Bunte Innenwelten
Leben zwischen Angst
& Freiheit
Angst gehört zum Leben. Bei einer Angststörung kann sie jedoch so stark werden, dass selbst alltägliche Situationen zur Herausforderung werden. Anna erzählt, wie sich ihre Angst & Depressionen auf ihr Leben auswirken & warum sie trotzdem immer wieder Dinge wagt, die ihr Angst machen.

Julia:
Du beschäftigst dich schon länger mit deiner psychischen Gesundheit. Wenn du sagen müsstest, wo deine Geschichte beginnt, wo würdest du anfangen?
Anna:
Ich hatte schon immer Schwierigkeiten – in der Familie, zu Hause und auch mit Freunden. Anfangen würde ich ungefähr im Alter von 13 oder 14 Jahren, als ich zum ersten Mal in Therapie kam.
Bei der U14 stellte mir meine Kinderärztin Fragen zu meiner psychischen Gesundheit. Ich erzählte ihr, dass ich in der Schule und zu Hause gemobbt wurde. Für mich war das damals nichts Besonderes, sondern einfach mein Leben. Die Kinderärztin hielt eine Therapie für angebracht. Sie vermutete auch, dass ich Suizidgedanken haben könnte. Das war für mich irgendwie absurd, weil ich vorher nie darüber nachgedacht hatte. Erst dadurch kam diese Möglichkeit überhaupt in meine Gedanken.
Ich war anschließend zwei Jahre lang in Therapie. Wenn ich heute zurückblicke, merke ich, dass ich damals eine extreme Angststörung hatte, noch stärker als heute. Auch Depressionen hatte ich definitiv und habe sie noch immer. Damit kämpfe ich bis heute.
Chris:
Du sagst, dass du das damals sehr monoton und als etwas Normales erzählt hast. Was hat sich seitdem in deiner Wahrnehmung verändert?
Anna:
Für mich war es einfach mein Leben. Ich habe es hingenommen, weil ich es nicht anders kannte. In meiner Familie und meinem Umfeld ist es sehr normal, extrovertiert zu sein. Ich bin ein introvertierter und sehr leiser Mensch und wurde dafür oft fertiggemacht und ausgeschlossen. Deshalb war es für mich normal zu denken: Ich bin eben anders als die anderen. Erst durch die Therapie habe ich gemerkt, dass das, was passiert ist, nicht normal war.
Julia:
Würdest du sagen, dass du eigentlich extrovertiert bist und nur durch die Angststörung daran gehindert wirst?
Anna:
Nein, ich bin trotzdem introvertiert. Ich bin gern still. Extrovertierte Menschen sagen mir oft: „Jetzt bist du immer so still, rede doch auch mal.“ Aber ich sitze gern in Gesprächen und höre einfach zu. Das stört mich nicht. Gleichzeitig bin ich schüchtern und habe Angstzustände. Das spielt alles zusammen.
Julia:
Was ist bei dir der Unterschied zwischen gewöhnlicher Angst und einer Angststörung?
Anna:
Bei mir äußert sich die Angststörung durch starke körperliche Reaktionen. Alles fängt an, sich zu drehen, meine Arme werden taub und wenn es ganz schlimm wird, klingeln meine Ohren so stark, dass ich nichts mehr höre. Manchmal kann ich mich nicht mehr bewegen und nichts mehr machen.
Natürlich kann man auch bei gewöhnlicher Angst körperliche Reaktionen haben. Bei mir ist es in solchen Momenten aber um einiges stärker. Es ist nicht nur: „Ich habe ein bisschen Angst und möchte das nicht machen.“
Chris:
Wie häufig treten solche Zustände auf?
Anna:
Als ich an der FOS angefangen habe, bekam ich am ersten Schultag eine so starke Panikattacke, dass ich nur noch auf meinem Stuhl saß, nichts mehr hörte und sich alles drehte. Im Alltag passiert es ungefähr alle paar Wochen, dass es wirklich so extrem wird. Häufige Auslöser sind soziale Interaktionen, Präsentationen oder das Sprechen vor Menschen.
