Bunte Innenwelten
Wenn Zuhause kein Zuhause ist
Ein Kindheitstrauma kann lange nachwirken – in Beziehungen, im Selbstbild und darin, wie man mit Veränderungen umgeht. Thea erzählt von einer Kindheit, in der sie früh lernen musste, allein zurechtzukommen.

Julia:
Wenn du deine Geschischte erzählen möchtest, wo würdest du anfangen?
Thea:
Ich denke, es hat mit dem Auszug meines letzten Geschwisterkindes und meiner Einschulung begonnen.
Julia:
Wie alt warst du da?
Thea:
Ich war sechs oder sieben Jahre alt.
Julia:
Warum sagst du, dass es damals angefangen hat? Ist etwas Einschneidendes passiert?
Thea:
Ich war ein ruhiges, schüchternes Mädchen und konnte schlecht Kontakte knüpfen. Niemand aus meinem Kindergarten kam mit mir auf die Grundschule. Das heißt, ich hatte keine Freunde. Damals wurde ich von den Jungen gemobbt und geärgert. Als ich meiner Mutter regelmäßig davon erzählte, nahm sie es nicht ernst.
Julia:
Wie würdest du deine Kindheit beschreiben?
Thea:
Nicht besonders ereignisreich, aber sehr trist und langweilig.
Julia:
Wie hast du als Kind die Beziehung zu deiner Mutter erlebt? Wie war euer Umgang miteinander?
Thea:
Als ich jünger war, fiel es meiner Mutter noch leichter, mich zu manipulieren. Nachdem meine Geschwister ausgezogen waren und es nur noch meine Mutter und mich gab, versuchte sie durch Lügen, mich von ihnen abzuschneiden. Meine Schwester ist 13 Jahre älter als ich. Als sie auszog, erzählte mir meine Mutter, meine Schwester habe mich ihr wegnehmen wollen. So stellte sie meine Geschwister in einem schlechten Licht dar.
Ich merkte erst sehr spät, dass meine Mutter manipulativ und sehr schwierig war. Dadurch hatte ich nicht viele Kontakte innerhalb der Familie und auch kaum Freunde. Ich war ein Mutterkind. Einen Vater oder eine andere Vaterfigur hatte ich nie.
Julia:
Kennst du deinen Vater?
Thea:
Nein.
Julia:
Wie geht es dir damit, dass deine Geschwister deinen Vater kannten, du aber nicht? Hast du dich dafür interessiert, wer er war?
Thea:
Meine Mutter erzählte mir oft, er sei Alkoholiker gewesen. Tatsächlich war er Lehrer für Mathematik und Geografie. Meinen Geschwistern konnte er dadurch in der Schule sehr gut helfen.
Anfang dieses Jahres bekam ich einen Brief, dass mein Vater gestorben sei und ich mich um bestimmte Dinge kümmern müsse. Ich schlug das Erbe aus, weil ich die Person nicht kannte. Von meinen Geschwistern gibt es zwei Versionen: Manche sagen, er sei ein sehr lieber Vater gewesen und habe sich im Rahmen seiner Möglichkeiten um sie gekümmert. Andererseits muss er in ihren Augen auch ein Arschloch und sehr egozentrisch gewesen sein. Ich konnte nie wirklich herausfinden, wie die Beziehung zwischen meiner Mutter und meinem Erzeuger war.
Julia:
Wenn deine Mutter dich oft manipuliert und belogen hat, fällt es dir dann schwer, ihre Version zu glauben?
Thea:
Ab dem Zeitpunkt, an dem ich mehr mit meinen Geschwistern und Großeltern darüber sprechen konnte, wie bestimmte Dinge wirklich passiert waren und nicht nur, wie meine Mutter sie dargestellt hatte, begann ich vieles aus meiner Kindheit und Jugend zu hinterfragen. Ich weiß nicht, ob sie sich ihre eigene Wahrheit erzählt, selbst daran geglaubt und sie deshalb so weitergegeben hat. Das lässt mich in der Luft hängen. Bei vielen Dingen, die mir erzählt wurden, bin ich unsicher, ob ich sie glauben kann – zumal auch meine Geschwister unterschiedliche Versionen von meinem Vater haben.
Julia:
Wie geht es dir heute damit, dass dein Vater gestorben ist und du ihn nie kennengelernt hast? Hättest du ihn gern getroffen?
