätzlich in Ordnung war.
Ich spielte dort oft mit anderen Kindern im Hof. Im Laufe des Sommers bis zu dem Vorfall im Herbst tauchte immer wieder ein Mann auf, der deutlich älter war als wir. Ich war neun Jahre alt.
Julia:
Kam er aus der Gegend?
Nora:
Ja. Es war ein größerer Wohnkomplex mit verschiedenen Höfen. Er wohnte zwei Häuser von meinen Großeltern entfernt.
Julia:
Er sah euch dort spielen und kam hinzu. Was geschah dann?
Nora:
Er stellte sich vermutlich vor. Wir fanden ihn vielleicht nett, aber nicht mehr. Er war damals 21 und sah auch nicht besonders jung aus. In seiner Nähe hatte ich immer ein komisches Bauchgefühl.
Meine Freundinnen durften sich auf seinen Fahrradgepäckträger setzen und eine Runde mitfahren. Sie fanden das lustig. Als ich an der Reihe war, fühlte ich mich schon unwohl. Eigentlich hätte ich es nach allem, was meine Familie mir beigebracht hatte, nicht tun sollen. Ich hatte aber gesehen, welche Runden die anderen fuhren. Mit mir fuhr er plötzlich eine längere Strecke und entfernte sich weiter von ihnen. Da bekam ich Panik.
Julia:
Hattest du Angst, dass er so sein könnte wie dein früherer Stiefvater? Hast du diese Erfahrungen miteinander verbunden?
Nora:
So direkt glaube ich das nicht, obwohl beide ähnliche Gesichtszüge, Augen- und Haarfarben hatten. Nach solchen Erfahrungen achtet man vielleicht stärker darauf. Ich hatte einfach das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Ich wusste damals ungefähr, was eine pädophile Störung ist.
Julia:
Und du warst zu diesem Zeitpunkt neun Jahre alt?
Nora:
Ja. Ich war bereits darüber aufgeklärt worden, wie man sich selbst verteidigen sollte. Ironischerweise hatte auch mein früherer Stiefvater versucht, mir das beizubringen. Ich hatte also ein ungutes Gefühl, konnte es als Kind aber noch nicht genau benennen. Trotzdem hatten wir weiterhin öfter mit dem Mann zu tun.
Julia:
Was geschah nach der längeren Fahrradrunde?
Nora:
Als wir zurückkamen, war ich unfassbar erleichtert, dass er tatsächlich wieder zurückgefahren war und ich die anderen sah. Ich wollte mich ganz fest an eine Freundin klammern, weil ich kurz geglaubt hatte, er könnte mich mit dem Fahrrad entführen. Das ungute Bauchgefühl blieb aber.
Julia:
Wenn du dich so unwohl fühltest, warum habt ihr trotzdem weiter Zeit mit ihm verbracht?
Nora:
Wir waren eine größere Gruppe von Kindern. Ich war froh, wenn ich nach draußen gehen und jemanden zum Spielen treffen konnte. Die anderen Kinder nahmen die Situation nicht so wahr und fanden ihn nicht seltsam. Ich wollte einfach dazugehören. Eine Freundin war damals 14 und fand ihn sogar süß. Sie drängte mich immer wieder, mitzugehen. Ich konnte mich kaum durchsetzen.
Julia:
Mit neun warst du noch ein Kind und wolltest den Anschluss nicht verlieren. Wenn du als Einzige gesagt hättest, du möchtest nicht mehr mit ihm spielen, hätten die anderen wahrscheinlich weitergemacht und du wärst allein gewesen.
Nora:
Genau. Ich dachte, wenn es für die anderen kein Problem war, könnte ich mich etwas von ihm fernhalten, so tun, als wäre alles in Ordnung, und damit zurechtkommen.
Julia:
Aber so war es nicht.
Nora:
Nein. Irgendwann spielten wir vor seinem Wohngebäude Verstecken. Er kam zu mir, und wir knieten hinter einem Gebüsch. Dort war er mir körperlich zu nah, ohne mich anzufassen. Ich trug ein helles T-Shirt mit Pailletten, das ich sehr mochte und deshalb auch im späten Oktober noch anhatte. Er legte mir seine schwarze Jacke um und sagte, so könne ich mich besser verstecken. Ich fand es unangenehm, auch weil die Jacke schlecht roch. Trotzdem glaubte ich ihm, dass man mich damit weniger gut sehen würde.
Bevor eine neue Spielrunde begann, sagte er, er müsse kurz etwas aus seinem Keller holen. Er fragte, ob ich mit ins Haus kommen und im Flur warten könne. Er würde gleich wieder zurückkommen.
Julia:
Was er holen wollte, sagte er nicht?
Nora:
Nein. Als Kind stellte ich mir vor, es könnte etwas Cooles sein. Im Hausflur wartete ich sehr lange. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, und ich dachte: Was macht er dort? Ich möchte raus und weiterspielen. Dann kam er mit einem Kellerschlüssel heraus, und wir gingen ein Stockwerk hinunter. Es war ein Mehrfamilienhaus, dessen Keller auch andere Menschen nutzten. Deshalb dachte ich, es sei nicht so schlimm.
Julia:
Er bat dich also, mit in den Keller zu gehen, obwohl du ursprünglich im Hausflur warten solltest?
Nora:
Ja. Er sagte, ich müsse ihm helfen, etwas herauszutragen.
Julia:
Was geschah im Keller?
Nora:
Er öffnete die Tür, schaltete das Licht an und sagte, ich müsse nach vorne links gehen. Als ich dorthin ging, hörte ich, wie die Tür zufiel und er sie abschloss. Der Schlüssel steckte aber noch im Schloss. Daran dachte ich die ganze Zeit.