Es gibt auch alltägliche Dinge, die mir schwerfallen, zum Beispiel in einem Restaurant zu bestellen. Letzte Woche bin ich nach Nürnberg gefahren, weil ich bei einer NGO mithelfen wollte. Ich hatte schon öfter versucht, zu einem Treffen dieser NGO zu gehen, es aber wegen meiner Angst nicht geschafft. Dieses Mal freute ich mich eigentlich darauf. Kurz bevor ich losfuhr, merkte ich wieder, wie meine Arme taub wurden und sich alles drehte. Ich zog es trotzdem durch, und die Leute waren sehr nett.
Julia:
Wie gehst du damit um, wenn du die Erfahrung trotz der körperlichen Reaktionen machen möchtest?
Anna:
Ich versuche meistens, mich durchzupushen und die Reaktionen zu ignorieren. Atem- und Wahrnehmungsübungen funktionieren bei mir nicht wirklich, obwohl ich sie immer wieder versuche. Mir bleibt dann oft nur, es trotzdem zu machen. Danach bin ich meistens ziemlich fertig.
Chris:
Kannst du beschreiben, was in solchen Situationen der konkrete Angstauslöser ist?
Anna:
Nicht wirklich. Manchmal bekomme ich eine Panikattacke und schäme mich dann dafür, dass sie da ist. Dadurch wird die Panikattacke noch stärker. Das ist wie „Inception“: Eine Panikattacke in der Panikattacke.
Oft denke ich selbst: Warum habe ich davor Angst? Ich habe das doch schon hundertmal gemacht, und eigentlich ist da nichts. Umgekehrt gibt es Situationen, in denen ich normalerweise starke Angst hätte, die in diesem Moment aber plötzlich funktionieren. Das ist immer unterschiedlich.
Chris:
Kann eine Person, die mit dir unterwegs ist, erkennen, dass du gerade eine Panikattacke hast?
Anna:
Ich kann das sehr gut verbergen – zumindest denke ich das manchmal. Es gibt dieses Meme mit einer Eule: wie ich denke, dass ich während einer Panikattacke aussehe, und dann eine Eule mit riesigen Augen. Das beschreibt es ganz gut.
Julia:
Bei Panikattacken denken viele an deutliches Hyperventilieren oder andere sichtbare Zeichen. Wie sieht eine stille Panikattacke bei dir aus, und was passiert dabei in dir?
Anna:
Ich sitze oft einfach ganz still da. Das muss bei mir nicht automatisch eine Panikattacke bedeuten, weil ich auch sonst häufig still bin. Innerlich wird aber alles taub, es dreht sich, meine Ohren klingeln und ich kann nichts tun. Ich schaue nur nach vorn und muss warten, bis es vorbei ist.
Wenn mich in diesem Moment jemand anspricht, kann ich pampig werden. Mein Freund sagt manchmal, ich könne meine Reaktion trotzdem kontrollieren. Aber wenn ich gerade Panik habe, ist das nicht so. Im Nachhinein entschuldige ich mich dafür. In dem Moment funktioniert es jedoch nicht anders.
Julia:
Was wäre in einer solchen Situation eine hilfreiche Reaktion?
Anna:
Ich war einmal bei einer Gesprächsrunde und bekam eine Panikattacke. Ich versuchte, mich zu verstecken. Mein Freund wollte mich zunächst trotzdem nach vorn schieben, aber ohne, dass ich mich beteiligen sollte. Das war mir auch zu viel. Später kam eine Organisatorin zu mir und fragte, ob ich noch mitmachen wolle. Ich sagte Nein, sie antwortete einfach: „Das ist okay“, und ging wieder. Das fand ich eine gute Reaktion.
Nachfragen ist grundsätzlich in Ordnung. Es kann sein, dass man eine pampige Antwort bekommt oder ich auf die Frage, ob ich etwas brauche, nur den Kopf schüttle. Wenn ich versuche, mich zu erklären, funktioniert das in diesem Moment nicht immer, weil mein Sprachzentrum gewissermaßen herunterschaltet.
Julia:
Es wäre also hilfreich, nicht sofort zu bewerten, sondern nachzufragen und ein Nein auch anzunehmen.
Anna:
Ja. Selbst Menschen in meinem Umfeld erkennen solche Situationen nicht immer. Mein Freund hat zum Beispiel Probleme damit: Manchmal merkt er eine Panikattacke nicht, während er in anderen Situationen denkt, es sei etwas los, obwohl ich nur kurz meine Stimme angehoben habe. Auch Freunde aus meiner Kindheit würden das wahrscheinlich nicht erkennen, weil sie sich mit dem Thema nicht auskennen.