Thea:
Damit habe ich mich intensiv beschäftigt. Ich bereue sehr, dass ich nie den Mut hatte, Kontakt zu ihm zu suchen. Als Kind und Jugendliche hätte ich über das Jugendamt Kontakt aufnehmen können. Man erklärte mir damals drei mögliche Ausgänge: Er kommt nüchtern zum Gespräch, was sehr unwahrscheinlich sei; er kommt betrunken, wodurch das Gespräch nicht stattfinden könne; oder er kommt gar nicht. Deshalb lehnte ich es von vornherein ab. Wahrscheinlich war ich auch noch nicht bereit, denn ich war erst acht oder neun Jahre alt.
Julia:
Alkohol war nicht nur bei deinem Vater ein Thema, oder?
Thea:
Nein. Als ich ungefähr 15 war, wollte meine Mutter Weihnachten nicht mit der Familie feiern. Sie sagte, wir würden uns ein Hotelzimmer in einer anderen Stadt suchen und dort gemeinsam feiern. Für sie war das einfacher, denn sie musste sich weder um Geschenke noch um andere Vorbereitungen kümmern. Für mich war es nicht das Weihnachten, das ich mir gewünscht hätte. Ich hätte zu meinen Großeltern fahren können, wollte aber den Ärger mit meiner Mutter vermeiden.
Zu dieser Zeit nahmen die Streitigkeiten mit meiner Mutter zu, und ich ging zum Jugendamt. Die Mitarbeiterin kannte meine Mutter, mich und meine Geschwister bereits. In einem gemeinsamen Gespräch sprach ich an, dass meine Mutter emotional instabil war und mich ihr Alkoholkonsum störte, weil sie dadurch sehr unvorhersehbar wurde. Meine Mutter begann zu weinen und stellte es so dar, als sei ich die schlimmste Tochter und würde sie vor dem Jugendamt vorführen.
Wir vereinbarten, dass sie weniger und geregelter trinken oder in eine Entzugsklinik gehen sollte. Das hielt eine Woche. Danach trank sie weiter wie zuvor. Bis zu unserem Kontaktabbruch musste ich mir diesen Vorfall immer wieder vorhalten lassen.
Julia:
Sie warf dir also vor, dass du beim Jugendamt etwas gesagt hattest?
Thea:
Genau – vor allem bei einer Frau, die sie bereits kannte.
Julia:
Was hatte dich dazu gebracht, dir beim Jugendamt Hilfe zu suchen?
Thea:
Die Ex-Frau meines ältesten Bruders bekam die Situation etwas mit und gab mir die Nummer der Mitarbeiterin. Mein Bruder kannte sie noch. Anscheinend war aufgefallen, dass es mir nicht gut ging, ich kaum Kontakt zu meiner Familie hatte, sehr zurückgezogen war, wenig sprach und selbst auf Fragen sehr kühl antwortete.
Ich hoffte, dass mir das Jugendamt notfalls eine vorübergehende Unterbringung in einem Kinderheim oder eine Form des betreuten Wohnens anbieten würde – irgendeine Möglichkeit, nicht mehr allein mit meiner Mutter leben zu müssen.
Julia:
Hast du dich zunächst nicht getraut?
Thea:
Zuerst nicht. Dann hatte ich Hoffnung, dass es besser werden könnte. Als das Gespräch so schlecht verlief, begrub ich diese Hoffnung wieder.
Julia:
Gab es einen konkreten Auslöser, nach dem du gesagt hast: So geht es nicht mehr?
Thea:
Es war kein einzelnes Ereignis, sondern eine sehr intensive Zeit. Ich glaube, die Trennung von ihrem Ex-Freund machte meine Mutter sehr depressiv. Nach der Arbeit saß sie zu Hause vor dem Fernseher und geriet in einen Trott oder Tunnelblick. Ich hatte damals keine besonders guten Noten und kaum Freunde.
Sobald ich meiner Mutter gegenüber kein fröhliches Gesicht machte, sondern ruhiger, müde oder erschöpft war, machte sie mich oft fertig – besonders beim Einkaufen. Sie fragte, wie es sein könne, dass ich mit meiner schlechten Laune ihre Stimmung herunterzog. Ihre damalige Arbeit belastete sie körperlich sehr, und gerade unter Alkoholeinfluss ließ sie ihre Frustration an mir aus. Ich hatte weder in der Schule Freunde noch nach der Schule einen Rückzugsort. Das macht etwas mit einem Menschen.
Julia:
Du warst gewissermaßen der Sündenbock für ihre schlechte Stimmung. Wie verhielt sie sich typischerweise, wenn sie getrunken hatte?