Mein Herz raste, und ich konnte mich kaum noch bewegen. Es war wie ein Trancezustand: Panik und Adrenalin. Damals trug ich ein altes Nokia-Handy an einem Band um den Hals. Darauf war eine Kinderschutzsoftware, über die man mich orten konnte. Ich dachte: Wenn man mich orten kann, bin ich sicher. Wer würde mir etwas antun, wenn er weiß, dass man mich finden kann? Er versuchte jedoch, mich weiter nach hinten zu locken.
Julia:
Wusste er von der Ortungsfunktion oder überhaupt davon, dass du das Handy bei dir hattest?
Nora:
Es hing sichtbar vor meiner Brust. Ich glaube, er bemerkte es, aber es spielte für ihn in diesem Moment keine Rolle.
Julia:
Was passierte dann?
Nora:
Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen. Aber durch die Körperhaltung, die er vor mir einnahm, wie er an meiner Kleidung zog und was er sagte, war klar, worauf es hinauslief.
Julia:
War das eine Aufforderung?
Nora:
Er sagte: „Das wird sich jetzt komisch anfühlen.“
Ich stand wie erstarrt vor ihm und bemerkte, dass meine Hose ein Stück heruntergezogen wurde. Irgendwann war es, als würde ein Schalter umgelegt. Plötzlich dachte ich nur noch: Wir verpassen die Runde, ich muss raus, die anderen spielen weiter. Ich stürmte zur Tür, drehte den Schlüssel um, der zum Glück noch steckte, und rannte hinaus. Dann nahm ich eine Freundin und ging mit ihr weg. Mir war unfassbar übel.
Ich traute mich nicht, ihn direkt anzugehen. Ich dachte, wenn ich das täte, während er mir alles Mögliche antun könnte, wäre ich in noch größerer Gefahr. Er war ungefähr 150 Kilogramm schwer und fünf Köpfe größer als ich. Ihn zu provozieren kam nicht infrage. Ich glaubte, meine besten Chancen bestünden darin, etwas Beschwichtigendes zu sagen und zu fliehen. Bei einer Konfrontation hätte ich keine Chance gehabt.
Julia:
So geht es vielen Menschen, die sexualisierte oder andere Gewalt erleben. Die Angst davor, was passiert, wenn sie sich wehren, kann so groß sein, dass sie gar nichts tun können. Deshalb sind Vorwürfe wie „Warum hast du dich nicht gewehrt?“ so schlimm.
Nora:
Ich weiß noch, dass ich in der Situation dachte: Das, was gerade passiert, ist nicht echt. Mein Herz raste. Es ist schwer zu beschreiben. Ich konnte nichts tun, obwohl ich wusste, dass ich in Gefahr war und alles Mögliche passieren könnte. Im schlimmsten Fall hätte er mich dort umbringen können, ohne dass es jemand mitbekam. Vielleicht waren die anderen längst weg und hatten gar nicht bemerkt, dass ich mit ihm ins Haus gegangen war.
Julia:
Das war erneut eine Situation völliger Hilflosigkeit.
Nora:
Ja. In dem Moment, in dem der Schalter umgelegt wurde, hatte ich keine Kontrolle darüber, wie ich mich entschied. Plötzlich reagierte ich automatisch: irgendetwas sagen und raus.
Julia:
Es ist sehr gut, dass du entkommen konntest. Trotzdem hatte dieses Erlebnis starke Auswirkungen auf dich. Wie bist du danach damit umgegangen?
Nora:
Der Umgang danach war sehr schwer. Als ich zu meinen Großeltern zurückkam, wartete meine Mutter dort bereits mit einer Freundin und deren Sohn. Wir wollten irgendwohin fahren. Zuerst bekam ich Ärger, weil ich Ende Oktober nur mit einem T-Shirt draußen gewesen war. Ich dachte: Ja, ich bereue es jetzt auch. Schließlich hatte der Mann mir wegen dieses T-Shirts seine Jacke gegeben. Ich glaubte, das Shirt sei schuld.
Ich zog den dicksten Rollkragenpullover und den längsten, hässlichsten Cordrock an, den ich finden konnte – zwei Sachen, die ich vorher nie tragen wollte. Dazu nahm ich eine dicke Strumpfhose und eine Kreuzkette, weil ich dachte, sie könne mich schützen. Gleichzeitig fühlte ich mich ekelhaft und schmutzig. Es war, als hätte man mir in den Magen geschlagen, und dieses Gefühl verschwand lange nicht. Ich glaubte, ich müsse mich irgendwie reinigen.
Julia:
Du hast also versucht, dich durch deine Kleidung zu schützen.
Nora:
Ja. Es war eine Mischung aus Buße, Reinigung und Schutz – alles, was sich in diesem Moment irgendwie sicher anfühlte. Meiner Mutter davon zu erzählen, kam für mich auf keinen Fall infrage.
Julia:
Du hattest gelernt, dass man über solche Dinge nicht spricht.
Nora:
Außerdem glaubte ich, ich hätte es besser wissen müssen.
Julia:
Du hast dir selbst die Schuld gegeben.
Nora:
Ja. Ich war überzeugt, dass ich großen Ärger bekommen würde, wenn ich es meiner Familie erzählte. Man hatte mir schließlich immer wieder erklärt, wie ich mich verhalten sollte. Ich dachte: So dumm bin ich doch eigentlich nicht. Aus Angst vor Ärger behielt ich alles zunächst für mich.
Julia:
Wie reagierte deine Mutter auf die plötzliche Veränderung deiner Kleidung?