Julia:
Wie viel konntest du mit ihnen über deine Erkrankung sprechen?
Anna:
Eher wenig. Sie verstehen es oft nicht. Häufig kommt dann etwas wie: „Das musst du doch können.“ Mit einigen Kindheitsfreunden habe ich deshalb nur noch wenig Kontakt. Unsere einzige Gemeinsamkeit ist teilweise, dass wir zusammen aufgewachsen sind. Unter meinen heutigen Freunden gibt es Menschen, die sich damit auskennen, aber auch andere, denen die nötige Empathie fehlt.
Chris:
Wie empfindest du Menschen gegenüber, die kein Verständnis haben oder sich beschweren, wenn du beispielsweise wegen einer Panikattacke stehen bleibst?
Anna:
In solchen Situationen bin ich genervt, weil ein gewisses Grundmaß an Empathie vorhanden sein sollte. Außerhalb solcher Situationen versuche ich, nicht mit diesen Menschen in entsprechende Lagen zu geraten. Ich versuche aufzuklären, aber das funktioniert nicht, wenn jemand nichts lernen will.
Julia:
Du hast deinen Partner bereits mehrmals erwähnt. Wie beeinflusst deine Erkrankung eure Beziehung?
Anna:
Er versucht einerseits, sensibel zu sein, andererseits funktioniert das nicht immer. Dadurch entstehen auch Stresssituationen. Zusätzlich haben wir eine Sprachbarriere: Meine Muttersprache ist Deutsch, seine ist Spanisch, und miteinander sprechen wir Englisch. Wir beherrschen beide die Sprache gut, aber manchmal kommt trotzdem nicht richtig an, was wir ausdrücken wollen. Wenn ich eine Panikattacke habe und mein Sprachverständnis schlechter wird, muss ich meine Gedanken zusätzlich übersetzen. Das ist schwierig.
Julia:
Wie habt ihr euch kennengelernt?
Anna:
Ich bin vor dreieinhalb Jahren nach Malta gezogen. Aus Spaß schrieb ich in eine Facebook-Gruppe, ob jemand gemeinsam zur Comic-Con gehen wolle, weil ich nicht allein hingehen wollte. Er meldete sich und erzählte, dass er zwar kein Cosplayer ist, aber Cosplay-Fotograf. Er fragte, ob wir am Wochenende vor der Convention ein Fotoshooting machen wollten.
Als ich zu diesem Treffen ging, wurden meine Arme wieder taub. Ich dachte, ich hätte mir meine Angst nicht anmerken lassen, aber offenbar war es wieder wie bei dem Eulen-Meme. Später, als wir befreundet waren, sagte er mir, dass er es bemerkt hatte.
Ich hatte anfangs gar nicht erwartet, dass wir länger Kontakt haben würden. Häufig treffe ich Menschen und der Kontakt verläuft sich schnell wieder. Auf der Convention lernten wir unabhängig voneinander eine gemeinsame Freundin kennen. Dadurch entstand eine Freundesgruppe, und wir blieben in Kontakt. Zunächst waren wir befreundet, bevor wir eine Beziehung begannen.
Julia:
Wie kommt ein Mensch mit einer Angststörung auf die Idee, allein ins Ausland zu ziehen?
Anna:
Ich habe einen Hang dazu, Dinge einfach zu machen. Ich wollte schon immer aus Deutschland weg. Wenn ich zehn Jahre zurückblicke, hätte ich trotzdem gedacht, dass das niemals funktioniert. Mein zehnjähriges Ich würde sich einerseits freuen, wenn es sähe, was ich heute mache, andererseits würde es sagen: „Das können wir doch niemals.“
Ich hatte vorher schon während meines Studiums in Würzburg lange allein gewohnt und war es gewohnt, auf mich gestellt zu sein. Dann traf ich die Entscheidung, ins Ausland zu gehen.
Julia:
Du hast außerdem erzählt, dass du allein gereist bist. Wie war das für dich?
Anna:
Ich kann nervös sein und es am Ende trotzdem durchziehen. Ich habe viele Dinge gemacht, bei denen ich hinterher dachte: Bist du wahnsinnig? Ich weiß teilweise selbst nicht, wie ich das geschafft habe, aber ich bereue es nicht.