Thea:
Sie war sehr schnippisch und ging schnell von null auf hundert, wenn ihr etwas nicht passte. Sie warf nicht aggressiv mit Dingen. Aber wenn sie eine ganz normale Geschichte von der Arbeit erzählte, schaffte sie es immer, zu einem dramatischen Ereignis aus ihrem eigenen Leben oder ihrer Kindheit überzugehen. Daraus wurde ein laufender Monolog, aus dem ich nicht herauskam. Ich musste zuhören, ob ich wollte oder nicht. Widersprechen konnte ich nicht, denn dann wäre es für mich nur schlimmer geworden.
Julia:
Du konntest der Situation also nicht entkommen?
Thea:
Nein. Ich musste mir ihre Monologe anhören. Wenn wir stritten, weil ich etwas gesagt hatte, das ihr nicht passte, schrie sie mich an. Verließ ich den Raum und machte die Tür etwas lauter zu, stampfte sie hinterher und kam bis in mein Zimmer. Meistens stand ich dort fast in der Ecke, weil ich nicht weiter von ihr wegkonnte.
Sie redete auf mich ein, dass ich ein schlechtes Kind und genauso verlogen wie meine Geschwister sei. Sie habe das nicht verdient und hätte etwas viel Besseres verdient. Außerdem sagte sie, sie bereue es, uns alle gezeugt und auf die Welt gebracht zu haben.
Julia:
Was war die schlimmste Aussage, die deine Mutter dir gegenüber gemacht hat?
Thea:
Da war ich etwas älter, ungefähr 16 oder 17. Ich verletzte mich selbst, und das fiel in der Schule auf. Bei einem Elternsprechtag wurde meine Mutter darauf angesprochen. Sie stellte mich zur Rede und wollte die Wunden sehen. Weil die Situation nicht besser wurde, wurde ich immer wieder rückfällig.
Ein oder zwei Tage zuvor hatte meine Mutter das Messer gefunden, mit dem ich mich verletzt hatte. Sie warf mir vor, dass durch die Schule andere Menschen bemerkten, was zu Hause passierte, und ich sie dadurch als schlechte Mutter dastehen ließe. Egal, was ich tat, sah sie als etwas, das ihr Ansehen in der Schule beschädigte.
Ich saß oder stand damals bei meinem Bett, während sie auf mich einredete. Sie fragte, was das solle, und sagte, ich müsse damit aufhören. Wenn ich es noch einmal täte, solle ich mich einfach „totritzen“ und umbringen.
Julia:
Was hast du danach gemacht?
Thea:
Ich habe fürchterlich geweint. Weil ich keine Kraft mehr hatte, bekam ich Suizidgedanken und wollte mich in diesem Moment umbringen. Dann zog ich die Reißleine und rief eine damalige Klassenkameradin und Freundin an. Sie holte mich ab, und wir fuhren in die Stadtbibliothek. Dort setzten wir uns in eine ruhige Ecke und redeten darüber.
Ich trug einen grauen Pullover. Gemeinsam mit der Mutter meiner Freundin fuhren wir noch in eine Drogerie und kauften Fleckenentferner, damit ich ihn wieder sauber bekam. Ein blutiger Pullover hätte zu Hause noch mehr Stress bedeutet.
Julia:
Du hattest dich also sowohl davor als auch danach selbst verletzt?
Thea:
Ja, davor und danach.
Julia:
Wie reagierte die Mutter deiner Freundin auf die Situation?
Thea:
Sie war sehr überfordert, weil sie so etwas von ihrer Tochter nicht kannte. Die beiden hatten, soweit ich wusste, ein Bilderbuchverhältnis. Sie wusste, dass ich Schwierigkeiten hatte, aber nicht, wie sehr die Situation eskaliert war. Trotzdem unterstützte sie mich.
Nachdem die beiden mich wieder nach Hause gebracht hatten, sagte die Mutter, sie würden unten warten, bis ich ihr per WhatsApp schrieb, dass alles in Ordnung sei. Ich musste zurück in die Wohnung und meiner Mutter wieder begegnen. Ich ging schweigend in mein Zimmer. Die Mutter meiner Freundin wusste nicht, wie sie mir sonst helfen konnte. Sie konnte mich schließlich nicht einfach bei sich aufnehmen.
Julia:
Wenn du heute zurückblickst: Hättest du dir gewünscht, dass sie sich an das Jugendamt gewandt und versucht hätte, dich dort herauszuholen?