Nora:
Ich glaube, sie wunderte sich nur, dass ich plötzlich Dinge anzog, die ich vorher überhaupt nicht tragen wollte. Sie sagte vielleicht, dass es süß aussehe. Die Veränderung fiel ihr damals nicht besonders auf, weil sie selbst noch stark von der gewalttätigen Beziehung geprägt war.
Nach Jahren in extremer Anspannung ist es, als hätte man einen Krieg durchlebt. Wenn dieser Krieg plötzlich vorbei ist, darf man zusammenbrechen, ohne es weiter verbergen zu müssen. Diese Erschöpfung holte meine Mutter ein. Deshalb bemerkte sie nicht, was sich bei mir veränderte.
Julia:
Im Rückblick gab es dennoch Anzeichen. Worauf könnte man bei Kindern achten, die sexualisierte Gewalt erlebt haben?
Nora:
Es gibt viele mögliche Anzeichen, die je nach Kind und Situation sehr unterschiedlich sind. Dazu kann Bettnässen gehören, was bei mir nicht der Fall war. Manche Kinder achten übermäßig auf ihre Körperhygiene, andere vernachlässigen sie. Bei mir wurde es nicht extrem, aber ich versuchte zunächst, nicht gut auszusehen, und wusch mich gleichzeitig sehr häufig.
Besonders deutlich wurden die Auswirkungen beim Schlafen. Bei meinen Großeltern hatte ich seit meinem dritten oder vierten Lebensjahr ein Kinderbett in ihrem Schlafzimmer. Nach dem Vorfall konnte ich dort nicht mehr schlafen. Nachts waren die Jalousien offen, und das Fenster zeigte in Richtung des Hauses des Täters. Obwohl meine Großeltern friedlich schliefen, fühlte ich mich ekelhaft und widerlich. Das Fenster erinnerte mich an das Erlebte, als würde es mich verfolgen. Mir wurde jedes Mal übel. Deshalb nahm ich Decke und Kissen, legte mich auf die Couch im Wohnzimmer und schlief nie wieder in diesem Zimmer.
Julia:
Hat das niemand hinterfragt?
Nora:
Nein. Man dachte vermutlich, ich würde älter und wolle nicht mehr bei meinen schlafenden Großeltern im Zimmer liegen.
Julia:
Wie wirkte sich das Erlebnis später in der Schule und im Umgang mit anderen Menschen aus?
Nora:
Der Kontakt zu anderen fiel mir sehr schwer. Ich wollte immer dazugehören, wusste aber, dass nach dem Erlebnis nichts mehr so war wie vorher. Es fühlte sich an, als sei mir etwas genommen worden. Zwischen mir und anderen entstand eine Distanz.
Ich fühlte mich mit Männern nicht mehr wohl, selbst mit nahen männlichen Verwandten. Allein mit meinem Opa oder meinem Onkel, der für mich wie ein großer Bruder war, im Auto zu sitzen, löste Panik aus, obwohl diese Menschen nie gefährlich für mich gewesen waren.
Ich trug außerdem ständig dieses schwere Geheimnis mit mir herum und sah den Täter weiterhin regelmäßig. Dann bekam ich heftige Panikreaktionen, teilweise in der Öffentlichkeit, und musste sie verbergen. Ich durfte mir nichts anmerken lassen. Es war, als sei danach alles ein Stück weit entzaubert gewesen.
Julia:
Hat sich auch dein Kleidungsstil verändert, weil du dich in der Schule schützen wolltest?
Nora:
In der fünften und am Anfang der sechsten Klasse wollte ich noch wie die beliebteren Mädchen sein, hübsch und angepasst. Gleichzeitig traute ich mich nicht, das wirklich auszuleben, weil ich keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen wollte. Dann holten mich die Erlebnisse wieder ein, und etwas sehr Depressives kam hoch. Der einzige Weg aus diesem Loch war für mich, mein Selbstbild erneut anzupassen und mich darin sicher zu fühlen.
In den Sommerferien vor der siebten Klasse veränderte ich meinen Stil und kleidete mich wie ein Junge. Meine langen blonden Haare ließ ich sehr kurz schneiden, ungefähr wie die damalige Justin-Bieber-Frisur. Ich sah so überzeugend männlich aus, dass mich die neue Rektorin am ersten Schultag für einen Jungen hielt. Das gab mir sehr viel Sicherheit.
Julia:
Wie hast du dich in dieser Zeit gefühlt?
Nora:
Ich traute mich wieder leichter auf die Straße und fühlte mich wirklich wohl. Es war, als könnte ich jemand anderes sein und hätte mehr Kontrolle über meinen Körper, darüber, wie mich Menschen sahen, und damit auch darüber, wie viel Schutz ich hatte.
Ich sah mich damals nicht als transident. Für mich fühlte es sich eher wie ein Cosplay an, das ich im Alltag trug.
Julia:
Viele Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, beginnen, sich zu verstecken – manchmal auch hinter einer anderen Identität. Nach meiner eigenen Erfahrung trug ich zum Beispiel sehr weite Kleidung, um möglichst keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.
Nora:
Natürlich erleben auch Jungen sexualisierte Gewalt. Das möchte ich nicht herunterspielen. Ich war aber in einem kindlichen Körper, der langsam in die Pubertät kam, und wollte die Blicke von Männern von mir abwenden. Ich wollte nicht, dass sie mich so ansahen und dadurch auf bestimmte Ideen kamen. Für mich fühlte es sich an, als hätte ich dieses Problem nicht mehr, wenn ich mich männlich präsentierte. Das war eine große Entlastung.
Julia:
Hat diese Strategie tatsächlich funktioniert?
Nora:
In dieser Zeit hatte ich keine weiteren sexualisierten Erfahrungen. Dafür begann Mobbing. Ich versuchte, mich vor einer bestimmten Art von Aufmerksamkeit zu schützen. Unter Kindern und Jugendlichen ist es aber oft so: Entweder man wird früh sexualisiert, oder andere reagieren sehr gemein.
