Bunte Innenwelten
Wenn zu wenig nie genug ist
Wie entsteht eine Essstörung eigentlich & woran merkt man, dass sie immer mehr Kontrolle über das eigene Leben übernimmt? Mara erzählt von ihren ersten Erfahrungen, ihrer schwersten Phase, ihrer Klinikzeit & den Schritten, die ihr geholfen haben, wieder zurück ins Leben zu finden.

Julia:
Wenn du an die Zeit zurückdenkst, in der deine Essstörung angefangen hat: Wie hat das Ganze eigentlich begonnen? Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass Essen, Gewicht oder dein Körper für dich zu einem Problem werden?
Mara:
Ich war als Kind schon immer jemand, der gerne gegessen hat. Im Kindergarten hat man das nie am Körper gemerkt, weil ich mich so viel bewegt habe den ganzen Tag. Dann bin ich in die Schule gekommen und man saß den ganzen Tag. So habe ich zugenommen und war dann einfach im Kindesalter sehr übergewichtig, so in der Grundschule und am meisten dann in der 4. Klasse. Dann habe ich angefangen, mit Unterstützung meiner Mama eine Diät zu machen. Damals hat man schon gemerkt, dass ich da sehr ehrgeizig war.
Julia:
Wie hat sich dein Verhalten danach verändert? Gab es irgendwann einen Punkt, an dem du gemerkt hast: Das ist jetzt nicht mehr einfach nur ein bisschen auf meine Ernährung achten?
Mara:
Es war mehr ein Verlauf so im Laufe meiner Jugend. Ich habe mir einfach immer viel zu viele Gedanken darum gemacht, wie viel ich esse, und wollte immer abnehmen, weil ich das Gefühl hatte, dass ich zu viel bin, und habe mich ganz viel mit anderen verglichen. So richtig gemerkt, dass das nicht normal ist, habe ich recht spät, glaube ich. Für mich war das dann einfach mein normaler „Zustand“, ich kannte es nicht anders. Irgendwann habe ich dann rausgefunden im Internet, dass es sowas wie Essstörungen gibt. Da habe ich mir dann schon gedacht, dass das auf mich zutreffen könnte. Aber gesprochen habe ich da mit niemandem drüber. Ich war mir auch überhaupt nicht sicher. Ich war damals auch im Normalgewicht und dachte eh, so schlimm kann es nicht sein.
Julia:
Wie hat sich die Essstörung dann im Laufe der Zeit entwickelt und welchen Stellenwert hat sie irgendwann in deinem Leben bekommen?
Mara:
Gerade dass meine Probleme mit dem Essen damals, als ich in der Klinik war, am Anfang überhaupt nicht beachtet wurden, hat bei mir im Kopf dazu geführt, dass sich der Gedanke manifestiert hat, dass man deutlich sichtbar zu wenig sein muss, also im Untergewicht sein muss, um ernst genommen zu werden mit dem Thema. Das hat dazu geführt, dass ich immer weniger gegessen habe und irgendwann versucht habe, auf alles zu verzichten und eher nur zu essen für andere bzw. so, dass sich niemand Sorgen macht. Im Kopf ging es dann ständig nur darum, nichts essen zu dürfen oder wie viel Kalorien das, was man isst, genau hat.
Julia:
Wann hast du zum ersten Mal versucht, dir wegen der Essstörung Hilfe zu holen – und wie hast du diese ersten Behandlungsversuche erlebt?
Mara:
So richtig bewusst mir selber Hilfe geholt habe ich, glaube ich, nie. Ich bin mit 17 damals in die Klinik gekommen. Da habe ich dann das erste Mal darüber gesprochen. Aber wie gesagt, ich hatte da nicht so richtig das Gefühl, dass es ernst genommen wird.
Julia:
Du warst auch in der Klinik. Wie hast du diesen Aufenthalt erlebt und was ist dir davon besonders in Erinnerung geblieben?
Gab es Situationen, in denen du eigentlich dringend Behandlung gebraucht hättest, sie aber trotzdem nicht bekommen hast?