Thea:
Im Nachhinein hätte ich mir das wahrscheinlich gewünscht. Damals war ich aber überzeugt, dass es nur noch mehr Probleme gegeben hätte, wenn jemand von außen erfahren hätte, dass meine Mutter ein schlechter Mensch war, das Jugendamt eingeschaltet worden wäre oder ich vielleicht in ein Heim gekommen wäre. Ich glaubte, ich wäre meines Lebens nicht mehr froh geworden, wenn es wirklich dazu gekommen wäre.
Julia:
Diese Angst kenne ich aus einer ähnlichen Erfahrung. Auch ich befürchtete, meine Mutter würde erfahren, dass jemand von außen sie für eine schlechte Mutter hielt, und ich müsste die Folgen zu Hause ausbaden. In meinem Fall wandte sich die Mutter meines besten Freundes an das Jugendamt. Mit 15 entschied ich, nicht mehr nach Hause zurückzukehren, und kam in ein Kinderheim. Das war damals eine sehr plötzliche und schwere Veränderung, wurde für mich aber zur besten Entscheidung meines Lebens.
Wie ging es bei dir zu Hause weiter, nachdem du an diesem Tag zu deiner Freundin geflüchtet warst?
Thea:
Nach einem Streit redete meine Mutter oft ein oder zwei Wochen nicht mit mir. Ich bewegte mich leise durch die Wohnung, etwa um zur Toilette zu gehen. Manchmal kochte sie etwas und ließ mir davon stehen. Über diesen Vorfall sprach sie aber nie wieder.
Julia:
Das war also auch ein vollständiger Liebesentzug.
Thea:
Ja. Ich weiß nicht einmal, ob sie noch weiß, dass sie das gesagt hat, weil sie alkoholisiert war.
Julia:
Wie bist du schließlich aus dieser Situation herausgekommen? Wann hattest du zum ersten Mal Kontakt zu einer Therapeutin oder einem Therapeuten?
Thea:
Das war nach dem Gespräch mit dem Jugendamt und der Vereinbarung, dass meine Mutter ihren Alkoholkonsum regeln sollte.
Julia:
Wie viel Zeit lag zwischen dem Vorfall mit der Selbstverletzung und dem Gespräch beim Jugendamt?
Thea:
Bei dem Vorfall mit der Selbstverletzung war ich ungefähr 13 oder 14 Jahre alt. Beim Gespräch mit dem Jugendamt war ich etwa 16. Dazwischen lagen also ungefähr drei Jahre.
Julia:
Kannst du dich erinnern, warum du dich selbst verletzt hast, was du dabei gefühlt hast oder was es dir in diesem Moment gegeben hat?
Thea:
Damals war mir das nicht vollständig bewusst. Später beschäftigte ich mich intensiver damit, warum ich zu solchen Mitteln gegriffen hatte. Das größte Problem war vermutlich der starke innere Druck. Ich brauchte ein Ventil, um etwas herauszulassen und überhaupt einmal etwas anderes zu spüren.
Wenn man mit niemandem reden kann, zu Hause niemand zuhört und niemand für einen da ist, wird man hoffnungslos und findet keinen Ausweg. Dann entsteht eine innere Unruhe, die man irgendwie beruhigen muss. Für mich war die Selbstverletzung dieses Ventil.
Julia:
Spielte auch das Gefühl hinein, nicht gut genug zu sein oder dich bestrafen zu müssen?
Thea:
Ja. Mir wurde gesagt, dass ich nicht gut genug und genauso schlecht wie meine Geschwister sei. Ich war für mich selbst und für meine Mutter nie gut genug. Auch in der Schule hatte ich keine guten Noten. Das spielte definitiv eine Rolle.
Julia:
Gab es zwischen dir und deiner Mutter auch körperliche Gewalt?
Thea:
Ich erinnere mich an eine Situation im Kindergartenalter. Offenbar hatte ich meine Schuhe nicht schnell genug angezogen, und mir wurde der Hintern versohlt. Meine Mutter leugnet das. Bis in die Kindheit und frühe Jugend bekam ich auch öfter einen Schlag auf den Hinterkopf oder einen Klaps auf die Stirn. Als ich etwa 15 war, wurde das seltener. Die körperliche Gewalt sorgte aber immer wieder für Angst und war ein Grund dafür, dass ich ihr nicht nahekommen konnte und wollte.
Julia:
Haben deine Geschwister zu dieser Zeit noch bei euch gewohnt?