Julia:
Ganz gleich, wie man ist: Menschen, die jemanden abwerten wollen, finden häufig einen Grund.
Nora:
Einmal war ich mit früheren Kindheitsfreundinnen unterwegs. Ich hatte meine Haare unter einer Kappe versteckt und trug ein weites Shirt. Einige Jungen, die meinen Freundinnen gefielen, bewarfen mich mit Spuckekügelchen. Meine Freundinnen sahen dabei zu und hinderten mich sogar daran zu gehen. Am Ende war ich von oben bis unten nass von Spucke, und sie warfen weitere Dinge nach mir. Zum Glück konnte ich meinen Onkel zu Hilfe holen.
Als ich später wieder sauber war und meine langen Haare offen trug, waren die Jungen deutlich freundlicher. Sie sagten: „Du bist ja voll hübsch.“ Daran merkte ich den Unterschied: Wenn du den Jungen gefällst, sind sie netter. Wenn du ihnen nicht gefällst, bekommst du den Hass ab.
Hinzu kam Queerfeindlichkeit. Mädchen wollten sich ab der siebten Klasse nicht mehr mit mir in der Umkleide umziehen, weil sie mich für lesbisch hielten. Jungen sprachen abfällig über mich. Es gab Klassengruppen-Chats ohne mich, und das Mobbing wurde jahrgangsübergreifend bekannt. Bei Präventionsveranstaltungen erzählten andere plötzlich: „Das ist wie bei Nora.“ Ich wusste gar nicht, welches Ausmaß es angenommen hatte, bis jeder aus meiner Klasse eine Geschichte dazu kannte und selbst Zehntklässler mich beleidigten.
Julia:
Hattest du damals überhaupt jemanden, mit dem du reden konntest?
Nora:
Sehr wenige Menschen. Vielleicht gab es eine beste Freundin, aber auch diese Freundschaft ging auseinander. Danach hatte ich eine Zeit lang wirklich niemanden.
Julia:
Wann bist du in eine Depression gerutscht?
Nora:
Mit zwölf fing es an, wurde zwischenzeitlich besser und kam mit 13 noch einmal zurück.
Julia:
Wie schlimm war diese Phase?
Nora:
Ich veränderte meinen Stil erneut und präsentierte mich wieder etwas weiblicher. Die Depression wurde so schlimm, dass ich begann, mich selbst zu verletzen. Außerdem entwickelte ich eine Essstörung: Ich aß viel zu wenig, erbrach und wollte so dünn wie möglich sein.
Ich hielt es nicht mehr aus, ausgestoßen zu sein. Lehrkräfte sprachen mich regelmäßig darauf an, dass ich die Pausen versteckt auf der Toilette verbrachte. Ich wollte irgendwie wieder ins Leben zurückfinden, hatte aber kein Ventil.
Auch zu Hause war es sehr schwierig. Meine Mutter hatte einen Arbeitsunfall, war lange zu Hause und bettlägerig. Deshalb übernahm ich zusätzlich Aufgaben im Haushalt. Ich hatte sehr viel zu tragen. Schon vorher hatte ich mich stark in eine Onlinewelt geflüchtet, die eigene Gefahren mit sich brachte – etwa Grooming oder Inhalte, die Kinder nicht sehen sollten.
Julia:
Im Internet bist du auch auf Seiten gestoßen, die Essstörungen verherrlichten, oder?
Nora:
Ja. Man liest etwas, findet einen Link, landet auf einer Seite und denkt zunächst: Was ist das für ein Unsinn? Das ist krank. Ich war aber noch ein Kind und hatte den starken Wunsch, mich selbst endlich mögen zu können, weil ich mich abgrundtief hasste.
Julia:
Wie soll man lernen, sich selbst zu mögen, wenn man von klein auf versucht, sich zu formen, anzupassen und neu zu erfinden und dabei immer wieder negative Erfahrungen macht? Du hattest offenbar nie wirklich Ruhe.
Nora:
Nein. Entweder führte ich einen inneren Kampf und versuchte, ihn von niemandem bemerken zu lassen, oder ich konnte nicht mehr ignorieren, was geschehen war und was in mir vorging. Ich hatte geglaubt, wir hätten die Zeit mit meinem Stiefvater überlebt und nun könnte das Leben besser werden. Stattdessen wurde vieles noch schlimmer.
Auch der Kontakt zu meiner Mutter wurde schwierig. Ich war immer gern für sie da, hatte aber das Gefühl, ihr nicht mehr zu genügen. Ich erkannte sie kaum wieder. Ich wechselte zwischen meiner Mutter und meinen Großeltern hin und her, und beide Seiten versuchten teilweise, mich gegen die jeweils andere aufzubringen. Irgendwann war alles zu viel. Die Schule fühlte sich wie der furchtbarste Ort der Welt an. Mein einzig sicherer Ort waren mein Zimmer und mein Laptop.
Julia:
Was war dein tiefster Moment?
Nora:
Ich glaube, das war gegen Ende der siebten Klasse. Lange hatte ich mich sehr wacker gehalten. Dann kam der Punkt, an dem ich mir ernsthaft etwas antun wollte. Häufig hatte ich das Gefühl, sterben zu wollen. Eigentlich war es kein Wunsch nach dem Tod, sondern der Wunsch, dass das ganze Chaos und der Schmerz endlich aufhörten.
Wenn ich die Möglichkeit gesehen hätte, ein völlig anderes Leben zu führen, anders auszusehen und mit mir zufrieden zu sein, hätte ich nie daran gedacht. Der Drang zu entkommen war aber so stark, dass ich irgendwann Abschiedsbriefe schrieb.