Direkt nach dem Abitur bin ich mit 19 Jahren allein nach Madagaskar gereist und habe dort freiwillig gearbeitet. Es waren andere Menschen vor Ort, teilweise auch Deutsche, aber ich war trotzdem allein auf einem anderen Kontinent. Als ich durch die Sicherheitskontrolle ging, drehte ich mich noch einmal zu meiner Familie um und dachte: „Was machst du hier eigentlich für eine Scheiße?“ Ich kehrte aber nicht um.
Ich war auch allein in der Ukraine und in Australien und bin mit Interrail durch England und Frankreich gereist. Ich habe sehr viele Dinge allein gemacht. Manchmal ist mir das sogar lieber, weil ich mich nicht darauf verlassen möchte, dass jemand anderes vielleicht irgendwann mitkommt.
Ich nenne es für mich manchmal „Schocktherapie“, wenn ich Dinge mache, vor denen ich Angst habe. Das funktioniert aber nur, wenn ich selbst auf die Idee komme. Wenn mich eine andere Person hineinschubst und sagt: „Mach das jetzt“, geht es nicht. Ich muss mir selbst sagen: Ich mache das jetzt und ziehe es durch. Häufig suche ich mir dafür eine kontrollierte Umgebung.
Julia:
Was du beschreibst, ähnelt Expositionsübungen: Man stellt sich einer Situation, die Angst auslöst und die man intuitiv vermeiden würde. Solche Übungen sollte man nicht unvorbereitet ausprobieren, sondern möglichst therapeutisch begleiten lassen. Du sagst selbst, dass du kontrollierte Umgebungen wählst und die Entscheidung von dir ausgehen muss.
Ich möchte noch einmal zu deinem jüngeren Ich zurückgehen. Du hast erzählt, dass deine Familie eher extrovertiert ist und du ruhiger bist. Wie wurde damit umgegangen, als du ein Kind warst?
Anna:
Einerseits war ich eben „die Stille“. Vor allem in meinen Teenagerjahren versuchte meine Mutter aber immer, mich auf Partys zu schicken. Das mochte ich überhaupt nicht und führte zu vielen Heulkrämpfen und viel Streit.
Einmal schloss ich mich in meinem Zimmer ein und weinte die ganze Zeit, aber meine Mutter sagte weiterhin: „Du musst jetzt auf diese Party gehen.“ In ihrem Umfeld war es normal, als Teenager auf Partys zu gehen. Sie hat bis heute manchmal die Vorstellung, dass man etwas machen muss, weil es normal ist.
Wenn ich selbst gesagt hätte: „Ich möchte auf diese Party, habe aber Angst und gehe trotzdem“, wäre das in Ordnung gewesen. Es war etwas anderes, wenn jemand sagte: „Du musst da jetzt hingehen.“
Julia:
Deine Mutter war 24 Jahre alt, als du geboren wurdest. Wie denkst du heute darüber?
Anna:
Als Kind dachte ich, mit 24 sei man alt. Heute bin ich selbst 28 und denke: Nein, das ist man nicht. Als ich vor Kurzem ein Bild gesehen habe, auf dem ich noch nicht einmal ein Jahr alt war, dachte ich wieder, dass sie schon eine sehr junge Mutter war.
.
Julia:
War es deshalb auch für dich schwierig, deine Gefühle ihr gegenüber zu äußern?
Anna:
Ja. Sie hat eine andere Vorstellung vom Leben. Ich bin sehr kreativ, gehe aber nicht groß auf Partys oder ständig mit vielen Menschen aus. Das war für sie eine Umstellung, und sie versteht es bis heute nicht wirklich. Sie freut sich zwar häufig über Dinge, die ich mache, andere Seiten an mir versteht sie aber nicht.
Julia:
Du sagst, dass du viele Hobbys hast. Was machst du alles?
Anna:
Ich bin Aerialistin, mache also Luftakrobatik und Aerial Hoop. Außerdem bin ich Cosplayerin, schneide Videos, versuche mir Nähen und 3D-Animationen beizubringen, lese und schreibe viel und mache gern Handarbeiten wie Sticken. Ich würde auch gern zeichnen können, kann es aber nicht besonders gut.