Thea:
Nein. Ich war allein mit meiner Mutter. Meine Geschwister lebten verteilt in Deutschland und der Schweiz.
Julia:
War es besser gewesen, als sie noch zu Hause lebten?
Thea:
Nein. Als ich geboren wurde, kümmerte sich meine Schwester um mich. Sie war damals 13 oder 14. Mein ältester Bruder lebte überwiegend in einem Kinderheim und begann später anderswo eine Ausbildung, um herauszukommen. Nachdem meine Schwester ausgezogen war, lebte ich noch mit einem anderen Bruder bei meiner Mutter. Er war neun Jahre älter als ich. Als er in die Pubertät kam, gab es viele heftige Situationen, weshalb auch er zeitweise in einem Kinderheim war.
Wirklich besser war es nicht. Die Wut und der Frust meiner Mutter verteilten sich zunächst auf drei Kinder. Irgendwann war ich allein und bekam alles ab.
Julia:
Wie liefen eure Auseinandersetzungen ab? Kamen beispielsweise viele Vorwürfe per Nachricht?
Thea:
Es gab nicht viele Nachrichten, weil ich irgendwann nicht mehr antwortete und das ohnehin zu nichts führte. Wenn wir stritten, kam ich aber kaum zu Wort. Es war ein Monolog meiner Mutter, den ich anhören musste, bis sie keine Kraft mehr zum Reden hatte und mich entließ. Es war kein Miteinander, sondern ein Gegeneinander, bei dem ich keine Stimme hatte.
Julia:
Wie veränderte sich eure Beziehung im Laufe der Jahre?
Thea:
Ich war froh, dass ich nach der Schule eine Ausbildung begann. Bei einem Studium hätte ich den Kontakt zu meiner Mutter aufrechterhalten müssen, etwa wegen bürokratischer Angelegenheiten. Ich zog aus meiner Heimat weg, weil die wirtschaftliche Lage dort nicht gut war, ich an einen anderen Ort wollte und näher bei einem anderen Teil meiner Familie leben wollte.
Anfangs war der Kontakt erstaunlich gut. Wir sahen uns regelmäßig am Wochenende und kochten gemeinsam, auch mit meinem damaligen Partner. Irgendwann kamen per WhatsApp Vorwürfe, ich hätte mich wegen meines Partners verändert. Sie schrieb, ich solle ein glückliches Leben führen und sie in Ruhe lassen. Im nächsten Moment war alles wieder vergessen. Mit der Zeit begann ich, den Kontakt abzubrechen und nur noch auf bürokratisch notwendige Nachrichten zu antworten.
Julia:
Hat die Situation mit deiner Mutter auch deine berufliche Laufbahn beeinflusst? Hättest du gern studiert und dich dagegen entschieden, weil du dann weiter von ihr abhängig gewesen wärst?
Thea:
Ich hätte sehr gern etwas Kreatives studiert, wenn die finanziellen Möglichkeiten da gewesen wären. Ich wusste aber, dass ich dann nicht selbstständig sein könnte. Wenn ich eine dreijährige Ausbildung machte, bereits währenddessen Geld verdiente und danach ausgelernt war, hätte ich einen Vorsprung und wäre von niemandem abhängig – weder von meiner Mutter noch von jemand anderem. Dann könnte ich mein eigenes Leben führen und mich von solchen toxischen Beziehungen trennen.
Julia:
Bist du heute zumindest zufrieden mit deinem Beruf?
Thea:
Nicht wirklich. Mein Beruf bietet mir einen großen Einsatzbereich, und ich könnte auch in anderen Unternehmen arbeiten. Ich werde definitiv etwas finden. Es ist aber nichts, von dem ich mir vor fünf oder zehn Jahren vorgestellt hätte, dass ich es gern machen würde.
Wahrscheinlich werde ich mein Leben lang in diesem Beruf bleiben, sofern nichts Besonderes passiert. Ich kann schlecht mit großen Veränderungen umgehen. Dort kenne ich die Menschen und weiß, was ich tun muss. Das gibt mir Sicherheit, und ich verdiene gutes Geld. Es spricht eigentlich nichts dagegen. Es ist in Ordnung, erfüllt mich aber nicht vollständig.
Julia:
Die Situation hat dir also ein Stück weit genommen, was du in deinem Leben gern gemacht hättest.
Thea:
Definitiv.
Julia:
Wie haben sich diese Erfahrungen auf deine heutigen Beziehungen und Bindungen ausgewirkt?