Julia:
Irgendwann hast du mit deiner Mutter darüber gesprochen. Wie alt warst du damals?
Nora:
Das muss ungefähr zu dieser Zeit gewesen sein. Ich weiß nicht mehr genau, wie es sichtbar wurde. Ich erinnere mich aber an ein Gespräch mit ihr im Auto. Bei Autofahrten kann man manchmal besser reden, als wenn man sich zu Hause direkt gegenübersitzt.
Wir hatten einen guten Moment, der sich sicher anfühlte. Im Nachhinein tut mir meine Mutter leid: Sie fuhr entspannt mit mir am Abend Auto, und plötzlich sagte ich: „Ich muss dir etwas erzählen, aber bitte sei nicht sauer auf mich.“ Dann erzählte ich ihr von dem versuchten sexuellen Missbrauch.
Meine Mutter war geschockt, verhielt sich mir gegenüber aber sehr liebevoll. Als wir wieder zu Hause waren, weinte ich in meinem Zimmer. Es war überwältigend, alles auf einmal auszusprechen und zu wissen, dass es ihr mit dieser Information schlecht ging. Jetzt war es heraus und ließ sich nie wieder zurücknehmen. Auch meine Mutter war völlig aufgelöst.
Julia:
Habt ihr euch anschließend Hilfe gesucht? Wie hast du den Weg aus dieser schweren Zeit gefunden?
Nora:
Meine Mutter nahm Kontakt zu einer Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche auf, die auch auf traumaspezifische Anliegen ausgerichtet war. Es war keine Therapie im engeren Sinne, aber die schnellste und beste Anlaufstelle, die kurzfristig verfügbar war.
Julia:
Bei Beratungsstellen bekommt man oft deutlich schneller einen Termin und trotzdem sehr gute Hilfe. Wenn man nicht lange auf einen Therapieplatz warten kann, gibt es also weitere hilfreiche Anlaufstellen.
Nora:
Die Beraterin hatte eine ruhige und sanfte Ausstrahlung. Mit der Zeit konnte ich mich ihr öffnen. Es dauerte aber, bis ich über den versuchten sexuellen Missbrauch sprechen konnte. Das Thema war für mich weiterhin tabu. Ich kämpfte ständig damit und sah den Täter noch immer in meiner Umgebung. Die Beraterin wusste grundsätzlich, worum es ging, aber ich war noch nicht bereit. Außerdem hatte ich so viele andere Baustellen, dass ich es nicht geschafft hätte, auch dieses Thema sofort vollständig aufzuarbeiten.
Julia:
Begann dort auch dein Weg aus der Essstörung, oder gab es später andere Anlaufstellen?
Nora:
Andere Anlaufstellen gab es nicht. Der Weg dauerte eine Weile. Irgendwann war meine Mutter mit der Essstörung völlig überfordert, und es kam zu einer Eskalation. Ein Teller zerbrach, und ich sah sie vollkommen aufgelöst und erschöpft. Es war keine Wut auf mich, und sie wollte mir keine Angst machen. Sie wusste einfach nicht mehr, was sie tun konnte. Es tat ihr weh zu sehen, dass ihr Kind so litt und sich selbst schadete.
Daraufhin begann ich wieder zu essen. Dabei spielten viel Mitgefühl und auch Schuldgefühle eine Rolle. Wenn man aber erst einmal tief in einer Essstörung steckt, bleibt sie im Gehirn. Man hat sich gewissermaßen selbst einer Gehirnwäsche unterzogen, und es dauert lange, diese Gedanken wieder loszuwerden.
Julia:
War die Essstörung auch ein Thema in der Beratungsstelle?
Nora:
Gelegentlich, ja.
Julia:
Was stand dort hauptsächlich im Mittelpunkt?
Nora:
Die Essstörung verlief damals phasenweise, und ich wollte sie noch nicht vollständig aufgeben, weil sie mir zu diesem Zeitpunkt vermeintliche Vorteile brachte. Im Mittelpunkt standen eher meine Depressionen, eine vermutete posttraumatische Belastungsstörung und meine Suizidversuche. Ich schilderte diese Themen in der Beratung. Zunächst wurde alles noch einmal deutlich dunkler.
Julia:
Manchmal wird es zunächst schlechter, bevor es besser wird. Zumindest warst du in dieser Zeit nicht allein.
Nora:
Ich unterschrieb in der Beratungsstelle mehrfach ein Versprechen, mir bis zum nächsten Termin nichts anzutun. Zwei oder drei Wochen später kam ich wieder und sagte, dass ich es diesmal nicht unterschreiben könne. Da war klar: Jetzt rufen wir meine Mutter an und sprechen darüber, dass ich zunächst auf eine Akutstation komme.
Ich wollte das überhaupt nicht, wusste aber, dass ich mir selbst gerade nicht mehr vertrauen konnte. Es war surreal, als meine Mutter kam, wir gemeinsam hinfuhren und ich wusste, dass ich dortbleiben würde. Ich fühlte mich sehr schuldig. Danach wurde aber einiges besser.
Julia:
Was meintest du mit den vermeintlichen Vorteilen der Essstörung?
Nora:
Nach dem Klinikaufenthalt führte ich die Essstörung zunächst weiter. Ich schrieb auf, was ich zu mir nahm, und versuchte, so wenig wie möglich zu essen. Als ich nach Hause kam, hatte meine Mutter während meines zweiwöchigen Aufenthalts mein Zimmer vollständig renoviert. Es war wunderschön, und ich fühlte mich dort sehr wohl.