Julia:
Wie kommt man mit einer Angststörung zu einem Hobby, bei dem man auf einer Bühne steht?
Anna:
Ich mache Luftakrobatik seit ungefähr drei Jahren. Das Hobby hat mich schon immer interessiert. Irgendwann merkte ich, dass es in meiner Nähe ein Studio gab, und fing an. Überraschenderweise blieb ich dabei, obwohl ich Hobbys sonst oft beginne und wieder aufgebe.
Ich stehe tatsächlich gern auf der Bühne, weil sich das für mich anders anfühlt als eine soziale Interaktion. Es kommt darauf an, ob ich mich bei den Menschen wohlfühle. Präsentationen in der Schule gingen zum Beispiel gar nicht. In der Schule habe ich aber lange Theater gespielt und fand das sehr schön, weil ich mit Menschen zusammen war, bei denen ich mich sicher fühlte.
Bei meinem ersten Aerial-Showcase trat ich in einer Gruppe auf. Das war leichter, weil der Fokus nicht nur auf mir lag. Im vergangenen Jahr entwickelte ich für eine Charity-Show zum ersten Mal eine eigene Choreografie. Beim Training dachte ich öfter: „Was machst du hier eigentlich? Ziehst du das wirklich durch?“ Am Ende tat ich es. Während des Auftritts konzentrierte ich mich nur darauf, in der Luft das umzusetzen, was ich geübt hatte. Vorher hatte ich große Angst, aber auf der Bühne selbst waren die Zuschauer nicht mehr wichtig.
Julia:
Was bedeutet Cosplay?
Anna:
Beim Cosplay stellt man einen Charakter aus einem Buch, einer Serie, einem Anime oder einem anderen Werk dar. Viele verwechseln es mit Fasching, aber für mich ist es etwas anderes. In den Kostümen steckt oft sehr viel Arbeit. Viele nähen sie selbst, und auch gekaufte Kostüme werden häufig noch überarbeitet.
Man kann zusätzlich in die Rolle des Charakters schlüpfen, muss es aber nicht. Ich cosplaye gern Figuren, mit denen ich mich verbunden fühle. Dazu gehört eine Figur aus „Komi Can't Communicate“, die aufgrund ihrer starken sozialen Angst nicht sprechen kann und deshalb mit Zetteln kommuniziert. Wenn ich sie darstelle, kann ich einfach einen Zettel hochhalten und so tun, als wäre ich dieser Charakter.
Mein Lieblingscharakter ist Zuko aus „Avatar“, weil er selbst eine starke Identitätskrise hat und sozial etwas unbeholfen ist. Wenn ich auf einer Convention ohnehin socially awkward bin, kann ich scherzhaft sagen: „Das ist der Charakter, nicht ich.“ Manchmal spiele ich auch männliche Figuren, die Probleme mit Wut haben. Ich nenne das Emotionsbewältigung: Im Schauspiel kann ich Frustration ausdrücken.
Julia:
Wenn du heute auf die vergangenen Jahre zurückblickst: Was ist inzwischen anders als am Anfang?
Anna:
Ich kann heute viele Dinge tun, die früher nicht möglich gewesen wären. Ich habe gelernt und bin über mich hinausgewachsen. Dieses Interview hätte mir früher sehr große Angst gemacht. Wahrscheinlich wäre ich nicht einmal zu der Gruppe gekommen.
Am meisten hat mir geholfen, mich selbst Situationen auszusetzen und daraus zu lernen. Wenn ich merke, dass es mir schlechter geht und ich in einem Loch feststecke, muss ich mir sagen: Ich muss rausgehen und mit Menschen reden. Wenn ich lange nicht draußen war und in diesem Loch versunken bin, fühle ich mich wie ein Alien und kann nicht mehr mit Menschen kommunizieren. Dann muss ich es gewissermaßen wieder neu lernen.
Julia:
Was würdest du Menschen sagen, die ähnliche Ängste erleben?
Anna:
Es ist immer schwierig zu sagen: „Du musst einfach darüber hinauswachsen und es machen.“ Manchmal geht das nicht. Man muss ausprobieren und herausfinden, was einem selbst hilft. Das kann sehr viel Kraft kosten und lange dauern, aber es lohnt sich, wenn man irgendwann merkt: Das kann ich machen, und so funktioniert es für mich.