Thea:
Es gab einen prägenden Moment mit meinem früheren Partner. Nach einem Streit sagte er mir, dass ich Verhaltensweisen meiner Mutter zeigte. Dagegen hatte ich immer aktiv gekämpft, weil ich nicht wie sie sein wollte. Ich wusste, was sie sich selbst verbaut und wie sehr sie andere Menschen verletzt hatte. Genau das wollte ich für mich nicht.
Weil ich es nicht schaffte, diese Verhaltensweisen zu kontrollieren oder abzulegen, verlor ich meine Partnerschaft, Freundschaften und meine damalige Freundesgruppe.
Julia:
Hast du dir Hilfe gesucht, als du gemerkt hast, welche Folgen das hatte?
Thea:
Schon während der Partnerschaft war eine Bedingung für deren Fortbestehen, dass ich mir Hilfe suchte. Ich wandte mich an einen Therapeuten in der Nähe und hatte einige Gespräche. Anfangs war es in Ordnung. Seine Herangehensweise half mir aber nicht. Er arbeitete sehr spirituell und machte mit mir immer Atemübungen. Daran ist grundsätzlich nichts falsch, wenn jemand dadurch sein inneres Kind oder seinen inneren Frieden findet.
Mir brachte es jedoch nichts, weil ich nie über die Probleme mit meiner Mutter sprach: was sie getan hatte, wie es mich beeinflusste, welche Verhaltensweisen ich von ihr übernommen hatte und wie ich aus diesen Mustern herauskommen konnte. Das fehlte in der Therapie.
Julia:
Gab es etwas, das du lange für normal gehalten und später als ungesund erkannt hast? Wann wurde dir das klar?
Thea:
Als ich ausgezogen war. Ich wuchs mit der Vorstellung auf, dass man nach einem Streit nicht mehr miteinander redet und die Sache irgendwann vergessen ist. Natürlich hatte ich das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Als ich später selbst in einer Situation war, in der ich kommunizieren sollte, warum ich so gehandelt hatte, wie ich mich fühlte oder weshalb ich etwas gesagt hatte, wusste ich nicht, wie das geht.
Ich hatte nie gelernt, meine Gefühle zu erkennen oder darüber zu sprechen, weil ich zu Hause nichts von mir erzählen konnte oder durfte. Das stellte mich vor eine völlig neue Aufgabe.
Julia:
Beeinflussen diese Kindheitserfahrungen dein Leben bis heute?
Thea:
Ja, sehr.
Julia:
Wie wirken sie sich auf deine Beziehungen und dein Vertrauen zu anderen Menschen aus?
Thea:
Ich kann mich weniger gut öffnen, weil ich nicht noch einmal hören möchte, dass ich mich wie meine Mutter verhalte. Gleichzeitig bin ich sehr geduldig, weil ich mir diese Geduld auch von anderen wünsche. Ich bringe viel Zeit mit, weil ich weiß, dass ich das früher selbst gebraucht hätte – ein Umfeld mit weniger Druck.
Julia:
Irgendwann hast du entschieden, keinen Kontakt mehr zu deiner Mutter zu haben. Was war der ausschlaggebende Punkt, und wie geht es dir heute damit?
Thea:
Es waren weniger die negativen Nachrichten als ihre Erwartung, dass ich mich am besten täglich meldete und wir jeden Tag telefonierten. Das funktionierte nicht, weil ich einen anderen Tagesrhythmus und ein anderes Umfeld hatte. Sie verkraftete nicht, dass sie auf einmal nicht mehr die erste Priorität in meinem Leben war – auch wenn sie es nie gewesen war.
Unsere Gespräche waren außerdem inhaltsleer. Ich wollte ihr nichts aus meinem Leben erzählen, weil es ohnehin negativ zurückgekommen wäre und sie mir nicht zuhörte. Es ging immer nur um ihre Arbeit, ihren Garten und ihre Hobbys. Ich wollte meine Zeit und meine Nerven nicht mehr in eine Beziehung investieren, die mir mehr schadete als alles andere.
Julia:
Hat dir der Abstand nach dem Auszug geholfen, die Beziehung von außen anders zu betrachten?
Thea:
Definitiv. Ich war nicht mehr in der Situation, alles aushalten, durchleben und anhören zu müssen. Ich konnte sagen: Ich möchte das nicht hören. Ich melde mich nicht mehr bei meiner Mutter. Ich brauche sie nicht mehr in meinem Leben, um zu überleben.
Julia:
Wie reagieren andere Menschen, wenn du sagst, dass du den Kontakt zu deiner Mutter abgebrochen hast?