Dann besuchte mich die einzige Freundin, die ich in meiner Klasse hatte. Das Erste, was sie sagte, war: „Oh mein Gott, du bist jetzt voll dünn. Du siehst richtig gut aus. Das muss ich sofort in den Klassenchat schreiben.“ Ich fragte: „Welcher Klassenchat? Es gibt eine Klassengruppe? Ich bin nicht darin.“
Ein Teil von mir wusste, dass mein Verhalten falsch war, mir schadete und mit sehr viel Leid verbunden war. Gleichzeitig bekam ich plötzlich Anerkennung – das war ein vermeintlicher Vorteil. Es war bittersüß. Einerseits dachte ich: Gut, wenigstens ein Vorteil. Andererseits fragte ich mich: Warum seht ihr nicht, wie schlecht es mir geht? Warum fragt niemand nach? Warum werde ich wieder nur auf mein Äußeres reduziert?
Ein weiterer vermeintlicher Vorteil war das Gefühl von Selbstkontrolle und Disziplin. Wenn ich die Dinge um mich herum nicht kontrollieren konnte, konnte ich wenigstens das kontrollieren. Später wurde es zunächst besser und dann erneut schlechter. Es folgte ein weiterer zweiwöchiger Aufenthalt auf einer Akutstation der Kinder- und Jugendpsychiatrie, weil ich merkte, dass es wieder gefährlich wurde.
Die Station war kein schöner Ort. Sehr hilfreich waren aber die Kontakte zu anderen Gleichaltrigen. Die Auszeit und das Gefühl, von Menschen verstanden und nicht verurteilt zu werden, gaben mir viel. Es spielte keine Rolle, wie man aussah oder welche Eigenheiten man hatte. Wir waren in diesen zwei Wochen zusammengeschweißt. Damit endete allmählich das sehr dunkle Kapitel meiner Teenagerjahre. Einige Jahre später beendete ich auch die Beratung.
Julia:
Irgendwann endete zum Glück auch die Schulzeit. Danach hast du dich bewusst für einen Beruf entschieden, in dem du Menschen das gibst, was dir in deiner Kindheit gefehlt hatte: Hilfe. Wie kam es dazu?
Nora:
Das war nur möglich, weil viele Menschen an meiner Heilung beteiligt waren: die Beraterin, mein Psychiater, der mir Antidepressiva verschrieb, und besonders meine Mutter. Unser Kontakt wurde mit der Zeit immer besser. Natürlich blieb es manchmal schwierig. Ich war ein pubertärer Teenager, und meine Mutter war selbst weiterhin stark belastet. Solche Erfahrungen überwindet man nicht schnell.
Trotzdem wurde es immer besser. Meine Mutter war eine Löwenmama. Selbst als es mir schlecht ging, stürmte sie in die Schule, ergriff Partei für mich und stand an meiner Seite. Hinzu kam mein Partner, den ich mit 15 kennenlernte und mit dem ich noch immer zusammen bin. Er gab mir eine Sicherheit, die ich vorher nicht kannte. Ich konnte ihm alles erzählen, was in meinem Leben geschehen war. Er hatte keine vergleichbare Geschichte, nutzte meine Verletzlichkeit aber nie aus. Er mochte und liebte mich so, wie ich war, und blieb auch in schwierigen Phasen bei mir. Es dauerte sehr lange, bis ich meinen Körper und mein Gesicht akzeptieren konnte. Mein Partner liebte mich, und meine Mutter bestärkte mich immer wieder.
Dass ich anderen auch beruflich helfen wollte, habe ich vor allem meiner Mutter und meinem Partner zu verdanken.
Julia:
Wie hängen die Hilflosigkeit deiner Kindheit und der helfende Mensch, der du heute bist, zusammen? Wolltest du anderen geben, was dir früher gefehlt hatte?
Nora:
Ich wusste, dass ich im psychologischen oder psychiatrischen Bereich arbeiten wollte. In meinem eigenen Kopf herrschte durch die Belastungen und Traumata lange Chaos. Während der Beratung entstand mein Wunsch, später selbst einer Person so zuhören zu können. Ich wollte Halt und einen geschützten Raum bieten und gemeinsam schauen, wie sich schwierige Phasen überstehen lassen.
Julia:
Und wie man sie vielleicht etwas leichter machen kann?
Nora:
Genau. Die Beratung heilte mich nicht vollständig. Sie trug mich, verhinderte das Schlimmste und machte viele Dinge erträglicher. Dadurch wurde nicht alles leicht, aber es gab wenigstens eine verlässliche Konstante. Das half mir sehr.
Julia:
Wird es dir manchmal zu viel, so vielen Menschen helfen zu wollen?
Nora:
Manchmal. Ich habe mich für Soziale Arbeit entschieden und arbeite selbst in einer Beratungsstelle. Ich bin sehr gern für meine Freunde da, politisch aktiv und ehrenamtlich engagiert. Ich mache sehr viel.
Julia:
Und du hast zusätzlich einen Nebenjob.
Nora:
Ja. Manchmal wird es viel, besonders wenn schlimme Dinge geschehen und man trotzdem weitermachen muss, weil andere weiterhin Unterstützung brauchen. In der Beratung versucht man einzelnen Menschen zu helfen, gesellschaftlich und politisch möchte man ebenfalls etwas bewegen, und zugleich will man Freundschaften pflegen.
In meiner eigenen Geschichte gab es viele Punkte, an denen auch die Gesellschaft versagt hatte. Wir waren von Armut betroffen, uns wurde mehrfach der Strom abgestellt, und viele Dinge konnten meine Mutter und ich uns nicht leisten. Hinzu kam die Migrationsgeschichte unserer Familie. Deshalb möchte ich gesellschaftlich etwas verändern und das Leben einzelner Menschen verbessern.