Mara:
Am Anfang war ich dort etwas überfordert mit der Situation. Ich habe nicht wirklich über irgendwas gesprochen. Meine Therapeutin dort war aber total lieb und wollte mir helfen und hat sehr gebohrt in mir und nach und nach konnte ich mich immer mehr öffnen. Ich habe dann nach und nach gelernt, was Emotionen überhaupt sind und wie sich was anfühlt und dann sind erstmal auch alle Emotionen aus mir rausgekommen. Das habe ich sehr stark gemerkt und von außen war das auch nicht zu übersehen, dass es in mir quasi gesprudelt hat mit Emotionen. Für mich war positiv, dass gerade meine erste Therapeutin in der Klinik und meine Bezugspflege dort sich sehr viel Mühe gegeben haben, mir zu helfen und mir das Gefühl gegeben haben, sich wirklich für mich zu interessieren. Es war schön zu wissen, jederzeit jemanden zu haben, wenn man Probleme hat oder über irgendwas reden will oder Ablenkung braucht. Ich habe in der Klinikzeit auch viele kreative Dinge entdeckt, die mir Spaß machen. Zum Beispiel bin ich durch den Klinikaufenthalt auf Aquarellmalerei gekommen, was total schön ist und was ich auch bis heute noch mache. Was mich aber auch geprägt hat in der Klinikzeit, ist eben der Umgang mit meiner Essproblematik. Es wurde erst mehr darauf geachtet, als ich im Laufe meines Klinikaufenthalts an Gewicht verloren habe, was in meinen Augen ziemlich traurig ist, da es genau das bestätigt, was so schlimm für Essgestörte ist. Viele haben das Gefühl, sie müssen erst sehr krass im Untergewicht sein und quasi fast zu Staub zerfallen, um überhaupt den Anspruch auf Hilfe zu haben und um überhaupt krank genug zu sein. Meine Erfahrung würde das leider nur bestätigen. Mich hat das sehr geprägt und nachhaltig negativ beeinflusst. Diese Erfahrung wünsche ich niemandem.
Julia:
Wie sieht ein ganz normaler Tag aus, wenn die Essstörung besonders viel Raum in deinem Leben einnimmt?
Mara:
Ja, also in meiner schlimmsten Phase habe ich halt im Prinzip einfach versucht, den ganzen Tag nichts zu essen, und wenn ich was gegessen habe, dann habe ich alles genau abgewogen oder es war einfach extrem wenig. Und ich bin ganz oft spazieren gegangen, um mehr Kalorien zu verbrauchen. Aber im Kopf hat sich den ganzen Tag alles nur um nicht essen oder essen gedreht.
Julia:
Gab es irgendwann einen Punkt, an dem du gemerkt hast, dass die Essstörung nicht mehr nur dein Essen oder dein Gewicht bestimmt, sondern eigentlich immer mehr Bereiche deines Lebens?
Mara:
Es gab nie wirklich einen Punkt, an dem ich das gemerkt habe. Es war vielmehr so, dass es nach und nach einfach immer mehr Raum eingenommen hat. Das habe ich nicht wahrgenommen, weil sich ja nie was von einem auf den nächsten Tag geändert hat, sondern es vielmehr ein schleichender Prozess war.
Julia:
Was hat die Essstörung körperlich mit dir gemacht? Gibt es Folgen, mit denen du bis heute zu kämpfen hast?
Mara:
Da hatte ich tatsächlich ziemlich Glück, weil mein Körper sehr robust ist. Ich hatte eine Zeitlang ziemlich mit Wassereinlagerungen zu kämpfen, das war ziemlich nervig, ist aber heute schon viel besser und eher nur noch selten. Ansonsten habe ich bis heute meine Periode nicht. Was das für eine Frau bedeutet, ist, denke ich, klar. Man kann nie sagen, ob sich der Körper in der Hinsicht regeneriert. Ist von Körper zu Körper unterschiedlich. Manche bekommen ihre Regel nie wieder, bei manchen kommt sie irgendwann wieder. Ansonsten habe ich eigentlich keine körperlichen Beschwerden, die ich auf die Essstörung zurückführen würde.
Julia:
Du hast irgendwann angefangen zu merken, dass es so nicht weitergehen kann. Was war der Punkt, an dem sich bei dir etwas verändert hat?