Thea:
Sehr unterschiedlich. Ein typischer Vorwurf lautet: „Aber sie ist doch deine Mutter.“ Darauf antworte ich: „Aber ich bin ihre Tochter.“ Es wird einen Grund haben, warum alle vier Kinder keinen Kontakt mehr zu ihr haben und sie auch zu niemand anderem in der Familie Kontakt hat.
Ich bin froh, dass ich Essen, Trinken und ein trockenes Zuhause hatte. Aber es fehlte an Liebe und an allem, was damit verbunden ist. Ich wünschte, ich hätte eine schönere Kindheit und Jugend gehabt und wäre sorgenfreier gewesen, statt ständig im Kampf-oder-Flucht-Modus zu leben und die Situation irgendwie auszuhalten.
Julia:
Was hat dir als Kind in der Erziehung am meisten gefehlt? Was hättest du damals am dringendsten gebraucht?
Thea:
Emotional auf Augenhöhe behandelt zu werden. Wenn ich etwas sage, sollte man mir zuhören. Man sollte füreinander da sein, statt dass es immer nur um die andere Person geht. Ich hätte gebraucht, gehört und gesehen zu werden.
Julia:
Was hast du aus deinen Erfahrungen für dein heutiges Leben gelernt?
Thea:
Ich möchte es besser machen, auch wenn das leichter gesagt als getan ist. Ich will mehr für meine Mitmenschen da sein, mehr zuhören, mehr Geduld und emotionale Nähe zeigen und andere auffangen. Ich möchte im Rahmen meiner Möglichkeiten für mein Umfeld da sein – ein besserer oder einfach ein guter Mensch sein.
Julia:
Was würdest du einer Person raten, die Ähnliches erlebt und noch mitten in dieser Situation steckt?
Thea:
Wenn es möglich und wirklich eine gute Option ist, sollte sie vielleicht mit dem Jugendamt sprechen. Ansonsten – auch wenn es hart klingt – hat mir nur geholfen, auszuhalten, stark zu bleiben und mir immer wieder zu sagen, dass ich so bald wie möglich selbstständig aus diesem Umfeld herauskommen werde. Das kann durch eine Ausbildung, Hilfe des Jugendamts oder betreutes Wohnen geschehen.
Also entweder sucht man Hilfe. Wenn das keine Option ist, weil es danach zu Hause vielleicht schlimmer wird, muss man hoffentlich einen Weg finden, sich selbst besser zu helfen.
Julia:
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer der Schritt zum Jugendamt ist. Trotzdem möchte ich betonen: Wenn ein Kind merkt, dass es nicht weiter so leben und die Situation nicht länger aushalten möchte, darf es sich Hilfe holen. Das Jugendamt ist dafür da, zu schützen und gegebenenfalls einen Ausweg zu ermöglichen. Für mich war das Kinderheim trotz aller Ängste die beste Entscheidung meines Lebens, weil der Druck von zu Hause dort wegfiel.
Wie geht es dir heute damit, dass du die Situation damals ausgehalten hast?
Thea:
Rückblickend frage ich mich, woher ich die Kraft genommen habe, weil ich oft an einem absoluten Tiefpunkt war. Ich wusste nicht, ob es besser werden würde, wenn ich wegzöge und in einer anderen Stadt und einem anderen Bundesland eine Ausbildung anfinge. Es würde anders werden, aber vielleicht nicht besser.
Julia:
Aber es musste anders werden, damit es besser werden konnte.
Thea:
Natürlich. Wenn man Veränderungen möchte, muss man auch Dinge zurücklassen.
Julia:
Und wie geht es dir heute damit?
Thea:
Ich kann nicht sagen, dass es mir einfach gut geht, denn ich habe noch immer Probleme damit. Aber ich bin froh, dass ich herausgekommen bin, heute mehr selbst entscheiden und unternehmen kann und mir Hilfe suchen darf, ohne dafür Ärger zu bekommen.
Julia:
War der spirituell arbeitende Therapeut deine einzige Therapieerfahrung?
Thea:
Nein. Nach dem Gespräch mit dem Jugendamt hatte ich bereits die Möglichkeit, therapeutische Hilfe anzunehmen. Das tat ich auch. Anfangs lief es gut. Dann versuchte die Therapeutin jedoch immer wieder, mich dazu zu bewegen, auch die Perspektive meiner Mutter einzubeziehen.