Früher fragte ich mich, wofür es sich überhaupt lohnen könnte weiterzumachen. Meine Hoffnung war, irgendwann erwachsen zu sein und in einer Welt und einem Zuhause zu leben, in denen ich mich sicher und geborgen fühle, in denen es liebevoll ist und man aufeinander achtet. Ich wollte für andere da sein und unbedingt verhindern, dass besonders Menschen, die mir nahestehen, sich so fühlen wie ich damals. Wenn ich das auch für Menschen tun kann, die mir nicht nahestehen – beruflich oder politisch –, dann sehr gern.
Julia:
In dieser langen Aufzählung fehlt eine Person: Wo kommst du selbst darin vor?
Nora:
Das ist gemein. Ja.
Julia:
Kommst du manchmal zu kurz, weil du so viel für andere tust?
Nora:
Manchmal merke ich es. Mir fällt es schwer, Grenzen zu setzen. Einerseits genieße ich mein aktives Leben und die vielen Möglichkeiten – besonders, wenn ich daran denke, wie ich als depressives Mädchen ohne soziale Kontakte in meinem Loch gefangen war. Heute kann ich ganz anders sein und komme meiner damaligen Traumvorstellung davon, wie ich später leben wollte, sehr nahe.
Grenzen zu setzen fällt mir trotzdem schwer. Ich möchte Erwartungen erfüllen. Wenn man lange für andere da ist und viel übernimmt, gewöhnen sich Menschen daran. Sobald man dem nicht mehr vollständig gerecht werden kann und Abstriche machen muss, soll man sich manchmal rechtfertigen. Nicht jeder sagt dann: „Wir verstehen, dass du Zeit für dich brauchst.“ Manche reagieren auch nachtragend.
Julia:
Kein Mensch hat unendlich viel Energie. Irgendwann brauchst auch du eine Pause oder gerätst in eine Tiefphase. Wie gehst du damit um?
Nora:
Manchmal weiß ich das selbst nicht richtig, weil die Erschöpfung mich einholt, ohne dass ich es sofort bemerke. Sie entwickelt sich unterschwellig über Monate. Irgendwann fällt es mir sehr schwer, überhaupt aus dem Bett zu kommen oder das Haus zu verlassen. Pläne, auf die ich mich eigentlich gefreut hatte, fühlen sich plötzlich nur noch belastend an. Ich bin unzufrieden, wenn ich nur daliege, aber auch damit, so viel zu tun.
So entwickelte ich zeitweise eine Angststörung, konnte kaum schlafen und befand mich in ständiger Anspannung. Mein Partner und meine Mutter waren in dieser Phase wichtige Anker. Selbst in Nächten voller Panik, Angst, starker körperlicher Symptome und Schlaflosigkeit wusste ich, dass ich zu einem von beiden gehen konnte. Sie waren für mich da und bildeten die letzte Verbindung zu einer Realität, die ich selbst beinahe verloren hatte. Nachdem es so schlimm geworden war, versuche ich heute stärker auf die Signale meines Körpers zu hören.
Julia:
Und wer achtet auf dich?
Nora:
Ich hatte nicht erwartet, dass mich meine Vergangenheit im Erwachsenenalter noch einmal so stark psychisch treffen würde. Ich dachte, das meiste sei überstanden und alles sei geklärt. Dann kam es doch wieder.
Heute ist es mir viel wichtiger, auf mein Körpergefühl zu hören. Es fällt mir weiterhin nicht leicht, über meine Probleme zu sprechen. Ich sehe mich als stark und möchte vieles nicht an mich heranlassen oder meine Gefühle offen mitteilen. Ich habe mich daran gewöhnt, die Person zu sein, zu der andere kommen, um sich auszusprechen – ein Wegweiser und nicht diejenige, die selbst Hilfe sucht.
Inzwischen merke ich, wie gut es tut, gegenüber Freunden ehrlich über meine Ängste und meinen aktuellen Zustand zu sein. Dadurch habe ich noch mehr Liebe und Wertschätzung für sie gewonnen, weil ich erfahren habe: Ich werde nicht im Stich gelassen, wenn es mir schlecht geht.
Julia:
Auch nicht, wenn du einmal weniger leistest.
Nora:
Genau. Ich muss nicht immer für alles bereitstehen. Ich darf auch die Person sein, die Hilfe braucht. Das bedeutet nicht, dass ich hilflos oder verloren bin. Es bedeutet nur, dass ich Unterstützung brauche – und die kann eine Gemeinschaft am besten geben.
Ich weiß, dass ich nicht die Welt verändern und niemanden retten kann. Das möchte ich mir auch nicht anmaßen. Ich will einfach versuchen, etwas ein Stück weit besser zu machen.
Julia:
Das tust du auch. Wir haben von vielen schwierigen Erfahrungen in deiner Kindheit, Jugend und auch im Erwachsenenalter gehört. Was möchtest du Menschen sagen, die etwas Ähnliches erleben oder erlebt haben?
Nora:
Ich möchte ihnen sagen, dass sie die Hoffnung nicht verlieren sollen. Man darf und sollte davon träumen, wie die eigene Zukunft aussehen und wie man leben möchte. Es kann tatsächlich so kommen. Natürlich verlangt der Weg viel Stärke und bringt viele schwierige Situationen mit sich. Oft lohnt es sich aber, sie bis zum Ende durchzustehen, weil es so viel besser werden kann, als man erwartet hätte. Man kann es nur herausfinden, wenn man versucht weiterzukämpfen.