Man kann mit kleinen Dingen anfangen. Wenn man beispielsweise Angst hat, der Person an der Supermarktkasse einen schönen Tag zu wünschen, weil man denkt, man könnte dabei komisch wirken, kann man genau das einmal versuchen. Die andere Person hat es wahrscheinlich kurz darauf wieder vergessen. Oft glauben wir, Menschen würden sich noch ewig an solche Situationen erinnern.
Man kann auch eine vertraute Person mitnehmen und die Herausforderung schrittweise steigern. Wichtig ist, zu schauen, wovor man Angst hat und welcher kleine Schritt gerade machbar ist.
Julia:
Wenn du die Angststörung und die Depressionen wie einen Rucksack ablegen könntest, wofür würdest du den freien Raum nutzen?
Anna:
Ich würde wahrscheinlich mehr unter Menschen gehen und vielleicht mehr Freunde finden. In einer großen Gruppe kann ich nicht einfach eine Unterhaltung mit unbekannten Menschen beginnen. Ich weiß nicht, worüber ich reden soll. Über das Wetter zu sprechen, finde ich auch doof. Ich würde gern einfach irgendein Gespräch anfangen und auf das eingehen können, was die andere Person sagt.
Ich wäre außerdem gern professionelle Zirkusartistin. Das Auftreten selbst wäre wahrscheinlich nicht das Problem, weil ich meine Disziplin kenne und weiß, was ich mache. Schwierig wäre der Umgang mit Menschen und das Netzwerken. Das fällt mir auch im normalen Berufsleben schwer. Ich bin studierte Übersetzerin und müsste ebenfalls Kontakte knüpfen, um Aufträge zu bekommen. Das kann ich nicht gut.
Julia:
Gibt es etwas, das wir noch nicht besprochen haben und das du gern hinzufügen möchtest?
Anna:
Mir ist wichtig, dass verschiedene psychische Erkrankungen zusammenspielen können und es nicht immer nur das eine sein muss. Bei mir beeinflussen sich Angststörung und Depressionen gegenseitig. Das verstehen Menschen oft nicht.
Nicht jeder muss sich bis ins kleinste Detail einlesen. Aber die Menschen sollten versuchen, mehr zuzuhören und zu verstehen, dass andere nicht genauso sind wie sie selbst.
Julia:
Das ist wichtig. Verständnis kann entstehen, wenn Menschen zuhören, Dinge auf sich wirken lassen und wirklich Interesse daran zeigen, einander zu verstehen.
Danke, dass du heute da warst und so offen mit uns gesprochen hast.
Chris:
Danke, dass du hier warst.
Anna:
Mich hat es auch sehr gefreut.
ANLAUFSTELLEN UND HILFE
Sozialpsychiatrisches Zentrum Amberg
Paulanergasse 18, 92224 Amberg
09621 3724-0
Beratung & Unterstützung bei psychischen Belastungen, Erkrankungen, Krisen & schwierigen Lebenssituationen.
medbo Amberg – Psychiatrische Institutsambulanz & Tagesklinik
Marienstraße 12, 92224 Amberg
09621 91666-8350
Psychiatrische Behandlung & Krisenhilfe, ambulant & teilstationär.
Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen Amberg
09621 101399 · selbsthilfegruppen@amberg.de
Unterstützt bei der Suche nach passenden Selbsthilfegruppen in Amberg & der Region.
Krisendienst Psychiatrie Bayern
0800 655 3000 · rund um die Uhr · kostenlos
Unterstützung bei psychischen Krisen & seelischen Notlagen, auch für Angehörige & Bezugspersonen.
TelefonSeelsorge
0800 1110111 · 0800 1110222 · 116 123
rund um die Uhr
Kostenlos & anonym. Telefon, Chat & Mail möglich.
Nummer gegen Kummer
116 111 · kostenlos & anonym
Beratung für Kinder & Jugendliche bei Sorgen, Ängsten, Konflikten, Mobbing, Missbrauch, Essstörungen, Depressionen & Sucht.
Stiftung Deutsche Depressionshilfe & Suizidprävention
0800 3344533 · kostenlos
Informationen zu Depression, Behandlung & passenden Hilfsangeboten. Beratung für Betroffene & Angehörige.