Meine Mutter war von Anfang an dagegen, dass ich therapeutische Hilfe annahm. Für sie bedeutete das, dass ich schlecht über sie oder unser Zuhause sprach. Deshalb ging ich heimlich zur Therapie. Ich brach sie schließlich ab, weil ich das Gefühl hatte, die Therapeutin wolle unbedingt mit meiner Mutter sprechen, um zu überprüfen, ob meine Aussagen stimmten oder wie die Situation von der anderen Seite aussah. In diesem Moment war das keine Hilfe für mich, sondern zusätzlicher Druck.
Julia:
Wie konntest du als Minderjährige heimlich psychologische Hilfe in Anspruch nehmen?
Thea:
Das lief über das Jugendamt und die zuständige Mitarbeiterin, die mich an die Therapeutin vermittelte. Ich weiß nicht mehr genau, wie alles organisiert und bezahlt wurde. Meine Mutter wusste, dass Therapie einmal Thema gewesen war und ich zu einem ersten Gespräch gegangen war. Dass ich die Behandlung über mehrere Sitzungen fortsetzte, wusste sie nicht.
Julia:
Wie konntest du die Termine vor deiner Mutter verbergen?
Thea:
Meine Mutter arbeitete in Schichten, abwechselnd früh und spät. Ich legte die Termine möglichst in ihre Spätschicht, sodass es nicht auffiel, wenn ich nach der Schule zwei Stunden später nach Hause kam. Ich ging einen kleinen Umweg durch die Stadt. Wenn sie Frühschicht hatte, sagte ich, ich würde eine Freundin treffen, ein Eis essen oder für ein Schulprojekt länger in der Schule bleiben. Alles musste heimlich geschehen, und ich suchte ständig nach Ausreden.
Julia:
Gibt es noch etwas, das du gern erzählen möchtest?
Thea:
Als ich auf die Grundschule kam, zog mein letzter Bruder für seine Ausbildung aus. Von da an war ich mit meiner Mutter allein. Ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat, aber ich war schon sehr jung sehr selbstständig. Bereits in der Grundschule schmierte ich mir mein Schulbrot selbst, ging allein zur Schule und machte eigenständig meine Hausaufgaben – Dinge, die man von einem so jungen Kind nicht erwarten sollte.
Diese Selbstständigkeit wurde mir später oft als etwas Positives angerechnet. Im Nachhinein finde ich es erschütternd und traurig, dass ich so früh lernen musste, erwachsen und selbstständig zu sein. Ich hatte nicht wirklich Zeit, Kind zu sein. Natürlich hat es auch Vorteile: Als ich während meiner Ausbildung allein lebte, konnte ich schon mit Geld umgehen und vieles selbst organisieren. Trotzdem wünschte ich, ich hätte diese Verantwortung länger abgeben und später lernen dürfen. Ich wäre gern noch etwas länger ein sorgenfreies und freies Kind gewesen.
Julia:
Das nimmt einem ein Stück Kindheit. Nicht mehr die Eltern übernehmen Verantwortung für das Kind, sondern das Kind für sich selbst und manchmal sogar für seine Eltern. Konntest du davon später etwas nachholen? Gibt es Momente, in denen du bewusst Dinge tust, die dir als Kind nicht möglich waren?
Thea:
Ich versuche heute, mehr zu unternehmen. Ich konnte einen Führerschein machen und mir von meinem Ausbildungsgehalt mein erstes Auto kaufen. Dadurch kann ich sagen: Ich fahre jetzt dorthin, wo ich möchte – auf Konzerte, zu Freunden oder auch einmal in einen Trampolinpark. Solche kleinen Aktivitäten, die man vielleicht eher mit Kindern verbindet, bringen mir viel Freude.
Ich bin sehr dankbar, dass ich die finanziellen Möglichkeiten und die Zeit dafür habe und spontan sein kann. Es ist natürlich nicht dasselbe wie in der Kindheit, als man sich nicht darum kümmern musste, wie man hinkommt, wo man parkt, was es kostet oder ob man Essen mitnimmt. Aber es ist eine Freiheit, die ich heute genießen kann, ohne auf jemand anderen Rücksicht nehmen zu müssen.
Julia:
Das ist ein schöner Abschluss. Danke, dass du deine Geschichte mit uns geteilt und über Dinge gesprochen hast, über die es vermutlich nicht immer leicht ist zu sprechen. Gerade bei solchen Themen ist es wichtig zu zeigen, dass eine schwierige Kindheit nicht bedeutet, für immer in diesen Mustern bleiben zu müssen.
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