Mara:
Das war, als ich alleine in meiner eigenen Wohnung gelebt habe. Damals war ich extrem im Untergewicht und ich habe mich körperlich sehr, sehr schwach gefühlt, alles war anstrengend, mir ging es gar nicht gut. Und ich hatte gar keine sozialen Kontakte, außer meiner Mama. Ich habe mich ihr dann geöffnet und das war das Schlaueste, was ich je getan habe. Es hat sehr viel verändert, gerade in der Beziehung zu meiner Mum. Dafür bin ich unendlich dankbar.
Julia:
Was hast du dann konkret verändert oder ausprobiert, um aus diesem Kreislauf herauszukommen?
Mara:
Der erste Schritt war, wie gesagt, das Gespräch mit meiner Mutter. Und dann habe ich erstmal versucht, mehr zu essen. Meine Mama hat mich dabei unterstützt. Wir haben damals auch gemeinsam auf mein Gewicht geschaut und es war der erste Schritt in Richtung Besserung. Der nächste war dann auch, zu beschließen, wieder zu meinen Eltern zu ziehen, um nicht alleine zu sein. Das war damals ein großer Schritt für mich, aber definitiv die richtige Entscheidung!
Julia:
Wie geht es dir heute mit deinem Weg und mit dem Gedanken, dass jetzt mit deiner Ausbildung auch ein neuer Lebensabschnitt beginnt?
Mara:
Die Ausbildung ist für mich ein extrem großer Schritt. Für mich aber auch eine große Hoffnung, mir zu helfen, was meinen Heilungsprozess angeht. Die Ausbildung soll mir Struktur und Normalität geben. Ich denke, die Entscheidung, jetzt eine Ausbildung zu beginnen, war auf jeden Fall richtig und ich bin froh, diesen Schritt getan zu haben. Dennoch habe ich große Angst, aber ich lasse jetzt einfach alles auf mich zukommen. Ansonsten ist das Ganze, wie schon erwähnt, ein Prozess. Ich bin noch lange nicht „geheilt“ von der Essstörung. Aber es wird immer besser und einfacher, denke ich. Schritt für Schritt.
Julia:
Wenn du auf die letzten Jahre zurückblickst: Gibt es etwas, das du heute über deine Essstörung anders verstehst als damals?
Mara:
Ja, dass ich dafür nichts kann und nicht Schuld daran bin. Es ist eine Erkrankung, die sich entwickelt hat. Und ganz wichtig: Ich bin nicht alleine damit. Es gibt so, so viele Betroffene und reden hilft. Eine Essstörung muss nicht von außen sichtbar sein. Man muss reden!
Julia:
Gibt es etwas, das du über Essstörungen gerne schon viel früher gewusst hättest?
Mara:
Dass es so, so viele Betroffene gibt und man definitiv nicht alleine damit ist. Viele Menschen, von denen man es wahrscheinlich gar nicht denken würde, verstehen einen und sind vielleicht sogar selber betroffen oder kennen jemanden, der betroffen ist.
Julia:
Und gibt es etwas, das du anderen Menschen mitgeben möchtest, die vielleicht selbst in einer Essstörung stecken oder jemanden kennen, der betroffen ist?
Mara:
Zunächst einmal: REDEN!!! Man muss darüber reden, nur so kann man Hilfe bekommen. Und man muss sich absolut nicht schämen für das, was man fühlt. Eine Essstörung ist eine Krankheit und man kann nichts dafür! Und was auch sehr wichtig ist: Der Weg da raus führt da durch! Manchmal muss man Dinge aushalten, damit sie dann besser werden können!
Julia:
Gibt es etwas, worüber wir bisher noch gar nicht gesprochen haben, was dir aber wichtig wäre, dass es in diesem Interview vorkommt?
Mara:
Nein, ich denke nicht.
Julia:
Wenn du deinem jüngeren Ich heute begegnen könntest: Was würdest du ihm gerne sagen? Oder was hätte dein jüngeres Ich damals vielleicht gebraucht, was es nicht bekommen hat?
Mara:
Du bist gut, so wie du bist! Vergleich dich nicht mit anderen! Jeder ist ein Individuum und das ist schön so und auch okay so!
Hinweis zur Anonymität: Der Name der interviewten Person wurde auf eigenen Wunsch geändert. „Mara“ ist ein frei gewählter Name.
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