Solche Erfahrungen sind häufig mit großer Scham verbunden. Viele Menschen können sie vielleicht nicht nachvollziehen. Das kann einen verhärten und dazu führen, dass man niemanden mehr an sich heranlassen möchte. Trotzdem lohnt es sich, Nähe zuzulassen. Durch die eigenen Erfahrungen kann man häufig mehr Verständnis für Menschen aufbringen, die Ähnliches durchmachen. Am besten unterstützt man sich gegenseitig. Man muss es nicht allein schaffen. Es ist etwas sehr Schönes, eine Gemeinschaft und Menschen zu finden, die einen verstehen.
Julia:
An welchem Punkt deiner Geschichte hättest du Menschen empfohlen, sich Hilfe zu suchen?
Hilfe kann auch bedeuten, mit irgendeiner vertrauten Person zu sprechen. Es muss nicht sofort professionelle Hilfe sein.
Nora:
Sobald man merkt, dass etwas passiert, das sich nicht richtig anfühlt. Man sollte sich nicht zwingen zu denken: Das wird schon. Man sollte sich nicht ständig beschwichtigen oder ablenken. Wenn das Bauchgefühl sagt, dass etwas nicht in Ordnung ist, man sich unsicher fühlt und die schlechten Gefühle nicht mehr loswird, sollte man es jemandem mitteilen.
Es muss nicht die Person sein, von der man glaubt, sie müsse es zuerst erfahren. Es muss nicht immer ein Elternteil sein. Es kann irgendein Mensch sein, dem man vertraut und bei dem man sich sicher fühlt. Aber man sollte darüber sprechen. Niemand verlangt oder möchte, dass man solche Dinge vollständig allein durchsteht.
Julia:
Und wenn jemand keine solche Person hat?
Nora:
Dann gibt es Beratungsstellen. Sie arbeiten vertraulich, sind anonym und kostenlos.
Julia:
Wenn du deinem jüngeren Ich heute begegnen könntest: Was würdest du ihm sagen oder geben? Was hättest du damals gebraucht?
Nora:
Oh Gott, da werde ich emotional.
Ich würde sagen: Ich sitze gerade in meiner wunderschönen ersten eigenen Wohnung. Ich habe einen Partner, den ich unendlich liebe und der mich unendlich liebt. Ich bin mit meinem Aussehen zufrieden. Wir haben einen Beruf, den wir sehr mögen und für den wir uns richtig den Arsch aufgerissen haben. Gerade höre ich Freunde von mir in einem anderen Zimmer einen Film schauen, lachen und sich unterhalten. Ich fühle mich so sicher.
Für dieses Gefühl wird es sich lohnen, alles durchzustehen und den Glauben daran nicht zu verlieren, dass es irgendwann besser werden kann. Dieser Zeitpunkt wird kommen. Gib nicht auf. Du bist genau richtig, so wie du bist.
Julia:
Ich würde dein früheres Ich auch ganz fest in den Arm nehmen. Was du alles durchstehen musstest, darf man nicht unter den Tisch fallen lassen. Es ist unglaublich stark, dass du heute davon erzählt hast, obwohl es um sehr schwere Dinge geht.
Vielleicht nehmen wir aus diesem Gespräch vor allem eines mit: Für andere da zu sein kann etwas Schönes sein, aber man darf sich dabei selbst nicht vergessen. Danke, dass du heute da warst.
Nora:
Danke, dass ich da sein durfte.
Hinweis zur Anonymität: Der Name der interviewten Person wurde auf eigenen Wunsch geändert. „Nora“ ist ein frei gewählter Name.
ANLAUFSTELLEN UND HILFE
Sozialpsychiatrisches Zentrum Amberg
Paulanergasse 18, 92224 Amberg
09621 3724-0
Beratung & Unterstützung bei psychischen Belastungen, Erkrankungen, Krisen & schwierigen Lebenssituationen.
medbo Amberg – Psychiatrische Institutsambulanz & Tagesklinik
Marienstraße 12, 92224 Amberg
09621 91666-8350
Psychiatrische Behandlung & Krisenhilfe, ambulant & teilstationär.
Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen Amberg
09621 101399 · selbsthilfegruppen@amberg.de
Unterstützt bei der Suche nach passenden Selbsthilfegruppen in Amberg & der Region.
Krisendienst Psychiatrie Bayern
0800 655 3000 · rund um die Uhr · kostenlos
Unterstützung bei psychischen Krisen & seelischen Notlagen, auch für Angehörige & Bezugspersonen.
TelefonSeelsorge
0800 1110111 · 0800 1110222 · 116 123
rund um die Uhr
Kostenlos & anonym. Telefon, Chat & Mail möglich.
Nummer gegen Kummer
116 111 · kostenlos & anonym
Beratung für Kinder & Jugendliche bei Sorgen, Ängsten, Konflikten, Mobbing, Missbrauch, Essstörungen, Depressionen & Sucht.
SkF Amberg – Fachstelle für sexualisierte Gewalt
Haager Weg 15, 92224 Amberg
09621 4872-18
Beratung bei sexualisierter Gewalt, sexuellem Missbrauch & Belästigung – vertraulich, kostenlos & auf Wunsch anonym.
Notruf für Frauen & Mädchen:
09621 22200 · rund um die Uhr
Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch
0800 22 55 530 · kostenlos & anonym
Beratung bei sexuellem Missbrauch in Kindheit & Jugend – auch bei Verdacht, Unsicherheit oder einem unguten Gefühl.
WEISSER RING – Opfer-Telefon
116 006
Kostenlose Hilfe & Beratung für Menschen, die Opfer jeglicher Straftaten geworden sind.
Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“
116 016 · rund um die Uhr · kostenlos & anonym
Beratung bei körperlicher, psychischer & sexualisierter Gewalt.
Notfallseelsorge Amberg-Sulzbach
09621 493320
Unterstützung für Menschen nach einem außergewöhnlich belastendem Ereignis
